Vorwahlen der Republikaner: Langer Marsch zum Weißen Haus
Start der US-Vorwahlen Iowa und die sieben Zwerge
Der Rechtsanwalt Rick Santorum lebt in einer 500-Quadratmeter-Villa in Leesburg/Virginia, eine Autostunde nordwestlich von Washington. Trotzdem bereitet dem Republikaner und Ex-Kongressabgeordneten zurzeit nichts mehr Freude als die Fasanenjagd im fernen Iowa.
Behauptet er jedenfalls und quälte sich also zwischen den Jahren über die Winterfelder bei Des Moines, ausstaffiert mit heimischer Jagd-Couture: orangefarbener Signalponcho, Mütze der Waffenlobby NRA, Schrotflinte. Im Schlepptau hatte er seinen 20-jährigen Sohn John, dem er zu Weihnachten extra sein eigenes Gewehr geschenkt hatte, sowie den ortsansässigen Republikaner-Paten Steve King, dessen Segen er dergestalt zu erkaufen hoffte.
"Nur eins ist noch schöner, als einen Vogel abzuschießen", sprach Santorum, der im Vorwahlrennen der Republikaner in Iowa nach einer neuen Time-CNN-Umfrage derzeit auf dem dritten Platz liegt. "Zuzuschauen, wie dein Sohn einen Vogel abschießt." Der Kandidat selbst erlegte am Ende vier Fasane - "clean kills", wie er prahlte.
Den Segen Steve Kings bekam er freilich nicht: "Ich will erst", grantelte King nach dem Ausflug, "dass mein Kopf und mein Herz zueinander finden".
Um die Köpfe und Herzen der Einwohner von Iowa buhlt gerade schließlich nicht nur Santorum. Auch Mitt Romney, Newt Gingrich, Ron Paul, Rick Perry und Michele Bachmann tingeln seit Wochen fast unentwegt durch den Maisstaat, auf der Treibjagd nach Vorwahlstimmen und der Chance, im November gegen Präsident Barack Obama anzutreten. Nur der siebte Republikaner im Bunde, Jon Huntsman, erspart sich Iowa und konzentriert sich jetzt schon auf den nächsten Vorwahlstaat New Hampshire.
Der Countdown läuft
Am 3. Januar lädt Iowa zur traditionell ersten von insgesamt 50 US-Vorwahlen - Beginn des langen Marsches zur offiziellen Nominierung des Kandidaten auf dem Parteitag in Tampa, satte acht Monate später.
Also hetzen sie in ihren mit Slogans bemalten Luxusbussen ("Glaube, Jobs und Freiheit") über die Dörfer, um zu beweisen, dass sie die konservativsten Konservativen sind. Auch haben sie Abermillionen Dollar in TV-Spots versenkt, finanziert von sogenannten "außenstehenden" Interessengruppen, um sich gegenseitig niederzumachen, noch bevor es richtig losgeht.
Dennoch bleibt der Ausgang dieser ersten Etappe des Vorwahlmarathons wohl bis zur letzten Minute offen. Denn trotz massiver Kandidatenbeschallung haben sich viele Einwohner Iowas bisher nicht entscheiden wollen. Sie kokettieren mit ihrer angeblichen Rolle als Königsmacher:
- Küren sie Romney, den Mormonen, den aktuellen Umfrage-Spitzenreiter, mit dem sich die christlich-konservativen Fußsoldaten nicht anfreunden mögen, der aber das meiste Geld und die beste Polit-Maschinerie hat?
- Oder Paul, auf den zweiten Umfrageplatz abgesackt, mit seinen wirren Verschwörungsszenarien, dem allerdings der rassistische Sumpf zum Verhängnis werden könnte, der sich neuerdings am Rande seiner begeisterten Fangemeinde ausbreitet?
- Oder Gingrich, den selbstgefälligen Intellektuellen, dessen kürzliches Umfragehoch inzwischen soweit abgeflaut ist, dass er nur noch auf dem vierten Platz liegt - dank Romneys erbarmungsloser Attacken und der eigenen, arg durchwachsenen Vergangenheit?
- Oder doch einen der vier anderen, die zumindest in Iowa längst als abgehalftert gelten, sich aber doch Chancen ausrechnen?
Es ist ein bizarres Geplänkel: Alle starren auf Iowa, als sei es eine Art politischer Kaffeesatz, aus dem sich auf die nationale Befindlichkeit schließen lässt. Dabei sind die Ergebnisse keinesfalls vielsagend.
1980 gewann George Bush in Iowa, doch der Kandidat und spätere Präsident hieß Ronald Reagan. Und vor vier Jahren legte der Evangelikale Mike Huckabee in Iowa einen Überraschungssieg hin - nur um dann zwei Monate später geschlagen auszusteigen.
Klar ist nur die umgekehrte Regel: Wer in Iowa versagt, für den gibt es höchstwahrscheinlich auch anderswo wenig zu holen.
