Österreichs Sozialdemokraten Aufgerieben und abgehängt

Christian Kern sollte Österreichs Sozialdemokraten als Kanzler Glanz und Frische verleihen. Doch nach ewigen Jahren großer Koalition muss sich die SPÖ nun in der Opposition neu erfinden.

Entsetzter SPÖ-Anhänger bei der Nationalratswahl im Oktober 2017
DPA

Entsetzter SPÖ-Anhänger bei der Nationalratswahl im Oktober 2017

Von , Wien


Sozialdemokratie in der Krise

Im Vergleich zur SPD geht es den Sozialdemokraten in Österreich gut, denn ihr Weg in die Zukunft steht fest: Auch sie haben zuletzt in einer Großen Koalition regiert (und sogar den Kanzler gestellt), kamen bei der Parlamentswahl am 15. Oktober 2017 mit 26,9 Prozent immerhin auf den zweiten Platz - und gehen nun in die Opposition. Regieren wird künftig ein Bündnis aus bürgerlich-konservativer ÖVP und rechtspopulistischer FPÖ.

Die SPÖ ist also größte Oppositionspartei und wird sich als solche bei einer rechten Regierung profilieren und erneuern können. Das ist auch dringend nötig, denn diese alte Partei, die in ihren besten Zeiten mit absoluter Mehrheit regierte und in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit Bruno Kreisky einen Kanzler stellte, dessen Name bis heute die Augen vieler Österreicher leuchten lässt, hat sich in der großen Koalition aufgerieben.

Das gefühlt ewige Bündnis der beiden Volksparteien hat in Österreich eine dritte Kraft stark werden lassen: die FPÖ. Und die findet seit Jahren ihre Wählerschaft vor allem bei Arbeitern und Angestellten - also bei der klassischen SPÖ-Klientel.

Immer wieder hat die SPÖ versucht, eine Abwanderung auch dadurch zu verhindern, indem sie rechte Politik der FPÖ kopiert, zuletzt in der Flüchtlingspolitik. So verkündete die SPÖ offiziell eine "Obergrenze" für die Aufnahme von Flüchtlingen. Genützt hat es ihr wenig, die Menschen wählen mit der FPÖ dann lieber gleich das Original - die FPÖ hat sich längst als Volkspartei etabliert.

Der Rechtsruck hat die Flügelkämpfe innerhalb der SPÖ verschärft. Mancherorts wie im Bundesland Burgenland koalieren SPÖ und FPÖ, während andernorts SPÖ-Politiker - zum Beispiel Wiens Bürgermeister Michael Häupl, graue Eminenz der Partei - ein Zusammengehen zwischen Sozialdemokraten und Rechtspopulisten regelmäßig ausschließen und parteiinterne Forderungen danach scharf kritisieren.

Die behäbige, oft zerstritten wirkende Partei mutet in einer Zeit, in der die Menschen auch in Österreich lieber eine "Bewegung" wählen und wo der ebenso behäbigen ÖVP die Verkleidung als Bewegung gelungen ist, wie aus der Zeit gefallen. Parteien sind uncool, die SPÖ ganz besonders.

SPÖ-Chef Christian Kern
REUTERS

SPÖ-Chef Christian Kern

Dabei war der Coolness-Faktor der SPÖ noch im Frühsommer 2016 schlagartig gestiegen: Ihr war es gelungen, mit dem ehemaligen österreichischen Bahnchef Christian Kern einen Politiker mit jugendlich-frischer Ausstrahlung als neuen Bundeskanzler und Parteichef zu installieren.

Doch dann übernahm in der ÖVP der noch jugendlichere Sebastian Kurz das Ruder, gewann die Wahl und ist nun Bundeskanzler. Die SPÖ hatte einen dramatisch schlechten Wahlkampf mit diversen Pannen hingelegt. Dafür schnitt sie erstaunlich gut ab, nämlich ohne Stimmenverluste im Vergleich zu 2013.

Ob Kern, der selbst von Parteifreunden als eitel beschrieben wird, die Rolle als Oppositionsführer übernehmen wird, ist ungewiss. Kern muss seine neue Rolle erst noch finden. Und mit ihm seine Partei.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sharoun 28.12.2017
1.
..und nun darf man gespannt sein, wann die ersten Schlauberger um die Ecke kommen mit dem Vorwurf, die "Linken" hätten sich einerseits zuwenig staatstragend verhalten und andererseits mal lieber "die Gesellschaft mitgestalten" sollen, statt in ewiger "ideologischer (..gemeint ist dogmatischer..) Opposition" zu verharren. Denn den Leuten gehts bekanntlich allen komplett supi - und wer da noch mit "alten klassenkämpferischen Posen" daherkommt, der wird eben mit dem Untergang bestraft. Daß auf der anderen Seite der Klassenkampf von ganz oben durchaus eingestanden und übrigens auch gefeiert wird, steht natürlich auf einem anderen Blatt und gerät angesichts der immer weiter um sich greifenden Verblödung immer mehr zu einem 'insider'...
sir wilfried 28.12.2017
2. Gibt es Unterschiede?
Gibt es gravierende Unterschiede zwischen der Politik der siebziger Jahre und der der letzten 20 Jahre? Falls ja, sollte die Ursachenanalyse und die Therapie machbar sein.
hanfbauer2 28.12.2017
3. die österreichischen Sozialdemokraten haben im Unterschied zur SPD...
...die dortige Sozialversicherung nicht an einen befreundeten "Maschmeyer" und dessen Drückerkollonnen verkauft. Ein Vergleich des deutschen Renten-Niveaus mit den österreichischen "Pensionen" ist ebenso aufschlussreich wie ein Vergleich der Gesamtkosten und Verteilung dieser Kosten im Gesundheitswesen. Das erklärt einiges wenn man SPD und SPÖ vergleicht.
archivdoktor 28.12.2017
4. Wow
"Immer wieder hat die SPÖ versucht, eine Abwanderung auch dadurch zu verhindern, indem sie rechte Politik der FPÖ kopiert, zuletzt in der Flüchtlingspolitik. So verkündete die SPÖ offiziell eine "Obergrenze" für die Aufnahme von Flüchtlingen" - wie, wenn man eine Obergrenze für Flüchtlinge möchte ist man rechts? Und wenn man keine Obergrenze für Flüchtlinge möchte, ist man links??? Ist das wirklich alles so einfach?
cottoncandy86 28.12.2017
5.
Zitat von sir wilfriedGibt es gravierende Unterschiede zwischen der Politik der siebziger Jahre und der der letzten 20 Jahre? Falls ja, sollte die Ursachenanalyse und die Therapie machbar sein.
Schwer wird eine Analyse, wenn man dann noch den Wandel der Welt seit 1970 mit einbeziehen will.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.