Staphylokokken-Infektion Mysteriöse Vergiftung nach Russland-Reise

Als Luzius Wildhaber nach Russland reiste, war er kerngesund. Nach der Rückkehr brach der Ex-Präsident des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs todkrank zusammen. Er schließt nicht aus, dass er dort vergiftet wurde - Russland weist die Vorwürfe zurück.


Zürich/Moskau - Die lebensbedrohliche Erkrankung des ehemaligen Präsidenten des Europäischen Menschengerichtshofs, Luzius Wildhaber, ist mysteriös: Fest steht bislang nur, dass der Schweizer Richter nach einer Russland-Reise im Oktober eine schwere Staphylokokken-Vergiftung erlitt, unklar ist, wie die Bakterien in sein Blut gelangten.

Zwei Tage nach seiner Rückkehr in seine Schweizer Heimatstadt Basel, kollabierte der Richter. Er wurde von Schüttelfrost befallen, litt unter hohem Fieber und konnte nicht mehr zusammenhängend sprechen. Die Ärzte stellten eine schwere Blutvergiftung fest, im wissenschaftlichen Vokabular eine Staphylokokken-Sepsis.

Bakterien, die viele Menschen auf der Haut mit sich herumtragen, waren in Wildhabers Blutbahn gelangt - nur auf welchem Wege, das ist bislang unklar. Der Richter wurde vergeblich auf Furunkel, Wunden und Abszesse untersucht. Nach Angaben der Ärzte stand Wildhaber beim Eintreffen der Ambulanz kurz vor dem Tod.

Wildhaber schließt nicht aus, dass er während seiner Russland-Reise vergiftet wurde. Er gab an, er habe schon in der Vergangenheit Drohungen aus Russland erhalten. "Nach allem, was ich am Europäischen Gerichtshof erfahren habe, ziehe ich einfach alle Möglichkeiten in Betracht", so Wildhaber.

Die Russland-Reise Wildhabers fällt zeitlich fast genau mit dem wahrscheinlichen Giftanschlag auf den Ex-Spion Alexander Litwinenko zusammen, der später in London an einer Polonium-Vergiftung starb. Er habe bei einer Exkursion in einer Stadt außerhalb Moskaus mit russischen Offiziellen gegessen, gab Wildhaber an.

Der "Guardian" und die "Neue Züricher Zeitung" warfen deshalb die Frage auf, ob es sich bei der Erkrankung Wildhabers um einen neuerlichen Vergiftungsfall handele, der womöglich mit dem Fall Litwinenko zusammenhänge. Der "Guardian" berichtete heute, Wildhaber erhebe Vorwürfe gegen Russland, die "NZZ" hatte bereits am Wochenende über die mysteriöse Erkrankung berichtet. Wildhaber selbst äußerte sich zurückhaltend, auch beim Europäischen Menschengerichtshof heißt es, dass es keine verdächtigen Anzeichen gebe.

Russische Offizielle, darunter der Präsident des Verfassungsgerichts, wiesen Spekulationen als unglaubwürdig und lächerlich zurück. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass Wildhaber in Russland vergiftet worden sei. Die russischen Stellen stellten außerdem die Frage, warum Wildhaber erst jetzt mit der Schilderung an die Öffentlichkeit gehe, Monate nach der angeblichen Vergiftung.

Der Gerichtshof in Straßburg stand jedenfalls mehrmals im Konflikt mit der russischen Regierung, unter anderem wegen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien. Wildhaber hatte sich unter anderem einer Klage von tschetschenischen Menschenrechtsgruppen angenommen. Der Völkerrechtsprofessor war vor kurzem 70 Jahre alt geworden und aus Altersgründen aus dem Amt als höchster europäischer Richter ausgeschieden.

Wildhaber spricht von Druckversuchen und einer Erpressung seitens Präsident Wladimir Putin. "Ich habe mir überlegt, die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten", sagt er. "Ich sah es aber als nicht Erfolg versprechend an."

Eine Klärung durch die Gerichtsmedizin ist nicht möglich, da das Krankenhaus die Blutproben Wildhabers vernichtet hat. Der Schweizer Wirtschaftsanwalt Karl Eckstein, der Wildhaber am letzten Tag der Russlandreise begleitet hatte, erkrankte laut NZZ an ähnlichen Symptomen.

jaf/mit Material von dpa



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