IS-Strategiewechsel in Sri Lanka Terror pur

Die Anschläge in Sri Lanka markieren einen Bruch mit den Mustern, die den "Islamischen Staat" einst groß gemacht haben. Sie zeigen die Gefährlichkeit, aber auch die strategische Planlosigkeit der gegenwärtigen Kommandoebene.

Sicherheitsbeamter nach den Anschlägen von Sri Lanka
Gemunu Amarasinghe/ AP/ DPA

Sicherheitsbeamter nach den Anschlägen von Sri Lanka

Eine Analyse von


"Just Terror" betitelte der "Islamische Staat" (IS) im November 2015 nach den Anschlägen in Paris sein digitales Hochglanzmagazin "Dabiq", benannt nach dem geweissagten Ort der apokalyptischen Entscheidungsschlacht zwischen den Heeren der Muslime und der Christen.

Just Terror - das ließ sich, ganz im zynischen Sinne der Urheber, zweifach übersetzen: gerechter Terror - oder, bar jeder Begründung oder Rechtfertigung: einfach nur Terror.

Damals war der IS noch auf dem Zenit seiner Macht, beherrschte sein "Kalifat" noch Mossul, Rakka, weite Teile des Westiraks und Ostsyriens, sowie die Stadt Sirt in Libyen. Aber gleichzeitig war klar, dass die USA und ihre Verbündeten in der Anti-IS-Koalition ihre im Spätsommer 2014 aufgenommenen Luftangriffe fortsetzen, bald den Bodenkampf beginnen würden, um das Kernprojekt des IS, den "Staat", wieder von den virtuellen Landkarten zu tilgen.

Lange folgte die IS-Terrorwelle einem Plan

Es ging dem IS mit den Anschlägen auf Paris, Brüssel, und der Vielzahl von Einzelattacken darum, den Preis für den bevorstehenden Angriff aufs Herrschaftsgebiet der Dschihadisten in die Höhe zu treiben, sowie Ressentiments und Aufruhr zu schüren zwischen der Mehrheit und den Muslimen in Frankreich, Belgien und andernorts.

Die Terrorwelle folgte einem Plan, denn sie begann erst, als der Westen mehr als Worthülsen gegen die fortschreitende, mörderische Expansion der selbst ernannten Staatskrieger mobilisierte. Bis 2014 hatte der IS zwar gigantische Ressourcen aufgebracht, um erst große Gebiete Ostsyriens zu erobern und dann blitzartig im Westirak einzufallen - aber nicht im Westen gebombt. Selbst die in Hollywood-Qualität inszenierte Ermordung der amerikanischen Geisel James Foley (und anschließend weiterer Verschleppter aus den USA und Großbritannien) geschah, nachdem der IS Foley bereits fast zwei Jahre lang gefangen gehalten und eisern darüber geschwiegen hatte.

All dies gilt es zu erinnern, um zu verstehen, was die mutmaßliche Drahtzieherrolle des IS bei den Attentaten vom Ostersonntag in Sri Lanka bedeutet.

Ein mörderischer Akt des absoluten Opportunismus

Dass der IS beim Bau der Sprengsätze, bei der Logistik der Bombenserie auf Kirchen und Hotels eine wichtige Rolle gespielt hat, belegt nicht das zwei Tage später veröffentlichte Bekennervideo - sondern, sofern zutreffend, die Recherche des US-Senders CNN, wonach es der indische Geheimdienst war, der nach Verhören eines indischen IS-Anhängers sehr detaillierte Warnungen nach Colombo übermittelt hatte. Die dort dann tragischerweise versandeten.

Trauernde Angehörige nach den Anschlägen von Sri Lanka
Jewel SAMAD/ AFP

Trauernde Angehörige nach den Anschlägen von Sri Lanka

Es würde erklären, wieso eine bis dato unbedeutende Splittergruppe namens "National Thowheed Jamaath", NTJ, die bis dato nur mit Vandalismus gegen buddhistische Tempel aufgefallen war, auf einmal zu einem solchen Inferno imstande sein konnte. Nur, dass sich dieses Inferno gar nicht gegen ihren Gegner richtete: Denn der bestand bislang in der rabiaten buddhistischen Mehrheit und Staatsmacht. Christen, ebenfalls eine Minderheit, und ausländische Touristen waren bislang niemandes Feind gewesen.

Ebenso wenig hatte Sri Lanka für den IS zuvor eine Rolle gespielt. Von der Insel waren laut Regierung 32 Menschen in das "Kalifat" ausgereist, weniger noch als von den Malediven. Allein aus Deutschland waren mehr als 30 Mal so viele gekommen.

