SPÖ-Chef Gusenbauer Bieder, mürrisch, siegreich

Er hat es von ganz unten nach ganz oben gebracht: SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer steht vor dem Einzug ins Wiener Kanzleramt. Der Mann aus dem Arbeitermilieu verdankt seinen Wahlsieg den Rentnern: Sie glaubten dem Versprechen, der Wohlfahrtsstaat werde unter seiner Regierung gestärkt.

Wien – Dringend werden noch mal zwei Espressi benötigt. Die schwere gelbe Tür von Büro 204 im zweiten Stock der SPÖ-Parteizentrale öffnet sich nur einen Spalt weit. Das muss genügen, um das Silbertablett reinzureichen. Drinnen sitzen Norbert Darabos und Alfred Gusenbauer. Überglücklich schlürfen SPÖ-Bundesgeschäftsführer und Parteichef ein italienisches Heißgetränk nach dem anderen.

Es ist erst früher Nachmittag an diesem Wahltag in Österreich und bereits jetzt zeichnet sich der völlig unerwartete Sieg des sozialdemokratischen Herausforderers Gusenbauer über Bundeskanzler Wolfgang Schüssel von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) ab. Und dann lugt der Wahlkampfmanager Darabos aus Büro 204 heraus: "Wahnsinn, das ist hier doch wie Ostern und Weihnachten zusammen."

Das trifft es ziemlich genau. Denn für Alfred Gusenbauer ging es bei dieser Wahl um alles oder nichts, sie war seine letzte Chance. Das Ergebnis: die Auferstehung. Hätte der 46-Jährige verloren, er wäre wohl schnell beiseite gedrängt worden. Etwa von der erfolgreichen Salzburger SPÖ-Landeshauptfrau Gabi Burgstaller; oder vom mächtigen Wiener SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl. Gusenbauer hatte das Amt des SPÖ-Vorsitzenden vor sechs Jahren übernommen, nachdem Wolfgang Schüssel mit Jörg Haiders rechtspopulistischen Freiheitlichen (FPÖ) eine Koalition gebastelt und die SPÖ von den Schaltstellen der Macht vertrieben hatte.

Ein Mann mit gestähltem Durchhaltevermögen

Bei den Wahlen im Jahr 2002 unterlag der als bieder und mürrisch geltende SPÖ-Chef einem Kanzler Schüssel im Zenit seines Erfolges. Gusenbauer musste hernach den SPÖ-Fraktionsvorsitz im Nationalrat abgeben. Mit bei seinen Genossen sehr unpopulären Finten versuchte er fortan Schüssels Mitte-Rechts-Regierung unter Druck zu setzen. Gemeinsam mit dem bis dato von den Sozialdemokraten ausgegrenzten Jörg Haider machte er Stimmung gegen die umstrittene Pensionsreform der Regierung. Höhepunkt der Annäherung und auch der Kritik aus den eigenen Reihen: Ein gemeinsames Spargelessen mit dem Rechtsausleger der Republik.

Doch Alfred Gusenbauer hielt durch. Der Mann, der oft verkrampft und bemüht erscheint, zeichnet sich vor allem durch in jahrelanger Parteikarriere gestähltes Durchhaltevermögen aus. Anfang dieses Jahres schien er es fast geschafft zu haben: Alle Umfragen sagten ihm für die Nationalratswahl einen souveränen Sieg voraus. Doch dann das: Die Gewerkschaftsbank Bawag hatte mit Finanzspekulationen in der Karibik rund eine Milliarde Euro verspielt. Und weil die Verbindung von Sozialdemokratie und Gewerkschaften in der Alpenrepublik noch immer so eng ist wie einst in Deutschland, schlug die Sache direkt auf Gusenbauers Wahlkampf durch.

Wieder reagierte Gusenbauer auf eine Art, die nicht wenigen in seiner Partei übel aufstieß: Er verordnete, dass führende Gewerkschaftsfunktionäre künftig nicht mehr für die SPÖ im Parlament sitzen dürfen. Dabei hatte der einflussreiche SPÖ-Politiker Häupl dem Gewerkschaftsboss Hundstorfer gerade einen Spitzenplatz auf der Wiener SPÖ-Liste angeboten.

Das Rundum-Sorglos-Staatspaket

Deshalb also an diesem Wahltag der Spruch von Ostern und Weihnachten. Trotz des "Rucksacks Bawag", wie Gusenbauer sagt, ist er als erster über die Ziellinie gekommen. Ausschlaggebend war wohl ein dezidiert linker, betont sozialdemokratisch-wohlfahrtsstaatlicher Wahlkampf. Ganz offen forderte Gusenbauer "Umverteilung" und ließ im ganzen Land plakatieren, dass der Wohlstand "gerecht verteilt werden" müsse. Damit traf er Schüssels marktliberal ausgerichtete Regierung hart. Gusenbauer punktete massiv bei den über 50-Jährigen – bei allen anderen Altersgruppen lag die ÖVP vorn. Die Rentner-Bataillone haben den SPÖ-Chef in den Kanzlersessel gehievt.

Trotzdem: Bei Alfred Gusenbauer klingt die Sache mit der Umverteilung authentisch, nicht aufgesetzt. Der Arbeiterbub hat selbst vom fürsorglichen Staat profitiert. Mit Eltern und Schwester wuchs er in einer Gemeindewohnung im niederösterreichischen Ybbs auf. Über die staatlichen Bildungseinrichtungen gelang ihm der Aufstieg. Nach einem Politik-, Philosophie- und Jurastudium in Wien promovierte der bereits damals bei der SPÖ Angestellte über die "Österreichische Friedensbewegung im Ost-West-Kontext".

Schon im Sandkastenalter, so erzählte seine stolze Mutter Gertrud dieser Tage, wollte der kleine Alfred nicht Astronaut, nicht Matrose werden– sondern Bundeskanzler. Das erinnert ein bisschen an den Deutschen Gerhard Schröder, der einst in den achtziger Jahren an den Gitterstäben des Bonner Kanzleramts rüttelte.

Gusenbauer steht jetzt kurz vor seinem Ziel, alles sieht nach einer Großen Koalition unter seiner Führung aus. Aber – das sagen sie ein wenig ängstlich vor dem Büro 204 in der SPÖ-Zentrale – "der Schüssel is a Gauner, dem trau' ich alles zu". Könnte Wolfgang Schüssel die Verhandlungen mit der SPÖ platzen lassen, um mit den Rechtsradikalen von FPÖ und Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) zu regieren? Rein rechnerisch ginge das auf. Schüssels ÖVP allerdings würde das wohl zerreißen.

So wird der Sozialdemokrat Alfred Gusenbauer in diesem roten Oktober 2006 aller Wahrscheinlichkeit nach ganz oben ankommen. Als am Wahlabend die feiernden Massen im Zelt vor der SPÖ-Zentrale immer wieder "Gu-sen-bau-er, Bun-des-kanz-ler" skandieren, da winkt der Sohn gemeinsam mit der angereisten Mutter glücklich in die Menge. Gertrud und Alfred Gusenbauer haben Tränen in den Augen. Es ist ein weiter Weg gewesen, vom Gemeindebau ins Kanzleramt.

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