Stalin-Kult in Russland "Sieger verurteilt man nicht"

Stalin steht in Russland wieder hoch im Kurs - gerade am Gedenktag des Sieges über Hitler-Deutschland. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE spricht der Medwedew-Biograf Nikolai Swanidse über den befremdlichen Kult um einen Massenmörder - und diagnostiziert eine Mitschuld des Westens.
Stalin-Porträt: "Dass man uns nicht geholfen hat, war ein schwerer Fehler"

Stalin-Porträt: "Dass man uns nicht geholfen hat, war ein schwerer Fehler"

Foto: IVAN SEKRETAREV/ AP

Josef Stalin

SPIEGEL ONLINE: Am Sonntag feiert Russland den 65. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland - und gedenkt auch vielerorts des Diktators . Durch St. Petersburg fahren Autobusse mit dem Konterfei des "Vater des Sieges", in vielen russischen Dörfern stehen Stalin-Denkmäler. Die Kommunisten, immerhin größte Oppositionspartei, bekennen sich zu ihm, obwohl sein Regime Millionen Landsleute auf dem Gewissen hat. Warum akzeptiert das die russische Gesellschaft weitgehend?

Swanidse: Weil Stalin in den Augen der Mehrheit ein Sieger ist. Und Sieger verurteilt man nicht. Anders als Hitler hat weder die Welt noch sein eigenes Volk Stalin eindeutig verurteilt. Er hat formal eine saubere Weste.

Sowjetunion

SPIEGEL ONLINE: Hat die Stalin-Nostalgie damit zu tun, dass nach dem Zerfall der für viele das Leben zunächst einmal schlechter wurde?

Swanidse: Schon vor dem Zerfall der Sowjetunion sank der Lebensstandard, der Traum vom Imperium war ausgeträumt. Das führte zu tiefen Minderwertigkeitskomplexen. Den Niedergang schrieben die Menschen Michail Gorbatschow zu, Boris Jelzin, den Demokraten und indirekt auch dem Westen. Der freute sich ausgiebig am Sieg im Kalten Krieg, statt Russland wie einem Kranken behutsam auf die Beine zu helfen. Dass man uns nicht unter die Arme griff, so wie man Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg materiell und intellektuell geholfen hat, den Hitler-Komplex zu überwinden, war ein schwerer Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen erkennen Sie?

Swanidse: Die liberalen Werte des Westens wurden entwertet, die totalitären der Sowjetzeit wieder aufgewertet. Stalin steht wieder hoch im Kurs. Viele Menschen assoziieren mit ihm alle vermeintlichen Errungenschaften des Sowjetkommunismus und mit den neunziger Jahren alles Schlechte. Vergessen ist das Leben von mehreren Familien in einer Wohnung, die langen Schlangen vor den Geschäften, die leeren Regale, die sogenannten Wurst-Züge, in denen Menschen aus der Provinz saßen, die nach Moskau kamen, um Fleisch zu kaufen. Das gilt selbst für die ältere Generation, die sich an alles noch genau erinnern müsste.

SPIEGEL ONLINE: Stalin hat auch unter Jüngeren nicht wenig Anhänger.

Swanidse: Leider. Diese Generation hat keinen Schimmer von den Schwierigkeiten des Lebens in der Sowjetunion. Wenn heute eine Großmutter ihren Enkeln erzählt, dass es damals kein Fleisch gab, fragen die, warum Oma denn nicht in den Laden nebenan gegangen ist. Denen kommt es nicht in den Kopf, dass es etwas nicht geben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Ein Mitglied der vom Präsidenten eingesetzten Historikerkommission, der auch Sie angehören, warnt davor, Hitler und Stalin gleichzusetzen, weil Stalin als gesellschaftliches Ziel "Wohlstand und Glück für alle" propagiert habe. Sollen also für Stalins Massenmorde doch mildernde Umstände gelten?

Swanidse: Der Kommunismus klingt nur in der Theorie wunderbar. Man muss sich die Praxis anschauen, und dann sieht man ein totalitäres und unmenschliches System.

"Der Tschetschenien-Krieg war eine große Sünde"

SPIEGEL ONLINE: Sie waren unter Boris Jelzin zeitweilig Direktor des staatlichen Fernsehens. Jelzin ließ 1993 das Parlament beschießen und begann Ende 1994 den Tschetschenien-Krieg. Hat er damit das Fundament für die autoritäre Herrschaft Putins gelegt?

Swanidse: Der Tschetschenien-Krieg war eine große Sünde, und Jelzin hat das in seinen Memoiren auch so beschrieben. 1993 allerdings hatte er keine Wahl. Jelzin war zum Präsidenten gewählt und Russland ein anderes Land geworden, die Verfassung und das Parlament aber waren noch sowjetisch. Dieser Konflikt konnte nicht allein mit rechtlichen Mitteln gelöst werden. Hätte Jelzin nicht entschlossen gehandelt, wären Kommunisten und Ultranationalisten an die Macht gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Russland in 20 Jahren auf Stalin schauen?

Swanidse: Ach, Stalin. Wir müssen es erst einmal schaffen, 20 Jahre als einheitlicher Staat zu überleben.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sind Sie ein Pessimist. Was könnte zum Zerfall Ihres Landes führen, das seit mehr als drei Jahrhunderten eine Großmachtrolle spielt?

Präsident Medwedew

Swanidse: Ich bin kein Pessimist, sondern Realist. selbst beklagt unsere Rückständigkeit und Abhängigkeit von Rohstoffen. Und dann die Korruption. Sie ist zum integralen Teil unseres Systems geworden. Keine wichtige Frage wird ohne sie entschieden, das Alltagsleben der Bürger funktioniert nicht ohne Schmiergelder an Polizisten, Ärzte, Lehrer. Ohne sie bräche alles zusammen. Das ist beängstigend.

SPIEGEL ONLINE: Auch da hat Präsident Medwedew zunächst daran gedacht, eine Kommission einzusetzen.

Swanidse: Gott sei Dank gibt es die nicht. Ihre Mitglieder wären bald die Korruptesten im Land. Das sagte ich dem Präsidenten, als ich am Buch arbeitete. Nach einer kurzen Pause hat er genickt.

SPIEGEL ONLINE: Also ist alles aussichtslos oder doch noch zu richten, wie der Chefideologie des Kreml, Wladislaw Surkow, als Machtinsider in seinem Enthüllungsroman "Nahe bei Null" schreibt?

Swanidse: Wir müssen die Demokratie stärken. Wir brauchen wieder ein echtes Parlament, unabhängige Gerichte und eine freie Presse. Und zwar gleichzeitig. Wir müssen den Polizeiapparat reformieren, aber so, dass die Hunderttausende, die nichts können außer zu schießen, nicht einfach auf die Straße gesetzt werden. Es ist das Verdienst Putins, dass sich Polizei, Armee und Geheimdienst als Teil des neuen Russlands fühlen. In den neunziger Jahren hassten sie es. Allerdings haben wir dafür einen hohen Preis bezahlt und sind unfreier und korrupter geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie aussichtsreich ist die Agenda, die Sie beschreiben?

Swanidse: Die Hoffnung stirbt immer zuletzt, das Leben geht weiter, und die Mädels auf den Straßen sehen gut aus wie immer. Wir müssen jedoch titanische Anstrengungen unternehmen. Ich fürchte, dass unsere Elite dazu nicht bereit ist. Uns bleiben keine 20 Jahre Zeit.

Das Interview führten Christian Neef, Matthias Schepp und Uwe Klussmann