Sri Lanka Hoffnung auf die Kriegsmüden

Nach dem Mord an Außenminister Kadirgamar droht der Bürgerkrieg auf Sri Lanka wieder zu entflammen. Das Misstrauen auf der paradiesischen Insel vor Indien ist zurückgekehrt. Hoffnung macht einzig die Kriegsmüdigkeit des Volkes.

Aus Colombo berichtet Padma Rao


Verbrennung des Leichnams von Kadirgamar: Seine Mörder sind noch auf freiem Fuß
AFP

Verbrennung des Leichnams von Kadirgamar: Seine Mörder sind noch auf freiem Fuß

Colombo - Es war ein pittoresker Abend, wie fast jeder in dem idyllischen Inselstaat Sri Lanka, als der Sohn des sri-lankischen Außenministers, Lakshman Kadirgamar, den Scheiterhaufen seines ermordeten Vaters inmitten der Hauptstadt Colombo anzündete. Er wurde Opfer eines Terrorakts der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE), das war die jüngste Verletzung des seit drei Jahren herrschenden Waffenstillstands.

Eine flammende Sonne ging im Indischen Ozean unter, orangefarben bekleidete buddhistische und hinduistische Priester und im weißen Gewand christliche Pfarrer und muslimische Maulvis, lasen jeweils aus ihren heiligen Büchern vor. Zehntausende Zuschauer, vereint in tiefer Trauer, falteten die Hände.

Kadirgamar war selbst Tamile, aber dafür "durch und durch ein Sri-Lanker" wie der 73-jährige Politikveteran selbst knapp zwei Wochen vor seiner Ermordung in seinem letzten exklusiven Interview mit dem SPIEGEL betont hatte. Aber er, der schärfste Kritiker der LTTE hatte die nördliche Separatistenorganisation zumindest in den USA und Großbritannien erfolgreich verbieten lassen und die Finanzierung des Terrorkriegs der LTTE von tamilischen Sympathisanten in beiden Ländern somit erschwert.

Staatsakt für Kadirgamar: "... dann gibt es Krieg"
DPA

Staatsakt für Kadirgamar: "... dann gibt es Krieg"

Wie andere moderate Tamilen des politischen Etablissements in Colombo, wusste Kadirgamar, dass er Nummer eins auf der Hitliste der Tiger war. "Wenn die LTTE nur noch eine wichtige Persönlichkeit angreifen, gibt es Krieg", hatte er in dem SPIEGEL-Gespräch, das unweit vom späteren Tatort stattfand, prophezeit.

Seit Verbrennung und Beerdigung der Asche am vergangenen Montag sieht es tatsächlich aus, als würde er Recht behalten.

Das Tourismusgeschäft ist rückläufig. Es ist die wichtigste Einkommensquelle des Landes, die im vergangenen Jahr kurz vor dem Tsunami, zum ersten Mal in zwei Jahrzehnten florierte. Ausländische Investoren zittern erneut. An jeder Straßenecke stehen Dutzende Soldaten und Polizisten, Autos werden aufgehalten, und sorgfältig gecheckt. Ein tamilisch klingender Name, wenn auch aus Indien, erweckt sofort Misstrauen. Die Häuser von Tausenden einheimischen Tamilen werden durchkämmt. Kameras, Tonbandgeräte und Handys werden beschlagnahmt, Journalisten werden angewiesen, in ihre Hotels zurückzukehren und sich nicht allzu lang auf den Straßen Colombos aufzuhalten.

"Die Tiger wollen kein Frieden"

Colombo: Starke Sicherheitsmaßnahmen
REUTERS

Colombo: Starke Sicherheitsmaßnahmen

Vor dem Haus des von der LTTE massiv bedrohten moderaten tamilischen Politikers und Agrarministers, Douglas Devananda, herrscht Krieg. Das Wohnviertel inmitten Colombos ist fast ganz gesperrt, Handys und Kreditkarten müssen bei den bewaffneten Truppen hinterlassen werden, ehe man Devananda in seinem bunkerartigen Büro besuchen darf. Das hat seien Gründe: Devananda wurde bereits von zwei weiblichen Selbstmordkommandos just in diesem Haus besucht: Eine starb, die andere sitzt im Gefängnis.

Nun überwachen Dutzende barfüßiger und schwer bewaffneter Anhänger von Devanandas moderater Eelam People's Democratic Party (EPDP) die Straße auf der Suche nach LTTE-Kadern, zu denen sie einst selbst gehörten, ehe ihr Anführer die Waffen niederlegte.

"Die Tiger wollen kein Frieden, sondern ein Stück Land und werden weiter töten, bis sie's kriegen", sagt Devananda mit Wortspiel auf das englische Wort peace. "Ich würde viel lieber in dieser versteckten Weise leben, als dem faschistischen Tiger-Chef zu salutieren." Als Motivationsmethode in dem hochalphabetisierten Land sind Plakate besonders wichtig. Auch hinter Devananda hängt eins: "Das Mutterland ruft euch!" Der von der LTTE gejagte Politiker der moderaten EPDP erklärt sorgfältig, dass damit inzwischen Sri Lanka, und nicht der von der LTTE anvisierte unabhängige Tamilenstaat "Eelam" gemeint ist.

