Stabschef Emanuel Ein Rahmbo für Obama

Er ist eine personifizierte Machtmaschine: Rahm Emanuel soll als Barack Obamas Stabschef die Regierung steuern. Der Insider der Clinton-Regierung hat einen Ruf wie Donnerhall. Er organisiert effizient, und es gibt sogar abenteuerliche Anekdoten - von toten Fischen und Messern im Tisch.

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Hamburg - Ballett ist was für Waschlappen - wer so etwas sagt, hat noch nie Ballett trainiert. Gegen die Härte und Disziplin, die man dabei erfährt, ist jedes Fußballtraining ein Schongang.

Dass Rahm Emanuel als einer der durchsetzungskräftigsten Männer in Washingtons Politikbetrieb gilt, hat deshalb sicher auch mit unzähligen Ballettstunden in seiner Chicagoer Jugend zu tun, zu denen ihn seine Mutter trieb. "Rahm singt keine Lagerfeuerlieder", so wird ein alter Freund und Kollege Emanuels von "Time" zitiert. "Er bellt Befehle."

Demokrat Emanuel: Kein Mann der leisen Töne - aber ein höchster effektiver Politikmacher
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Demokrat Emanuel: Kein Mann der leisen Töne - aber ein höchster effektiver Politikmacher

"Rahmbo" wird der führende demokratische Kongressabgeordnete in Washington genannt. 2006 organisierte er das erfolgreiche Demokraten-Comeback im Abgeordnetenhaus mit so harter Hand, dass sich selbst Parteifreunde vor ihm zu fürchten begannen.

Und das ist nun der Mann, dem Barack Obama den wichtigsten Job im Weißen Haus anvertraut? Jener Obama, der noch bis vor zwei Tagen von dem neuen Ton säuselte, den er in Washington anschlagen würde, von seinem überparteilichen Politikstil, dem Ende der Grabenkämpfe zwischen Demokraten und Republikanern?

Natürlich ist das ein Widerspruch. Aber es gibt wohl einfach keinen besseren Stabschef für den neuen Präsidenten.

Emanuel gleicht Obamas Schwächen aus

Denn Rahm Emanuel, 48, wird jene Schwächen ausgleichen müssen, die Obama hat: Seine mangelnde Regierungserfahrung ebenso wie seine Defizite im Politikkleinklein von Washington. Emanuel kennt Demokraten wie Republikaner auf dem Capitol Hill - Obama war gerade einmal zwei Jahre im Senat, bevor er sich zur Präsidentschaftskandidatur entschied. Vor allem aber wird Emanuel, der schon Bill Clinton im Weißen Haus zur Seite stand, die alltägliche Arbeit Obamas managen und erledigen. "He will get things done", wie man in Amerika sagt.

Noch etwas spricht aus Obamas Sicht für Emanuel: Er vertraut ihm. Man kennt sich aus gemeinsamen Chicagoer Zeiten, zudem ist Emanuel mit Obamas Wahlkampfmanager und Polit-Guru David Axelrod eng verbandelt.

"Der Stabschef im Weißen Haus ist der Quarterback für das Team auf dem Feld", sagt CNN-Experte David Gergen. Für diesen Job sei Emanuel deshalb Obamas perfekte Wahl.

Zweifelsohne krönt der neue Job Emanuels politische Karriere. Obwohl der Demokrat auch im Kongress noch etwas hätte werden können: Er galt ernsthaft als Nachfolgekandidat für Nancy Pelosi, die Sprecherin des Abgeordnetenhauses. Daran dürfte es liegen, dass Emanuel nun doch mehr als einen Moment überlegen musste, bevor er Obamas Angebot akzeptierte.

Für Emanuel bedeutet die Berufung durch Obama eine Rückkehr: Unter Präsident Bill Clinton arbeitete er schon einmal im Weißen Haus. Allerdings soll Hillary Clinton schon 1993 auf seinen Rauschmiss gedrängt haben - weil ihr sein Umgangston missfiel.

"Wenige in Washington benutzen das F-Wort häufiger als er" - das ist in fast jedem US-Porträt über Emanuel zu lesen. Doch er blieb, weil Präsident Clinton zu ihm hielt. 2000 ging Emanuel in die Privatwirtschaft, verdiente als Investmentbanker rasch Millionen. Drei Jahre später zog er ins US-Abgeordnetenhaus ein.

Emanuel ist hart gegen andere - und sich selbst

Klar ist: Rahm Emanuel ist genauso hart gegen andere wie gegen sich selbst. Nicht nur wegen seiner prägenden Ballettjahre. Am Tag seines Highschool-Abschlussballs verletzte sich Emanuel, der damals in einem Chicagoer Fastfood-Restaurant jobbte, beim Fleischschneiden am Finger. Als er nach dem Ball ausgelassen in den Lake Michigan sprang, infizierte sich die Wunde - beinahe wäre Emanuel daran gestorben. Er überlebte, aber die Hälfte des Mittelfingers seiner rechten Hand fehlt seither. Den verkrüppelten Mittelfinger hat Emanuel politischen Gegnern besonders gerne gezeigt.

Das wird er als Stabschef des Weißen Hauses zu unterlassen haben, auch seinen Ton wird er ändern müssen, das ziemt sich so in dieser Position.

Er sei nicht mehr der Hitzkopf von früher, sagen Freunde und Weggefährten. Früher ließ Emanuel einem missliebigen Umfragenforscher einen toten Fisch vor die Tür legen - ein ironisches Zitat aus Francis Ford Copollas Mafia-Epos "Der Pate". Früher zog Emanuel am Abend des Wahlsiegs 1992 in lockerer Runde über all jene Politiker her, die Clinton seiner Meinung nach geschadet hatten. Bei jedem Namen rief er "Toter Mann" und rammte ein Messer in den Tisch. Legendäre Anekdoten.

Emanuel entstammt einer wohlhabenden und strenggläubigen jüdischen Familie. Er scheint über die Jahre tatsächlich besonnener geworden zu sein. Drei Kinder hat er inzwischen, sein soziales Engagement in Chicago wird gerühmt. "Ich fluche zu viel", sagte er kürzlich in einem Anflug von Selbstkritik.

Auffällig auch, dass er in der jüngeren Vergangenheit mehrfach mit Abgeordneten der Republikaner zusammenarbeitete, zuletzt bei dem gigantischen Rettungspaket für die US-Finanzwirtschaft. "Ich kenne keinen, der ein besserer Macher als Rahm Emanuel ist" - mit diesen Worten begründete Barack Obama die Wahl seines Stabschefs.

Das wird die Kritiker von Emanuel nicht zufriedenstellen, aber das kann seinem künftigen Chef ziemlich egal sein: Wichtig ist, dass die neue Präsidentschaft geräuschlos und effizient startet, nicht so chaotisch wie zum Beispiel 1992 bei Clinton. So pragmatisch muss der Präsident Obama sein.

Wahlkampf war gestern - morgen wird regiert.

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