Sri Lanka EU fordert Untersuchung von Völkerrechtsverletzungen

Die Regierung von Sri Lanka verkündet stolz den Sieg über die tamilischen Rebellen. Doch international wächst die Sorge um die Menschen im bisherigen Kampfgebiet. Die EU zeigte sich entsetzt über die hohe Zahl von zivilen Opfern und verlangt Aufklärung.


Colombo/Brüssel - Die EU antwortet auf die Siegesmeldungen aus Colombo mit mahnenden Worten: "Die Schuldigen müssen vor Gericht gestellt werden", heißt es in einer Erklärung der Außenminister der 27 EU-Staaten. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von "einer Lage, die sich zu einem dramatischen Ende zugespitzt hat". Es gebe "massive Opfer in der Zivilbevölkerung".

Ein Soldat trägt ein Kind in der Kampfzone: "Den Krieg erfolgreich beendet"
AFP

Ein Soldat trägt ein Kind in der Kampfzone: "Den Krieg erfolgreich beendet"

Die Regierung in Sri Lanka hatte zuvor das Ende ihres jahrzehntelangen Konflikts mit den tamilischen Rebellen und den Tod von Guerillaführer Velupillai Prabhakaran verkündet. "Wir haben den Krieg erfolgreich beendet", sagte Verteidigungsminister Gotabhaya Rajapakse am Montag in einer im Fernsehen übertragenen Zeremonie.

Steinmeier sagte: "Sicherlich stehen wir kurz vor einem Ende der militärischen Auseinandersetzung."Es gebe etwa 7000 Zivilisten, die offenbar getötet worden seien. Mindestens 14.000 seien verletzt worden, 300.000 Binnenflüchtlinge seien in mehr als 50 Lagern untergebracht. Dort herrsche extremer Mangel an Medikamenten. Die deutsche Regierung erhöhte die humanitäre Hilfe für Sri Lanka von 4,7 auf nunmehr 5,2 Millionen Euro.

"Beunruhigend ist, dass sich die Regierung in Sri Lanka nach wie vor nicht entschließen kann, mit den Hilfsorganisationen so zusammenzuarbeiten, dass eine schnelle Verbesserung der humanitären Lage tatsächlich erhofft werden kann", sagte der deutsche Außenminister. Thomas Seibert von der Hilfsorganisation Medico International erklärte:"Niemand außerhalb der Kampfzone weiß, was sich jetzt dort abspielt."

Schwere Anschuldigungen von beiden Seiten

In der Brüsseler Erklärung heißt es: "Die EU ist entsetzt über den Verlust ziviler Menschenleben und über die große Zahl von Opfern, darunter auch Kinder, nach heftigen Kämpfen im Norden Sri Lankas." "Während sich die Kämpfe ihrem Ende nähern", forderten die EU-Außenminister die Konfliktparteien auf, rasch "einen umfassenden politischen Prozess zu beginnen, der sich mit den legitimen Anliegen aller Bevölkerungsgruppen Sri Lankas befasst". Die EU erwarte, dass sich alle Seiten an dem politischen Prozess beteiligten.

Finnlands Außenminister Alexander Stubb sagte, er unterstütze die Forderung nach einer internationalen Untersuchung. "Zunächst einmal ist es jedoch wichtig, dass wir die gesamte humanitäre Hilfe nach Sri Lanka bringen." Der britische Außenminister David Miliband sagte: "Es hat sehr schwere Anschuldigungen von beiden Seiten gegeben. Es immer "die britische Position" gewesen, solch "schwerwiegenden Beschuldigungen" zu untersuchen.

DER SPIEGEL
Der Armeechef von Sri Lanka erklärte, das gesamte Land sei nun vom "Terrorismus befreit" und alle Kampfhandlungen gegen die tamilischen Rebellen eingestellt, sagte Armeechef Sarath Fonseka. Die Armee habe am Montag den letzten Streifen Land im Nordosten des Landes eingenommen, der noch von den Befreiungstigern von Tamil Eelam (LTTE) gehalten wurde. Dabei seien 300 Kämpfer getötet worden, darunter Mitglieder des Führungszirkels der LTTE.

Den Angaben des Militärs zufolge wurde am Montag auch LTTE-Führer Prabhakaran auf der Flucht vor den Regierungstruppen erschossen. Der Rebellenchef habe versucht, in einem kleinen Konvoi zu fliehen, sagte ein ranghoher Vertreter des Verteidigungsministeriums in Colombo. Bei der Aktion sei sein Fahrzeug in Brand geraten und auch zwei seiner Stellvertreter getötet worden. Die den Rebellen nahestehende Internet-Seite Tamilnet kritisierte, erste Berichte deuteten auf ein "gezieltes Massaker" der Armee an der LTTE-Führung hin.

Das Büro von Sri Lankas Präsident Mahinda Rajapakse und das staatliche Fernsehen bestätigten den Tod Prabhakarans und seiner Führungsleute. Zur Sicherheit sollten Gerichtsmediziner DNA-Tests an den zum Teil schwerverbrannten Leichen vornehmen. Am Morgen hatte die Armee bereits den Tod von drei weiteren LTTE-Führungsmitgliedern gemeldet, unter ihnen auch Prabhakarans 24-jähriger Sohn Charles Anthony.

Die Befreiungstiger kämpften seit 1972 für einen eigenständigen Stadt für die Minderheit der Tamilen im Norden und Nordosten von Sri Lanka. 1983 brach der bewaffnete Konflikt offen aus. Durch Kämpfe und Anschläge wurden rund 70000 Menschen getötet.

Während die Rebellen 2006 noch gut ein Drittel des Inselstaates unter ihrer Kontrolle hatten, blieb ihnen nach der im Januar begonnenen Armeeoffensive am Ende nur noch ein kleines Dschungelgebiet. Am Sonntag hatten die LTTE-Rebellen erklärt, dass sie die Waffen niederlegen. Laut Uno waren bereits Ende April bis zu 115.000 Menschen aus dem Gebiet geflohen. Uno-Schätzungen zufolge starben bei der Offensive von Ende Januar bis Mitte April 6500 Zivilisten.

sac/dpa/AFP



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