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Jahrestag der Schlacht von Stalingrad: Marschieren zum Gedenken

Foto: Maxim Shemetov/ dpa

75 Jahre Stalingrad Kampf um die Erinnerung

Vor 75 Jahren schlug die Sowjetarmee in Stalingrad die deutsche Wehrmacht. Der Stolz darüber dient Präsident Putin im Wahlkampf. Je weiter der Sieg zurückliegt, desto mächtiger scheinen die Paraden.

Kampfjets donnern über den "Platz der gefallenen Kämpfer". Mal zu dritt, mal zu fünft in einer Formation. Menschen winken, machen Fotos, auch Sergej Skolmorochwo. "Wir zeigen, was wir können", sagt der Ingenieur, 49 Jahre, er klingt stolz.

Einer der Piloten wird aus seinem Cockpit zugeschaltet, seine Stimme ertönt aus den Lautsprechern im Zentrum von Wolgograd: "Der Heldenstadt alles Gute zum Jahrestag".

Wolgograd (von 1925 bis 1961 Stalingrad), im Süden Russlands gelegen, feiert den Sieg über die deutsche Wehrmacht. Ein "Wendepunkt", der das Überleben des Landes gesichert habe, nennt Skolmorochwo diesen Tag. "Die Rettung vorm faschistischen Sklaventum, vorm deutschen Faschismus", so drückt es der Wolgograder Metropolit German Timofejew aus, der orthodoxe Oberbischof, der unter den Ehrengästen der Militärparade ist.

Am 2. Februar kapitulierten die im Nordkessel eingeschlossenen deutschen Soldaten, die Rote Armee stoppte somit Hitlers Truppen, die fünf Monate zuvor in die Stadt einmarschiert waren und sie in Schutt und Asche gelegt hatten. Es war eine erbitterte Schlacht: Für Adolf Hitler galt es, "den Russen" zu besiegen und das "deutsche Europa" zu verteidigen. Josef Stalin befahl den Kampf bis zum letzten Mann.

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Foto: DER SPIEGEL

Auf sowjetischer Seite starben mindestens eine halbe Million Soldaten, auf deutscher Seite knapp 300.000 - einschließlich jener, die die Gefangenschaft nicht überlebten. Oft werden in Russland sogar höhere Opferzahlen angegeben. Noch heute findet man auf den Baustellen in Wolgograd Knochen von Gefallenen.

Die Toten werden am Freitag mit einer Gedenkminute geehrt. Dann schallt "Hurra, hurra" über den Platz, 1400 Soldaten marschieren vorbei, Salutschüsse lassen die Fensterscheiben in den angrenzenden Hotels erzittern. T-90-Panzer rollen über den Platz, dazu mobile Luftabwehrsysteme und Raketenwerfer vom Typ Iskander.

Je weiter der Sieg zurückliegt, desto mächtiger scheinen die Paraden.

Parade zum 75. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad im Zweiten Weltkrieg

Parade zum 75. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad im Zweiten Weltkrieg

Foto: Dmitry Rogulin/ dpa

Später versammeln sich Tausende am unteren Ende der Allee der Helden an den Stufen zur breiten Wolga, auf der die Eisschollen vorbeitreiben, und bestaunen ein zweites Mal die Flugkünste der Luftkräfte. Jets, dieses Mal in Sechser-Formationen, ziehen Bögen über dem Fluss.

Unter Präsident Wladimir Putin ist das staatliche Gedenken immer militärischer geworden. Der Große Vaterländische Krieg, wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird, soll das Land einen, ihm Stolz verleihen.

Putin hält in der Philharmonie der Stadt eine kurze, pathetische Rede: Beschwört den Triumph, erinnert gleichzeitig an das große Erbe, das "Stalingrads Verteidiger, aber auch die gesamte Siegergeneration" hinterlassen haben. "Wir müssen in unseren Handlungen den großen Taten unserer Väter und Großväter nacheifern. Wie sie müssen auch wir unsere Ziele fest ins Auge fassen, mehr erreichen als bereits erreicht wurde."

Für Samstag wurde in mehreren Städten zu patriotische Versammlungen zu Ehren Stalingrads aufgerufen. In Moskau werden 10.000 Menschen erwartet. Auch Putin soll an einer dieser Veranstaltungen teilnehmen, hieß es. Für den 18. März sind Präsidentschaftswahlen angesetzt.

