Gouverneur in der Kritik Stauskandal ramponiert Republikaner-Star Christie

Der Skandal um eine Racheaktion seines Teams bringt Chris Christie, Präsidentschaftshoffnung der US-Republikaner, in Erklärungsnot. Eine Mitarbeiterin soll einen riesigen Verkehrsstau eingefädelt haben. Der Politiker feuerte sie, distanzierte sich wortreich, doch der Image-Schaden ist angerichtet.
Gouverneur in der Kritik: Stauskandal ramponiert Republikaner-Star Christie

Gouverneur in der Kritik: Stauskandal ramponiert Republikaner-Star Christie

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New Yorks Pendler leiden in geübt-stoischer Resignation: Jeden Morgen quetschen sie sich in völlig überfüllte U-Bahnen und Busse. Noch schwerer haben es die Autofahrer, die sich im Schritttempo durch Tunnel und über Brücken nach Manhattan quälen müssen. "Die New Yorker", hat das Magazin "US News" ermittelt, "haben den längsten Arbeitsweg der Nation".

So schlimm wie im September 2013 war's aber noch nie: Ohne Vorwarnung sperrte die Polizei zwei Zufahrtsspuren der verkehrsreichsten Brücke der Welt, der George Washington Bridge von New Jersey nach Nord-Manhattan. Die Folge: stundenlange Staus, in denen auch Schulbusse und Krankenwagen steckenblieben. Der Vorort Fort Lee war tagelang komplett verstopft. Eine 91-jährige Frau starb, nachdem der Notarzt sie nicht rechtzeitig erreicht hatte.

Die Begründung der Behörden: Man habe eine "Verkehrsstudie" durchgeführt. Doch jetzt kommt die haarsträubende Wahrheit heraus: Die Sperrung war eine politische Racheaktion am demokratischen Bürgermeister Fort Lees - inszeniert vom Büro und Vasallen des bisher aussichtsreichsten Republikaner-Stars, des Gouverneurs von New Jersey, Chris Christie.

"Höchste Zeit für ein paar Verkehrsprobleme in Fort Lee", mailte Christies Vizestabschefin Bridget Anne Kelly damals an David Wildstein, einen Schulfreund Christies und Direktor bei der zuständigen Hafenbehörde Port Authority (PA). "Alles klar", antwortete der und leitete die verheerende Sperrung in die Wege. Die brisante Korrespondenz wurde diese Woche an mehrere Zeitungen lanciert, darunter die "New York Times" und das "Wall Street Journal". Wildstein wurde am Donnerstag vor einen Ausschuss des Landesparlaments geladen, verweigerte aber die Aussage.

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Chris Christie: Gouverneur im Stau

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Ein "gedemütigter" Christie dementierte an diesem Donnerstag, von den Vorgängen gewusst, geschweige denn sie angeordnet zu haben: "Ich war völlig überrascht." Trotzdem droht "Bridgegate" seine Träume von einer Präsidentschaftskandidatur 2016 zerplatzen zu lassen. "Christies Waterloo", schlagzeilte die "New York Daily News" bereits, und selbst die erzkonservative "New York Post" verlangte eine "unmissverständliche Entschuldigung".

Entschuldigung nach langem Schweigen

Die lieferte Christie zwar jetzt, nach langem Schweigen: "Ich stehe hier, um mich bei den Bürgern von New Jersey zu entschuldigen", sagte er zerknirscht. "Ich entschuldige mich bei den Einwohnern von Fort Lee, und ich entschuldige mich bei den Mitgliedern des Landesparlaments." Seine "dumme" und "hinterlistige" Vizestabschefin Kelly habe er noch an diesem Vormittag gefeuert.

Und doch: Sein Image ist schwer beschädigt. Seit seinem Auftreten nach dem Supersturm "Sandy" galt Christie als parteiübergreifender Mann des Volkes, der die Dinge harsch beim Namen nennt, den Leuten aber aus dem Herzen spricht. In Umfragen lag er Kopf an Kopf mit seiner potentiellen Rivalin Hillary Clinton - als größte Hoffnung der Republikaner, sich 2016 das Weiße Haus zurückzuerobern.

Jetzt aber offenbart sich Christie bestenfalls als einer, der seinen Stab nicht im Griff hat. Auch bestätigen die Enthüllungen seine dunkle Seite, die viele längst kennen: Der 51-Jährige, der im November mit 60,3 Prozent wiedergewählt wurde, kann unbarmherzig sein und fordert bedingungslose Loyalität, was sein Team in diesem Fall mit politischem Mobbing durchsetzte - auf Kosten Zehntausender.

Selbst Parteifreunde nehmen ihn nun ins Visier. Prominente Republikaner kritisierten Christie. "Was haben die sich nur gedacht?", empörte sich sein alter Mentor, der Ex-Gouverneur Tom Kean, im "Wall Street Journal", das seinerseits von einer "Glaubwürdigkeitsfrage" sprach.

Die George Washington Bridge, 1931 als damals längste Hängebrücke der Welt eröffnet, ist die einzige Brücke, die von New Jersey nach Manhattan führt. Jährlich passieren sie mehr als 100 Millionen Fahrzeuge. In Fort Lee fädeln sie sich dreispurig an den Mauthäuschen vorbei, allein das eine tägliche Tortur.

Alle Hilferufe bleiben unbeantwortet

Vom 9. bis 13. September wurden zwei der drei Spuren plötzlich gesperrt. Fort Lee versank im Chaos, ausgerechnet am ersten Schultag. Alle Hilferufe des demokratischen Bürgermeisters Mark Sokolich an die PA - deren Manager von den Regierungen New Jerseys und New Yorks benannt werden - verhallten unbeantwortet.

Stattdessen freuten sich Christies Schergen intern über die "Vergeltungsmaßnahme" gegen Sokolich, der sich weigerte, Christies Wiederwahl zu unterstützen, und sich hinter dessen Konkurrentin stellte, Landessenatorin Barbara Buono. Christies Vizestabschefin Kelly verspottete die Schüler von Fort Lee per SMS: "Das sind Kinder von Buono-Wählern." Wildstein beschimpfte Sokolich, der kroatischer Herkunft ist, in einer E-Mail an Christies Wahlkampfmanager Bill Stepien: "Es wird ein harter November für diesen kleinen Serben."

Auch Wildstein und PA-Vizechef Bill Baroni sind inzwischen zurückgetreten. Doch Christie machte sich noch im Dezember über die Kritiker lustig: Ja, er habe die orangefarbenen Absperrhütchen höchstpersönlich aufgestellt.

Jetzt klang er ganz anders. "Ich geniere mich für das Verhalten einiger Leute in meinem Team", sagte er kleinlaut und ergänzte fast beschwörend: "Ich bin doch kein Rowdy!"

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