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26. April 2019, 14:33 Uhr

IS-Strategiewechsel in Sri Lanka

Terror pur

Eine Analyse von

Die Anschläge in Sri Lanka markieren einen Bruch mit den Mustern, die den "Islamischen Staat" einst groß gemacht haben. Sie zeigen die Gefährlichkeit, aber auch die strategische Planlosigkeit der gegenwärtigen Kommandoebene.

"Just Terror" betitelte der "Islamische Staat" (IS) im November 2015 nach den Anschlägen in Paris sein digitales Hochglanzmagazin "Dabiq", benannt nach dem geweissagten Ort der apokalyptischen Entscheidungsschlacht zwischen den Heeren der Muslime und der Christen.

Just Terror - das ließ sich, ganz im zynischen Sinne der Urheber, zweifach übersetzen: gerechter Terror - oder, bar jeder Begründung oder Rechtfertigung: einfach nur Terror.

Damals war der IS noch auf dem Zenit seiner Macht, beherrschte sein "Kalifat" noch Mossul, Rakka, weite Teile des Westiraks und Ostsyriens, sowie die Stadt Sirt in Libyen. Aber gleichzeitig war klar, dass die USA und ihre Verbündeten in der Anti-IS-Koalition ihre im Spätsommer 2014 aufgenommenen Luftangriffe fortsetzen, bald den Bodenkampf beginnen würden, um das Kernprojekt des IS, den "Staat", wieder von den virtuellen Landkarten zu tilgen.

Lange folgte die IS-Terrorwelle einem Plan

Es ging dem IS mit den Anschlägen auf Paris, Brüssel, und der Vielzahl von Einzelattacken darum, den Preis für den bevorstehenden Angriff aufs Herrschaftsgebiet der Dschihadisten in die Höhe zu treiben, sowie Ressentiments und Aufruhr zu schüren zwischen der Mehrheit und den Muslimen in Frankreich, Belgien und andernorts.

Die Terrorwelle folgte einem Plan, denn sie begann erst, als der Westen mehr als Worthülsen gegen die fortschreitende, mörderische Expansion der selbst ernannten Staatskrieger mobilisierte. Bis 2014 hatte der IS zwar gigantische Ressourcen aufgebracht, um erst große Gebiete Ostsyriens zu erobern und dann blitzartig im Westirak einzufallen - aber nicht im Westen gebombt. Selbst die in Hollywood-Qualität inszenierte Ermordung der amerikanischen Geisel James Foley (und anschließend weiterer Verschleppter aus den USA und Großbritannien) geschah, nachdem der IS Foley bereits fast zwei Jahre lang gefangen gehalten und eisern darüber geschwiegen hatte.

All dies gilt es zu erinnern, um zu verstehen, was die mutmaßliche Drahtzieherrolle des IS bei den Attentaten vom Ostersonntag in Sri Lanka bedeutet.

Ein mörderischer Akt des absoluten Opportunismus

Dass der IS beim Bau der Sprengsätze, bei der Logistik der Bombenserie auf Kirchen und Hotels eine wichtige Rolle gespielt hat, belegt nicht das zwei Tage später veröffentlichte Bekennervideo - sondern, sofern zutreffend, die Recherche des US-Senders CNN, wonach es der indische Geheimdienst war, der nach Verhören eines indischen IS-Anhängers sehr detaillierte Warnungen nach Colombo übermittelt hatte. Die dort dann tragischerweise versandeten.

Es würde erklären, wieso eine bis dato unbedeutende Splittergruppe namens "National Thowheed Jamaath", NTJ, die bis dato nur mit Vandalismus gegen buddhistische Tempel aufgefallen war, auf einmal zu einem solchen Inferno imstande sein konnte. Nur, dass sich dieses Inferno gar nicht gegen ihren Gegner richtete: Denn der bestand bislang in der rabiaten buddhistischen Mehrheit und Staatsmacht. Christen, ebenfalls eine Minderheit, und ausländische Touristen waren bislang niemandes Feind gewesen.

Ebenso wenig hatte Sri Lanka für den IS zuvor eine Rolle gespielt. Von der Insel waren laut Regierung 32 Menschen in das "Kalifat" ausgereist, weniger noch als von den Malediven. Allein aus Deutschland waren mehr als 30 Mal so viele gekommen.

Die Tat erscheint wie ein mörderischer Akt des absoluten Opportunismus. Wir bomben, weil wir es können. Das aber ist ein eklatanter Bruch mit jenen strategischen Mustern, die dem IS ab 2012 zu Macht und Größe verhalfen: Aufmerksamkeit an sich war nicht das Ziel, sondern ein ebenso dosiert wie diszipliniert eingesetztes Mittel.

Die frühe Phase der Infiltration von Syriens Aufstandsgebieten bis April 2013: unter absoluter Geheimhaltung verlaufen. Die Ausbildung einer Streitmacht aus den Tausenden ab 2012 nach Syrien einströmenden Ausländern: vollzogen, ohne dass nach außen hin auch nur der Name des IS genannt wurde. Die Beschaffung von über tausend Tonnen Sprengstoff und mehreren Kilometern Zündkabeln vielfach von indischen Herstellern über türkische Tarnfirmen: schon ab 2012 diskret organisiert.

Purer Terror, egal wo und um seiner selbst willen

Die überbordende PR-Maschinerie des IS täuschte darüber hinweg, dass öffentliche Aufmerksamkeit nur für bestimmte Bereiche gedacht war - ebenso, wie Terror im Ausland gezielt erst dann eingesetzt wurde, als die Angriffe aufs IS-Gebiet begannen. Die Handlungen hatten ein Ziel: einen eigenen Staat zu erobern und zu beherrschen.

Den IS nur durch die Brille der eigenen Ängste zu betrachten und in ihm vor allem den Urheber von Anschlägen im Westen zu sehen, trübt den Blick auf die Veränderungen. Denn die Bomben von Ostersonntag haben keinen Bezug mehr zu jedweder Agenda: weder jener der Täter, noch jener der alten IS-Führung. Sie zeigen stattdessen die Gefährlichkeit, aber auch die strategische Planlosigkeit der gegenwärtigen Kommandoebene.

Von der Zweideutigkeit des Herbstes 2015 ist nur die eine Variante übriggeblieben: purer Terror, egal wo und um seiner selbst willen.

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