Obama in England: Besuch bei Freunden
Staatsbesuch in London Obama beschwört die Achse der Guten
Barack Obama traf genau den richtigen Ton. "Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich sind unentbehrlich für die Welt", sagte der US-Präsident am Mittwochnachmittag in der ehrwürdigen Westminster Hall des Londoner Parlamentsgebäudes. Wer glaube, dass aufstrebende Staaten bald die Führung übernehmen könnten, liege falsch. "Der Zeitpunkt für unsere Führung ist jetzt".
Es sei in Mode gekommen, in den rasch an Einfluss gewinnenden Schwellenländern die Weltmächte der Zukunft zu sehen, während sich "unsere Führungsrolle überlebt" habe, sagte Obama. Dem sei nicht so. "Es waren die USA, Großbritannien und ihre demokratischen Verbündeten, die eine Welt geschaffen haben, in der sich neue Nationen entwickeln und Individuen gedeihen konnten."
Solche Worte kamen gut an. Tosender Applaus hallte durch die gotische Halle, als Obama seine vierzigminütige Rede beendet hatte. Es war das erste Mal, dass ein US-Präsident an diesem Ort vor beiden Häusern des britischen Parlaments sprach. Seit dem Zweiten Weltkrieg war diese Ehre nur Charles de Gaulle, Nelson Mandela und Papst Benedikt XVI. zuteil geworden. In der ersten Reihe saßen neben dem britischen Premier David Cameron seine Vorgänger: Gordon Brown, Tony Blair und John Major. Nur die kranke Margaret Thatcher fehlte.
Obamas Auftritt, seine zentrale außenpolitische Rede auf der sechstägigen Europareise, sollte unterstreichen, wie wichtig die "special relationship" zwischen den USA und Großbritannien im Jahr 2011 wieder ist. Und er enttäuschte die Erwartungen nicht.
Obamas triumphaler Schlusspunkt
Der Präsident beschwor die lange gemeinsame Geschichte der beiden Nationen, die geteilten Werte und das globale Verantwortungsbewusstsein, was daraus erwachse. "Amerikanisch oder britisch zu sein, heißt nicht, einer bestimmten Gruppe anzugehören, sondern, an bestimmte Ideen zu glauben", sagte er. So sei es möglich, "dass der Enkel eines kenianischen Kochs in Diensten der britischen Armee heute als Präsident der Vereinigten Staaten vor Ihnen steht".
Von der gleichen Freiheit träumten auch die Jugendlichen, die in Damaskus und Teheran auf die Straße gingen, sagte Obama. Deshalb stünden Großbritannien und die USA an ihrer Seite und würden ihren Worten Taten folgen lassen. "Wenn wir diese Verantwortung nicht übernähmen, wer würde es dann tun?", fragte Obama. Eine neue Ära der Kooperation sei daher nötig, ein neues Kapitel der amerikanisch-britischen Zusammenarbeit werde aufgeschlagen.
Die britischen Parlamentarier waren hingerissen. Nichts hören sie so gern wie den Satz, dass sie in der Welt gebraucht werden und sich auf Augenhöhe mit der Weltmacht befinden. Und so setzte Obamas Rede einen triumphalen Schlusspunkt unter einen Staatsbesuch, der auf beiden Seiten als höchst gelungen gilt.
Enger hätte der Schulterschluss der beiden Partner in diesen beiden Tagen kaum ausfallen können. Obama und Cameron verkniffen sich zwar Bemerkungen über gemeinsame Zahnpasta-Vorlieben, doch in ihrer demonstrativen Jovialität erinnerten sie schon an die Männerfreunde George W. Bush und Tony Blair.
Hemdsärmelig beim Barbecue
"Kann mal jemand einen Arzt rufen?", witzelte Obama am Dienstag, als Cameron beim Tischtennis-Spielen mit Jugendlichen in Südlondon von einem Ball getroffen wurde. Am Mittwochmittag erschienen die beiden dann hemdsärmelig zum Barbecue mit britischen und amerikanischen Kriegsveteranen im Rosengarten der Downing Street und standen einige Minuten mit der Wurstzange in der linken Hand am Grill (beide sind Linkshänder).
Die Bilder waren auf dieser Reise mindestens ebenso wichtig wie die Worte, und sie zeigten die Regierungschefs als unzertrennliche Kumpel. Besonders Cameron schien es wichtig, dem Publikum zu beweisen, wie eng er mit dem mächtigsten Mann der Welt ist. Der Konservative war ursprünglich mit dem Vorsatz angetreten, mehr Distanz zu den USA zu wahren als sein als Pudel verspotteter Vorgänger Blair. Doch scheint er inzwischen Blairs Lektion gelernt zu haben: Nur an der Seite der USA kann Großbritannien noch Einfluss auf der Welt ausüben.
Auch Obama, eigentlich kein Transatlantiker, scheint sein Interesse am alten Partner entdeckt zu haben. Wie Cameron pries er die bilaterale Beziehung wahlweise als "besonders", "einzigartig" oder "unentbehrlich". Der Grund für seine Charmeoffensive liegt auf der Hand: Die USA brauchen Großbritannien als Führungsmacht beim Libyen-Einsatz und bei der Koordinierung des Abzugs aus Afghanistan.
Den Vergleich mit den ungeliebten Vorgängern Bush und Blair hörten die beiden allerdings nicht so gern. Als ein Reporter sie in der Pressekonferenz am Mittwoch fragte, ob ihre Beziehung vielleicht gar nicht so viel anders sei als die von Bush und Blair, erklärte Obama nüchtern, die Beziehung zwischen den beiden Ländern sei immer gut, egal, wer gerade Regierungschef sei.
Cameron sagte, Obama und er gingen die Außenpolitik anders an: Sie würden nicht mit Besatzungstruppen in andere Länder einmarschieren, sondern wüssten, dass der Aufbau der Demokratie ein langer Prozess sei. Er zog lieber den Vergleich zu Margaret Thatcher und Ronald Reagan: Obama und er seien in den achtziger Jahren groß geworden, als die beiden gemeinsam die Freiheit in der Welt verteidigt hätten.
Politische Differenzen traten bei dieser Reise nicht zutage. Dabei gibt es durchaus unterschiedliche Ansätze in Afghanistan und in Libyen:
- In Afghanistan drängt Großbritannien auf Verhandlungen mit den Taliban, um einen Abzug der eigenen Truppen zu ermöglichen. Die USA zögern noch, weil das Pentagon ein Gesprächsangebot als Zeichen der Schwäche sieht.
- In Libyen sähe Großbritannien gern ein stärkeres Engagement der USA. Doch Obama sieht die USA nur in einer unterstützenden Rolle. "Wir müssen mehr Geduld haben, als es den meisten Leuten gefällt", sagte er in London. Es sei ein "langsamer Prozess, um das Regime zu zermürben". Letztendlich müssten die Libyer ihre Freiheit selbst erkämpfen.
Mit seiner fulminanten Rede in der Westminster Hall dürfte Obama die wachsenden Zweifel der britischen Parlamentarier am Libyen-Einsatz zumindest vorerst gedämpft haben. Sein Appell an das britische Sendungsbewusstsein hinterließ einen gewaltigen Eindruck. "Es wäre leicht gewesen, zu Beginn der Niederschlagung der Proteste in Libyen zu sagen: Das geht uns nichts an", sagte Obama. "Aber wir sind anders."