Deutsch-italienische Verstimmung Wut auf die Crauti

Da sind sie wieder, die bösen Deutschen und die faulen Italiener. Die wütenden Vorwürfe nach Peer Steinbrücks "Clown"-Sprüchen zeigen, dass Vorurteile in beiden Ländern noch immer tief sitzen. Die gegenseitigen Schimpftiraden haben schon Tradition.

DPA

"Kruh", also "Brot", riefen kroatische Kriegsgefangene im ersten Weltkrieg, weil sie Hunger hatten. Von österreichischen Aufsehern wurden sie deshalb als "Crucchi" verspottet. Einen Weltkrieg später übernahmen italienische Soldaten und Partisanen das Wort, um deutsche Soldaten zu verhöhnen. "Mamma li crucchi!" hieß es diese Woche wieder quer durch Italien, "Mamma diese Deutschen!"

Wieder einmal hatten die Barbaren die geschundene und sensible italienische Volksseele getroffen - mit ihrem arroganten Rechtsanspruch auf die Wahrheit und dem besserwisserischen Überlegenheitsgefühl. Und sofort entzündete sich der auch nach langen Jahren mit Frieden und Freundschaft existente, tiefsitzende Vorbehalt zwischen Deutschen und Italienern.

Sie verstehen einander einfach nicht - und schnell gibt es Streit. Es reicht ein banaler Anlass, dass die guten Nachbarn wieder zu "Itakern" und "Spaghetti", zu (sauerkrautfressenden) "Crauti" und "Crucchi" werden.

Weg mit Steinbrück! Oder es gibt einen Boykott

Den Anlass lieferte dieses Mal der SPD-Kanzlerkandidat und bekannte Fettnäpfchentreter Peer Steinbrück. "Zwei Clowns" hätten die Italiener gewählt, hatte er gesagt und damit wohl einem großen Teil seiner Landsleute aus dem Herzen gesprochen: Wie doof müssen die Italiener sein, wenn sie einen lüsternen Greis wie Berlusconi und einen ständig brüllenden Komiker wie Beppe Grillo wählen?

Das fanden die Wähler vor Ort natürlich nicht lustig. "Flegelhaft" und "Mangel an Respekt" schallte es zurück. Ein Politiker drohte gar: "Weg mit Steinbrück, oder wir boykottieren deutsche Produkte". Natürlich sprangen - hier wie dort - die Medien ein und fachten mit dem Funken schnell ein kleines Feuerchen an. "Berlusconi im Clown-Check" hieß es im deutschen Boulevard, dazu eine Fotomontage: der "Bunga Bunga"-Mann mit knolliger Clownsnase. Und ein Kommentator titelte: "Schlechte Wahl, Italien."

Das reichte. Denn seit längerem gehen die Deutschen den Italienern auf die Nerven. Alles können sie besser: Ihre Autos sind weltweit gefragt, die Einkommen sind hoch, die Straßen ordentlich. Aber müssen sie das ständig in die Welt posaunen und dem Rest der Welt, ganz besonders den Italienern, Vorschriften machen? Dass man fleißiger sein soll und sparsamer, damit man endlich aus der Krise kommt und den anderen nicht den schönen Euro verhagelt!

Rechts wie links versuchte die italienische Politik im Wahlkampf mit den bösen Deutschen beim Volk zu punkten. "Die germanozentrische Politik" habe die Krise nicht ent- sondern verschärft, attackierte Silvio Berlusconi regelmäßig ."Die da in Berlin" und deren Statthalter Mario Monti seien Schuld. "Merkel hat die italienische Regierung in der Hand", tönte es. Deshalb verdiene Deutschland ja auch an der Krise der anderen, hämmern die Berlusconi-Medien den Italienern ein. Aber nicht nur die. "La Merkel" ist südlich der Alpen insgesamt ziemlich unbeliebt.

Rülpsende, kartoffelfressende Blonde

Deutsch-italienische Misstöne gab es immer wieder. Etwa als der SPD-Europapolitiker Martin Schulz im Sommer 2003 Berlusconi attackierte und der zurückkeilte, Schulz wäre für die Rolle eines "Capo" in einem Film über die Konzentrationslager der Nazis bestens geeignet. Hoch schlugen die Wellen. Kanzler Gerhard Schröder stornierte seinen geplanten Adriaurlaub in Pesaro. Und im bis dato von den Deutschen so geliebten Urlaubsland titulierte ausgerechnet der Tourismus-Staatssekretär Stefano Stefani deutsche Urlauber als "rülpsende, kartoffelfressende, supernationalistische Blonde", "besoffen von aufgeblasener Selbstgewissheit", die "lärmend über unsere Strände herfallen". Jeder dritte Italiener fand die Beschreibung im Kern zutreffend.

