Statt Vertreibungszentrum Polen will Weltkriegsmuseum in Danzig

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hat ein europäisches Museum zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg vorgeschlagen. Der multinationale Gedenkort ist als Gegenentwurf zum geplanten Zentrum für Vertriebene gedacht.


Frankfurt/Main - Polens Ministerpräsident Tusk wünscht sich ein multinationales Museum zum Zweiten Weltkrieg: Der Gedenkort sollte anstelle eines "sichtbaren Zeichens" gegen Vertreibung errichtet werden, forderte Tusk. Nach den Vorstellungen des Ministerpräsidenten würden Deutsche, Polen und andere Nationen an dem Projekt beteiligt sein, möglichst auch Russland und Israel.

Stemmt sich gegen Zentrum für Vertriebene: Polens Ministerpräsident Donald Tusk
AP

Stemmt sich gegen Zentrum für Vertriebene: Polens Ministerpräsident Donald Tusk

In einem solchen großen Museum des Zweiten Weltkriegs "würde das Schicksal der Zwangsumsiedler seinen Platz in dem entscheidenden und umfassenden Kontext finden", sagte Tusk. "Möglicherweise können wir im Gespräch über ein solches Projekt dann auch den beschämenden und unendlichen Streit um das Gedenken an die Vertriebenen beenden."

Zu dem geplanten Dokumentationszentrum über das Schicksal der Vertriebenen sagte Tusk der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, ein weit umfassenderes Projekt zu realisieren, das an den Zweiten Weltkrieg erinnern würde."

Als Ort schlug Tusk Danzig vor, wo sich "wie in einem Brennglas alle Schrecken des Zweiten Weltkriegs" konzentrierten. "Hier hat der Krieg begonnen, hier hat er in gewissem Sinne auch aufgehört, als 1980 die Solidarnosc entstand.

Polen-Beauftragte Schwan kritisiert Steinbach

Im Koalitionsvertrag von 2005 hatten sich Union und SPD darauf geeinigt, ein "sichtbares Zeichen" gegen Vertreibungen in Berlin zu setzen. Eine von der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, geleitete Stiftung setzt sich seit dem Jahr 2000 für den Bau eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin ein. In Polen hat das Projekt für große Beunruhigung gesorgt.

Zuvor hatte die Polen-Beauftragte der Bundesregierung, Gesine Schwan, Verständnis für die Weigerung Polens geäußert, Steinbach in dem Beirat für das umstrittene Dokumentationszentrum für Vertriebene zu akzeptieren. Steinbach habe "es immer wieder versäumt, den Nationalsozialismus als die Ursache für die Vertreibungen zu benennen", sagte Schwan der "Berliner Zeitung".

"Für sie bildet der Nationalsozialismus nur den Anlass, der Wille zur Vertreibung habe aber angeblich ohnedies bestanden. Das ist für Polen und auch für mich eine völlig inakzeptable Position", sagte sie.

Ob die Bundesregierung, die das Konzept für das Dokumentationszentrum vorlegen wird, Frau Steinbach verhindern könne, werde "im Wesentlichen von der Bundeskanzlerin abhängen. Die Haltung der SPD ist klar. Sie will Kooperation mit Polen auf der Basis eines eindeutigen Bekenntnisses zu Verantwortung und Schuld", sagte Schwan.

amz/AP/Reuters



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