Die Tat erscheint wie ein mörderischer Akt des absoluten Opportunismus. Wir bomben, weil wir es können. Das aber ist ein eklatanter Bruch mit jenen strategischen Mustern, die dem IS ab 2012 zu Macht und Größe verhalfen: Aufmerksamkeit an sich war nicht das Ziel, sondern ein ebenso dosiert wie diszipliniert eingesetztes Mittel.

Die frühe Phase der Infiltration von Syriens Aufstandsgebieten bis April 2013: unter absoluter Geheimhaltung verlaufen. Die Ausbildung einer Streitmacht aus den Tausenden ab 2012 nach Syrien einströmenden Ausländern: vollzogen, ohne dass nach außen hin auch nur der Name des IS genannt wurde. Die Beschaffung von über tausend Tonnen Sprengstoff und mehreren Kilometern Zündkabeln vielfach von indischen Herstellern über türkische Tarnfirmen: schon ab 2012 diskret organisiert.

Purer Terror, egal wo und um seiner selbst willen

Die überbordende PR-Maschinerie des IS täuschte darüber hinweg, dass öffentliche Aufmerksamkeit nur für bestimmte Bereiche gedacht war - ebenso, wie Terror im Ausland gezielt erst dann eingesetzt wurde, als die Angriffe aufs IS-Gebiet begannen. Die Handlungen hatten ein Ziel: einen eigenen Staat zu erobern und zu beherrschen.

Den IS nur durch die Brille der eigenen Ängste zu betrachten und in ihm vor allem den Urheber von Anschlägen im Westen zu sehen, trübt den Blick auf die Veränderungen. Denn die Bomben von Ostersonntag haben keinen Bezug mehr zu jedweder Agenda: weder jener der Täter, noch jener der alten IS-Führung. Sie zeigen stattdessen die Gefährlichkeit, aber auch die strategische Planlosigkeit der gegenwärtigen Kommandoebene.

Von der Zweideutigkeit des Herbstes 2015 ist nur die eine Variante übriggeblieben: purer Terror, egal wo und um seiner selbst willen.