Poster-Rhetorik

Präsidentin Kumaratunga: Anfang vom Ende?
AP

Präsidentin Kumaratunga: Anfang vom Ende?

Auch draußen auf den breiten Boulevards der Hauptstadt spiegeln Plakate die Gefühle ihrer Autoren wider. Kritiker der sri-lankischen Präsidentin und Hauptarchitektin des Friedensprozesses, Chandrika Bandaranaike Kumaratunga, stellen die provokative Frage: "Der Anfang vom Ende ihrer Dynastie?" Andererseits fordern gigantische schwarzweiße Exemplare von sogenannten patriotischen Gruppen: "Let's get HIM now!" Gemeint ist Tiger-Chef Velupillai Prabhakaran, der in Colombo und Indien wegen einer Reihe von politischen Morden gesucht wird.

Statt die Fortsetzung der vergangenes Jahr abgebrochenen Friedensgespräche oder des seit drei Jahren haltenden Waffenstillstandes, wollen die Urheber der Poster-Rhetorik offenbar wieder zur bewaffneten Herausforderung der gnadenlosesten Terrorgruppe der Welt, der LTTE, aufhetzen, zur Wiederaufnahme des 18 Jahre langen Zivilkrieges, der mehr als 63.000 Menschen und den Inselstaat seine Weiterentwicklung gekostet hat.

Offiziell hält sich der Staat Sri Lanka dennoch zurück. Trotz der bisher größten Provokation der LTTE und kaum einen Tag nach dem Mord ihres populären Außenministers und engsten Vertrauten Kadirgamar, hat Kumaratunga zwar den Ausnahmezustand ausgerufen, aber dafür auch angekündigt, dass Colombo den Waffenstillstand einhalten werde.

Dreier-Konflikt als Rechtfertigung

Wie erwartet hat die LTTE-Führung sich von dem Mord Kadirgamars distanziert. Denn spätestens seit dem Entstehen einer Splittergruppe der LTTE im März 2004, die laut Experten selbst von der sri-lankischen Armee geschützt wird, gibt es einen Dreier-Konflikt, eine Situation die die Tiger als Erklärung jeder Verletzung des Waffenstillstandes regelrecht ausnützen.

"Auge für Auge, Zahn für Zahn ist nicht unser Motto", sagte LTTE-Hauptverwalter Thamilchelvan, als sich die LTTE von dem Mord distanzierte. "Wir sind dem Waffenstillstand ernsthaft verpflichtet."

Trotzdem verbrannten Kader der LTTE die nach dem Mord Kadirgamars auf Halbmast wehenden Flaggen der Uno in einem ihrer nördlichen Büros. Ein sri-lankischer Fernsehkanal berichtete, dass Quellen im Militärgeheimdienst Sri Lankas Stunden nach dem Mord des Außenministers eine jubelnde Mitteilung des LTTE-Geheimdienstchefs Yogaraj an seinen Stellvertreter abgehört hätten. "Kadirgamar ist tot, wir haben ihn fertig gemacht. Wusstest du's noch nicht?" Kein Wunder dass jedes Dementi aus der LTTE-Hochburg auf taube Ohren stößt.

Kritik an Oslo

Präsidentin Kumaratunga will direkte Gespräche mit der LTTE abhalten. Darüber informierte sie den norwegischen Außenminister Jan Petersen und sein Team, Oslo hatte bislang im Friedensprozess vermittelt. Gleichzeitig forderte sie auch die internationale Gemeinschaft auf, von nun an entschiedener gegen die LTTE vorzugehen. "Diese neueste Terrortat der LTTE ist sehr weit oben auf der Richterskala", warnt eine hochrangige diplomatische Quelle des großen und für Sri Lanka wichtigsten Nachbarn Indien. "Wenn Oslo sich als weltgrößter Friedensmacher darstellen will, muss es mehr tun."

"Ich fühle mich leer"

Kritiker sagen auch, Oslo stehe der LTTE unnötig nah. Norwegen sei, wegen seiner eigenen verhältnismäßig großen tamilischen Bürgerschaft, im Norden Sri Lankas zu sanft getreten.

Noch ist ungewiss, wann die geplanten Gespräche zwischen Colombo und der LTTE-Hochburg im nördlichen Killinochchi stattfinden, die Atmosphäre auf den Straßen ist zweifellos angespannt. Hoffnung macht einzig die offensichtliche Kriegsmüdigkeit.

"Beide ethnische Gruppen sind von derselben Herkunft, zanken sich dennoch über ein Stück Land. Keiner will nachgeben, wen interessieren nun diese kommenden Gespräche?" fragt Mohan, ein Manager in einem Restaurant in Colombo und selbst von tamilischer und singhalesischer Herkunft. "Bisher hatte ich Hoffnung, nun fühle ich mich leer."



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