Staatsbegräbnis in Polen Medwedew legt an Kaczynskis Sarg Rosen nieder

Zehntausende Polen gaben ihrem Präsidenten das letzte Geleit - Lech Kaczynski ist in Krakau beigesetzt worden. Viele Regierungschefs konnten nicht anreisen, darunter Barack Obama und Angela Merkel. Russlands Präsident Medwedew sagte, die Trauer verbinde beide Länder.

AP

Mit einem Staatsbegräbnis für den polnischen Präsidenten sind die Trauerzeremonien am Sonntag in Krakau zu Ende gegangen. Lech Kaczynski und seine Frau Maria wurden nach einer Trauermesse in Krakau in der Krypta des Wawel-Kathedrale bestattet, wo bereits Könige und Nationalhelden der polnischen Geschichte begraben liegen. Nur die Familie, darunter Tochter Marta und Lech Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw, durften den letzten Minuten der Beisetzung beiwohnen.

Unter strahlend blauem Himmel hatten sich Sonntagmittag erneut Zehntausende Polen versammelt, um dem Präsidentenpaar die letzte Ehre zu erweisen. Lech Kaczynski und seine Frau Maria waren am Samstag vor acht Tagen bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk gestorben. Ihre Särge wurden am Vormittag vom Krakauer Flughafen in die Marienkirche am Hauptmarkt der Altstadt gebracht. Dort fand die Trauermesse statt; danach trugen Soldaten die in rot-weißen Flaggen gehüllten Särge wieder aus der Kirche. Denn die letzte Ruhe hat das Paar in der Wawel-Burg gefunden.

Deutschland wurde beim Staatsbegräbnis von Bundespräsident Horst Köhler und Bundesaußenminister Guido Westerwelle vertreten. Sie waren per Hubschrauber angereist. Auch 23 Streicher der Berliner Philharmoniker und Dirigent Sir Simon Rattle saßen mit in den Hubschraubern. Sie wollten in Krakau die "Metamorphosen" von Richard Strauss spielen.

Die Trauer hat Polen und Russland zusammengeführt

Absagen musste dagegen Bundeskanzlerin Angela Merkel - nach tagelanger Odyssee durch Europa erreichte sie erst am Nachmittag Berlin. Auch die Teilnahme zahlreicher anderer Staats- und Regierungschefs wurde durch die Vulkanaschewolke über Europa vereitelt. US-Präsident Barack Obama etwa hatte noch am Samstag angekündigt, er werde trotzdem nach Polen kommen, doch das gelang ihm nicht. Wegen des Flugverbots über fast ganz Europa fehlten außerdem Italiens Ministerpräsident Berlusconi, seine Kollegen Zapatero (Spanien), Balkenende (Niederlande), die Staatspräsidenten Sarkozy (Frankreich) und Gül (Türkei), die Könige Juan Carlos (Spanien) und Harald V. (Norwegen) sowie etliche andere Trauergäste.

Dagegen traf Dmitrij Medwedew am Sonntagmittag mit einer Sondermaschine in Krakau ein. Auf den russischen Präsidenten, dessen Land eine schwierige Vergangenheit mit Polen hat, richteten sich am Sonntag die Augen vieler Polen. Im Gespräch mit dem polnischen Regierungschef Donald Tusk sagte Medwedew vor der Messe, die Trauer habe beide Nationen verbunden. Auch künftig sei das russische Volk bereit zur Zusammenarbeit.

Medwedew legte in der Marienkirche einen Strauß scharlachroter Rosen nieder und zündete eine Kerze an. Das russische Staatsfernsehen übertrug das Staatsbegräbnis direkt. Medwedew wurde als wichtigster ausländischer Politiker in der Krakauer Marienkirche ganz nach vorn zu seinem Sitz geführt.

Kaczynskis Maschine war bei Smolensk in Westrussland bei dichtem Nebel abgestürzt, als eine polnische Delegation auf dem Weg zu Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Hinrichtungen in Katyn gewesen war. Der sowjetische Geheimdienst hatte damals 22.000 polnische Offiziere und andere Mitglieder der Führungselite umgebracht.

Weniger Trauergäste in Krakau als erwartet

Der Flugzeugabsturz und die Trauer um die Toten hatte nicht nur die Polen geeint, er hatte auch Polen und Russland nähergebracht. Der Metropolit von Krakau, Kardinal Stanislaw Dziwisz, rief angesichts der Katastrophe in Smolensk mit 96 Toten Polen und Russen zur Versöhnung auf. Die Tragödie habe viel Gutes in beiden Nationen freigesetzt, sagte Dziwisz bei der Trauermesse.

Die Zeremonie am Sonntag hatte mit Gedenkminuten und Sirenengeheul in ganz Krakau begonnen. Tausende Trauernde säumten die Straßen von Krakau. Als der Konvoi mit den Särgen des Präsidentenpaars durch die engen Gassen fuhr, spendeten die Wartenden Beifall und warfen gelbe und rote Nelken vor die Leichenwagen, die Lieblingsblumen von Maria Kaczynski.

Zur Totenmesse in der prächtigen Krakauer Marienkirche zogen die Bischöfe zu Klängen des Mozart-Requiems ein. Auf dem Platz vor der Kirche verfolgten knapp 100.000 Menschen die Messe auf Großleinwänden - deutlich weniger als erwartet, die Organisatoren hatten mit rund einer Million Trauergästen gerechnet. "Es gibt gewisse Ermüdungserscheinungen durch die Trauerfeiern, die bereits eine Woche dauern", sagte die Soziologin Malgorzata Melchior. Am Samstag hatten bereits Hunderttausende in Warschau Abschied von Lech Kaczynski und den 95 weiteren Opfern des Flugzeugunglücks genommen.

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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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