Und die Deutschen? Sie reisen noch immer en masse in das "Land, wo die Zitronen blühen", wie Goethe schwärmte. Sie lieben das Meer, die Sonne, die Hügel der Toskana - aber nicht so sehr die Italiener. Das mediterrane Lebensgefühl ist den Deutschen nicht geheuer, die lange Mittagspause, die vielen kleinen Pausen für einen Kaffee - kein Wunder, dass da wirtschaftlich nichts rumkommt und alle uns auf der Tasche liegen.

Auch die Italiener, davon sind viele Deutsche überzeugt, werden doch von uns ausgehalten, wie eigentlich fast ganz Europa. Dass es nicht stimmt, rechnet Mario Monti bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor: Keinen Cent habe man bekommen, im Gegenteil viel in die EU-Kasse gezahlt. Welcher Deutsche weiß das? Will das wissen?

Schon vor einer Weile hat Monti der Kollegin Merkel berichtet, "antideutsche Töne" in Italien würden lauter, weil die Berliner Politik den Italienern "arrogant" vorkäme. Doch das Problem gehe über die deutsch-italienischen Beziehungen noch hinaus. Überall wachse auch gegen die EU und den Euro die Kritik. Wenn man nichts dagegen tue, führe das zu einer "psychologischen Auflösung Europas".

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Seite 1
lupenrein 01.03.2013
1. optional
' Wie doof müssen die Italiener sein, wenn sie einen lüsternen Greis wie Berlusconi und einen ständig brüllenden Komiker wie Beppe Grillo wählen?' (Zitat aus dem Artikel ) Ich bin kein Freund von Berlusconi, aber ich gehe jede Wette ein, dass er der 'sehr angesehene Berlusconi' in den Augen von Merkel, Schulz oder Steinbrück wäre, wenn seine Einstellung zur EU nur endlich eine andere wäre.
navarini 01.03.2013
2. Kroatische Kriegsgefangene
Ich glaube, dass es auf österreichischer Seite im ersten Weltkrieg kroatische Kriegsgefangene gegeben hat da KroatienTeil der K.u .K Monarchie war. An der Isonzo Front waren die Truppen fast alle Kroaten. Beste Grüsse Navarini
rgsf 01.03.2013
3. Die Europäer
müssen sich entscheiden ob sie weiterhin infantil-nationalistische Nabelschau betreiben, oder lieber gemeinsam in ein erwachsenes Europa investieren wollen, um gegen die amerikanischen und asiatischen Wirtschaftsgroßmächte zu bestehen und nicht in glorreicher Irrelevanz zu versinken. Kleinlich oder großzügig. Nationalistisch oder Multi-Kulti. Traditionsbesessen oder vorausschauend. Life is about making choices, isn't it?
Kurt2.1 01.03.2013
4. .
Zitat von sysopDPADas sind sie wieder, die bösen Deutschen und die faulen Italiener. Die wütenden Vorwürfe nach Peer Steinbrücks "Clown"-Sprüchen zeigen, dass Vorurteile in beiden Ländern noch immer tief sitzen. Die gegenseitigen Schimpftiraden haben schon Tradition. http://www.spiegel.de/politik/ausland/steinbruecks-clown-kommentar-deutsch-italienische-verstimmung-a-886387.html
*_Aus dem Artikel:_* Den Anlass lieferte dieses Mal der SPD-Kanzlerkandidat und bekannte Fettnäpfchentreter Peer Steinbrück. Abgesehen davon, dass es dem Autor nicht gelingen will, Steinbrück gegenüber sachlich zu bleiben (oder gibt es inzwischen eine Mascolo-Anweisung, Steinbrück bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu diskreditieren?), wurde täglich ein Anlass aus italien geliefert. Hätten wir auch nur einmal so dünnhäutig reagiert wie die Italiener, hätten die Wogen zu Recht längst viel höher geschlagen.
prologo1, 01.03.2013
5. Das ist doch kein Wunder, denn....
Zitat von sysopDPADas sind sie wieder, die bösen Deutschen und die faulen Italiener. Die wütenden Vorwürfe nach Peer Steinbrücks "Clown"-Sprüchen zeigen, dass Vorurteile in beiden Ländern noch immer tief sitzen. Die gegenseitigen Schimpftiraden haben schon Tradition. http://www.spiegel.de/politik/ausland/steinbruecks-clown-kommentar-deutsch-italienische-verstimmung-a-886387.html
.....denn Merkel macht uns wieder zum hässlichen Deutschen, und Steinbrücks Klugscheißerei macht noch den Deckel drauf. Zwischen CDU und SPD ist sowieso kein Unterschied mehr, und wir könnten froh sein, wenn wir auch einen Grilli hätten, der unsere verstaubten, alternativlosen Politiker endlich in die Wüste schickt.
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