Dass es diesmal ein längeres Rennen werden könnte, liegt am System. Bei den Vorwahlen (je nach Staat "Primary" oder "Caucus" genannt) bestimmen die Landesparteien die Delegierten für die zentralen Wahlparteitage im Sommer. Der Kandidat, der bei den Vorwahlen die meisten Delegierten für sich verpflichten kann, wird auf dem Parteitag offiziell gekürt.
Erstmals berechnen die Republikaner die Delegierten in den meisten Staaten diesmal aber proportional: Sie werden je nach Ergebnis anteilig verteilt. Bisher konnte der republikanische Sieger in einem Staat automatisch alle Delegierten dieses Staates beanspruchen ("Winner-takes-all"-Prinzip), was für eine relativ schnelle Klärung gesorgt hatte.
Auch deshalb nehmen die Zweifel an Iowas historischer Vorreiterrolle zu. Der kleine Staat stellt nur 28 (1,2 Prozent) der insgesamt 2287 Parteitagsdelegierten, und diese werden am Caucus-Tag gar nicht mal bindend bestimmt - die tatsächliche Verteilung erfolgt erst bei einem Landesparteitag Mitte Juni.
Auch sonst ist Iowa alles andere als repräsentativ. Seine Bevölkerung ist älter als der US-Durchschnitt, dort leben zudem mehr Weiße. Ein ländlicher Agrarstaat - die Hauptstadt Des Moines hat knapp 200.000 Einwohner - der die Großstadtprobleme von New York, Chicago oder Los Angeles nicht kennt, also Armut, Rassenkonflikte, kaputte Infrastruktur.
Folglich interessieren diese Probleme die Wähler in Iowa wenig. Auch das Hauptwahlkampfthema für 2012 nicht, die Wirtschaftslage - die Rezession hat Iowa vergleichsweise unbeschadet gelassen.
Ähnliche Einwände gelten für die nächsten, frühen Vorwahlstaaten: New Hampshire (10. Januar), South Carolina (21. Januar), Florida (31. Januar). Erst später nimmt das Bild schärfere Konturen an - spätestens zum "Super Tuesday" am 6. März, wenn zehn Staaten auf einmal vorwählen, darunter Ohio und Massachusetts.
Schafft Romney den Polit-Spagat?
Am Ende wird alles sowieso nur auf eines hinauslaufen: Welcher Kandidat lässt sich der (konservativen, religiösen) Parteibasis am ehesten vermitteln - und hat doch zugleich die besten Aussichten in einem Kampf gegen Obama um die moderaten, weniger religiösen Wechselwähler, um die es im November geht?
Diese Rolle personifiziert Romney. In ihm sehen die Partei-Granden ihre einzige Chance, Obama zu schlagen - doch der Mormone ist der christlich-konservativen Basis nicht geheuer.
Also schlägt Romney härter zu als 2008, als er John McCain unterlag. Seine jetzigen TV-Spots - mit denen er sich vor allem auf Obama einschießt - strotzen vor Unwahrheiten und Verzerrungen. Trotzdem hat sich das "Des Moines Register", die einflussreichste Zeitung Iowas, für ihn ausgesprochen, und zwar ausgerechnet wegen seiner "Nüchternheit, Weisheit und Urteilskraft" - aber auch mangels wählbarer Alternativen.
Etwa Gingrich. Dessen vergangene Affären, sperrige Persönlichkeit und Überheblichkeit haben ihn aus Sicht vieler disqualifiziert. In Iowa punktete er zunächst mit vermeintlicher Sachkenntnis und zackigen Debattenauftritten, sackte dann aber zuletzt wieder ab.
Laut Umfragen liegt Paul in Iowa vorne
Einen ähnlichen Dämpfer muss nun auch Ron Paul fürchten, der in Iowa gerade vorne liegt. Sollte er tatsächlich gewinnen, hätte er zwar kaum Aussichten auf die Kandidatur im Herbst - könnte den anderen aber als Spielverderber und Stimmenfänger einen Strich durch die Rechnung machen.
Doch Pauls rasanter Aufstieg in Iowa dürfte im letzten Moment noch durch eine uralte Affäre gebremst werden, die die US-Medien neu ans Licht gezerrt haben: In den achtziger und neunziger Jahren kursierten unter seinem Namen Newsletter mit extremistischen, rassistischen und homophoben Inhalten.
Die "New York Times" enthüllte darüber hinaus jetzt, dass sich unter Pauls Wahlkampfhelfern auch Rechtsradikale befinden, etwa extreme Militia-Gruppen und die Neonazi-Vereinigung Stormfront ("Sturmfront"). Diese fühlen sich vor allem von Pauls Verschwörungstheorien gegen Washington und die Notenbank angezogen.
Noch reagiert Paul nonchalant. Wenn diese fragwürdigen Organisationen ihn unterstützten, na gut: Das heiße ja noch lange nicht, dass er selbst seinerseits "das unterstützt, was sie behaupten", sagte er der "New York Times".
In jüngsten Iowa-Umfragen hält sich Paul weiter oben. Vielleicht sollte er aber zur Sicherheit auch noch ein paar Fasane jagen.