Veteran Kolotuschkin

Veteran Kolotuschkin

Foto: SPIEGEL ONLINE

Veteran Aleksander Kolotuschkin, 91 Jahre, hätte gern, dass seine Stadt für immer Stalingrad hieße, nicht nur an Tagen des Sieges. An seiner Uniformjacke hängen unzählige Orden, sie klimpern, wenn er sich bewegt. "Wie kann man Stalin verbieten, wenn er überall zu sehen ist?", er zeigt auf die Auszeichnungen. Er hat als 18-Jähriger im Krieg Flugzeuge der Wehrmacht abgeschossen, war in Königsberg stationiert, um seine Heimat zu verteidigen. Auch wenn er wisse, dass Stalin seine "Nachteile" gehabt habe, er ist für die Umbenennung. Was er mit Nachteilen meint, aber nicht ausspricht, ist etwa die Vernichtung von Hunderttausenden Menschen in den Gulags. Kolotuschkin sagt: "Stalin war eine starke Persönlichkeit, wir haben ihn während des Krieges gebraucht."

Es gibt auch die stillen Momente des Erinnerns. Morgens am Mamajew-Hügel. Er ist Wahrzeichen der Stadt. Hier, auf der strategisch wichtigen Anhöhe, wurde Ende 1942, Anfang 1943 um jeden Meter gekämpft.

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Jahrestag der Schlacht von Stalingrad: Marschieren zum Gedenken

Foto: Maxim Shemetov/ dpa

Es sind kaum Menschen in diesen grauen, frühen Stunden unterwegs. Sie müssen Metalldetektoren passieren, bevor sie die Treppen zu der gigantischen Gedenkstätte aus Breschnew-Zeiten emporsteigen dürfen, die das "massenhafte Heldentum" beschwört, wie das Sterben in der Sowjetunion bezeichnet wurde.

Später wird Putin kommen, um rote Rosen niederzulegen. Das Stahlwerk "Roter Oktober" hat ihm eine Botschaft an einer der Häuserwände gegenüber dem Eingang hinterlassen: "Der 'Rote Oktober' hat seine Wahl getroffen: Wladimir Wladimirowitsch Putin", steht dort.

Mamajew-Hügel

Mamajew-Hügel

Foto: SPIEGEL ONLINE

Oben auf der Anhöhe steht vor der Ruhmeshalle Aleksej, 40 Jahre, mit seiner Familie. Seine Söhne Valerij, 8 Jahre, und Andrej, zehn Jahre, sind dabei. Über ihnen, auf der Spitze des Hügels, thront die "Mutter Heimat", ein Siegesgöttin-Koloss, 8000 Tonnen schwer, die Arme ausgestreckt, in der einen Hand ein 29 Meter langes Schwert.

Der Vater erzählt, dass seine Urgroßmutter und Großmutter von Wehrmachtssoldaten in die Nähe von Dresden verschleppt wurden, eine Deutsche sie aber aus einem Lager holte, sich kümmerte. Später, nach dem Sieg der Roten Armee, seien sie zurückgekommen nach Stalingrad. Es ist eine von vielen Familienerinnerungen an den Krieg an diesem Tag.

Patriotismus sei wichtig, sagen die Menschen an diesem Gedenktag. Die Frage, was ein Patriot heute in Russland genau sein soll, bleibt offen. Steht dabei das Wissen um die eigene Geschichte im Vordergrund oder die - unkritische - Liebe zum eigenen Land?

Galina Boldyrewa

Galina Boldyrewa

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Wenn eine Staatsmacht nichts vorweisen kann", sagt Galina Boldyrewa, Politikerin der oppositionellen Jabloko-Partei, "dann nimmt sie den Sieg, um zu zeigen, wie großartig die Lage ist. Den Sieg an sich kann ja keiner bezweifeln." Sie legt am Freitag mit einigen Kindern in ihrem Bezirk im Süden der Stadt Blumen zur Erinnerung an die Gefallenen nieder.

Hier dominieren graue Wohnblöcke, sie wurden um Fabriken und Werften hochgezogen. Heute sind viele Hallen nur noch leere Hüllen, Kräne stehen still, viele Menschen bleiben ohne Arbeit. Galina ist mit dem Auto unterwegs in ihr Parteibüro, sie zeigt auf ein großes Gelände, alles ist dunkel. "Patriotismus heißt für mich, sich gemeinsam sich um den Wiederaufbau der Industrie, des Gesundheitswesens, der Erhaltung der Natur zu kümmern." Doch in Wolgograd beschäftige sich die Regierung lieber mit der Geschichte, das sei bequemer.

Mitarbeit: Wladimir Schirokow