insgesamt 22 Beiträge
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Jöel L. 26.04.2019
1. "IS" ist weder Islam noch Staat sondern Daesh
Die kriminelle Bande von Feiglingen, die durch hinterlistige Angriffe nach Macht und Einfluss strebt nennt sich selbst IS. Von ihren Gegnern wird sie Daesh genannt. In unserem Kulturkreis sollten sich die Medien normalerweise um unparteiliche Berichterstattung bemühen. Die freie Presse soll sich nicht auf eine Seite schlagen. Beim Daesh ist das etwas Anderes. Daesh schert sich nicht um links oder rechts, Russland oder USA. Daesh kämpft gegen unsere Kultur. Über Terroristen dieses Kalibers kann man nicht neutral berichten. Wenn man ausführlich über sie berichtet, verbreitet man die Botschaft, die sie verbreiten wollen und wird zu ihrem Komplizen. Deshalb sollte man "IS" Daesh nennen und nur sparsam über ihre Untaten berichten. Hintergrundberichte wie dieser hier sind wichtig und nötig. Berichte über Attentate sollten sparsam sein und sich auf das nötigste beschränken.
b1964 26.04.2019
2. Strategie?
Ich weiß nicht recht, ob dem religiös-fanatischen Terror eine ausgefeilte Strategie zugrundeliegt. Für mich es viel leichter nachzuvollziehen, wenn ich mich mit der dahinter stehenden Ideologie auseinandersetze. Wenn die jeweilige Ideologie den Selbstmörder, der "Ungläubige" in den Tod reißt, im Paradies dafür belohnt, erklärt das schon fast alles. Und die Anführer im Hintergrund repräsentieren diesen fanatischen Glauben ebenfalls. Sie erklären andere Religionen zum Feind, ja Todfeind. Dahinter steht jeweils die Erhebung des (eigenen) Glaubens zur absoluten Wahrheit. Mithin ist diese Art der Religion maximal intollerant. Das ist konsequent und findet immer eine gewisse Zahl von Anhängern, die bereit sind, bis zum letzten zu gehen. Als Mensch mit aufgeklärter (westlicher) Bildung ist das natürlich so ziemlich das absolute Gegenteil von der eigenen Erkenntnis. Aber man muss zunächst einmal hinnehmen, dass es viele Menschen gibt, die mit einem aufgeklärten Bild der Welt überfordert sind. Das fängt schon damit an, dass es einfach anstrengend ist, das es für fast alle Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens keine einfachen eindimensionalen Antworten gibt. Religiöser Extremismus bietet aber genau dieses einfach gestrickten Antworten. Wie will man sonst erklären, dass sich Menschen für Hitler, für den Tenno, für Mohammed und bisweilen auch für Jesus in den Tod haben schicken lassen oder auch heute noch gehen?
nobody_incognito 26.04.2019
3.
Zitat von b1964Ich weiß nicht recht, ob dem religiös-fanatischen Terror eine ausgefeilte Strategie zugrundeliegt. Für mich es viel leichter nachzuvollziehen, wenn ich mich mit der dahinter stehenden Ideologie auseinandersetze. Wenn die jeweilige Ideologie den Selbstmörder, der "Ungläubige" in den Tod reißt, im Paradies dafür belohnt, erklärt das schon fast alles. Und die Anführer im Hintergrund repräsentieren diesen fanatischen Glauben ebenfalls. Sie erklären andere Religionen zum Feind, ja Todfeind. Dahinter steht jeweils die Erhebung des (eigenen) Glaubens zur absoluten Wahrheit. Mithin ist diese Art der Religion maximal intollerant. Das ist konsequent und findet immer eine gewisse Zahl von Anhängern, die bereit sind, bis zum letzten zu gehen. Als Mensch mit aufgeklärter (westlicher) Bildung ist das natürlich so ziemlich das absolute Gegenteil von der eigenen Erkenntnis. Aber man muss zunächst einmal hinnehmen, dass es viele Menschen gibt, die mit einem aufgeklärten Bild der Welt überfordert sind. Das fängt schon damit an, dass es einfach anstrengend ist, das es für fast alle Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens keine einfachen eindimensionalen Antworten gibt. Religiöser Extremismus bietet aber genau dieses einfach gestrickten Antworten. Wie will man sonst erklären, dass sich Menschen für Hitler, für den Tenno, für Mohammed und bisweilen auch für Jesus in den Tod haben schicken lassen oder auch heute noch gehen?
Naja man hat sich für einen "Geist" von dessen Wahrhaftigkeit oder Mächtigkeit man überzeugt war geopfert oder besetzen und benutzen lassen. Ein Martyrium ist, wenn man für die Wahrheit stirbt, für eine andere "Sache" zu sterben tut man eher nur aus der Lust an Illusion. ;-) Wenn es Märtyrer nicht gegeben hätte, hätte die Welt nie einen Fortschritt gemacht, bzw. der vermeintlich aufgeklärte Konfromismus den wir "leben" führt auch zu und in's Nichts. Sterben müssen wir alle eh, egal wie viele Jahre man sich an jeden Strohhalm klammert.
adal_ 26.04.2019
4. Heiligs Blechle
Zitat von b1964Ich weiß nicht recht, ob dem religiös-fanatischen Terror eine ausgefeilte Strategie zugrundeliegt. Für mich es viel leichter nachzuvollziehen, wenn ich mich mit der dahinter stehenden Ideologie auseinandersetze. Wenn die jeweilige Ideologie den Selbstmörder, der "Ungläubige" in den Tod reißt, im Paradies dafür belohnt, erklärt das schon fast alles. Und die Anführer im Hintergrund repräsentieren diesen fanatischen Glauben ebenfalls. Sie erklären andere Religionen zum Feind, ja Todfeind. Dahinter steht jeweils die Erhebung des (eigenen) Glaubens zur absoluten Wahrheit. Mithin ist diese Art der Religion maximal intollerant. Das ist konsequent und findet immer eine gewisse Zahl von Anhängern, die bereit sind, bis zum letzten zu gehen. Als Mensch mit aufgeklärter (westlicher) Bildung ist das natürlich so ziemlich das absolute Gegenteil von der eigenen Erkenntnis. Aber man muss zunächst einmal hinnehmen, dass es viele Menschen gibt, die mit einem aufgeklärten Bild der Welt überfordert sind. Das fängt schon damit an, dass es einfach anstrengend ist, das es für fast alle Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens keine einfachen eindimensionalen Antworten gibt. Religiöser Extremismus bietet aber genau dieses einfach gestrickten Antworten. Wie will man sonst erklären, dass sich Menschen für Hitler, für den Tenno, für Mohammed und bisweilen auch für Jesus in den Tod haben schicken lassen oder auch heute noch gehen?
Aha, ein Sankt-Adolf-Experte. :-)
Pollowitzer 26.04.2019
5. IS reklamiert doch...
...jeden Affenfurz für sich um im Gespräch zu bleiben - meiner Meinung nach gibt es keinen IS mehr, nur noch ein Häuflein Gestörte die sich dafür ausgeben.
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