Besuch in Armenien Steinmeier auf historisch vermintem Gelände

Bei seinem Armenien-Besuch wird der Außenminister mit dem Trauma des Völkermords von 1915 konfrontiert. Bis heute belastet das Drama die Beziehungen des Landes zum Nachbarn Türkei.

Außenminister Steinmeier (l.), armenischer Amtskollege Nalbandian: "Erfahrungen mitteilen"
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Außenminister Steinmeier (l.), armenischer Amtskollege Nalbandian: "Erfahrungen mitteilen"

Aus Eriwan berichtet


Klassische, tragende Musik vom Band erklingt, während Frank-Walter Steinmeier den Weg zur ewigen Flamme abläuft. Entlang der kurzen Stichstraße finden sich Bäume, die Staatspräsidenten hier zur Erinnerung haben pflanzen lassen.

Der Bau zur Erinnerung an den "Genozid", wie er offiziell heißt, wurde bereits zu Sowjetzeiten eingeweiht. Derzeit finden Erweiterungsarbeiten statt. Hier spürt Steinmeier einmal mehr: Das Massaker der Türken an den Armeniern 1915 im Ersten Weltkrieg, es ist das Trauma des kleinen Berglandes am Rande des Ararat.

Bei seinem Besuch in Eriwan überreicht der armenische Außenminister Edward Nalbandian Steinmeier einen Band mit 240 Unterlagen aus dem Deutschen Reich, einst im Ersten Weltkrieg Verbündeter des Osmanischen Reichs. Die Papiere bewiesen, so der armenische Außenminister, dass der Völkermord der Türken an seinem Volk stattgefunden habe. Hier wird schnell klar: Es ist ein hoch emotionales Thema. 1,5 Millionen Menschen, so die Schätzungen Armeniens, seien damals umgekommen.

Im kommenden Jahr jährt sich der Massenmord zum 100. Mal, derzeit läuft in deutschen Kinos mit "The Cut" der Film des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin, der das Massaker thematisiert. Doch hier in der Region sieht es bis heute nicht so aus, als würden Armenier und Türken die Kraft für wirklich versöhnliche Gesten finden. Zwar nannte der einstige türkische Außenminister und heutige Ministerpräsident Ahmed Davutoglu bei seinem Besuch in Armenien im vergangenen Jahr die Massaker "gänzlich falsch" und "unmenschlich", auch der heutige türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sprach in diesem April beim Armenier-Gedenktag sein Beileid aus.

Doch das reicht der armenischen Seite nicht. Zwei Protokolle über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern liegen seit fünf Jahren auf Eis. Auf der Pressekonferenz mit Steinmeier schiebt der armenische Außenminister die Schuld allein Ankara zu. "Der Ball liegt bei der Türkei", sagt Nalbandian.

Das Beispiel der deutsch-französischen Versöhnung

Steinmeier hat mit seinem Kollegen bereits im Sommer in Berlin über die Frage einer versöhnlichen Geste im 100. Jahr des Massakers gesprochen. Danach in Eriwan befragt, sagt der SPD-Politiker, nach zwei Weltkriegen, die von Deutschland ausgegangen seien, wolle man kein Lehrmeister sein, aber gerne der armenischen und türkischen Seite "Erfahrungen mitteilen".

Steinmeier nennt das Beispiel der deutsch-französischen Verständigung und Versöhnung nach Jahrhunderten der Feindschaft. Aber er merkt mit Blick auf die Region an: "Das kann nicht stellvertretend von anderen gemacht werden, sondern nur von den Nachbarn selbst." Über Begegnungen, etwa zwischen Jugendlichen und Historikern, müsste von Türken und Armeniern entschieden werden.

Nicht nur Armeniens Beziehungen zur Türkei sind angespannt, auch zum reichen Nachbarn im Südosten. Steinmeier ist am selben Tag von Baku gekommen, der Hauptstadt des Öl-und Gaslandes Aserbaidschan. Baku, die Metropole des autoritär geführten Staats boomt, dagegen wirkt Eriwan bescheiden, ja ärmlich. Steinmeiers Reise ist auch ein Zeichen, dass die EU ihre östliche Partnerschaft trotz der Ukraine-Krise fortsetzen will. Armenien hat sich im vergangenen Jahr bereit erklärt, der von Russlands Präsidenten Wladimir Putin initiierten Eurasischen Zollunion beizutreten. Er hoffe, dass Armenien darin kein Hindernis sehe, seine Kontakte zu den europäischen Staaten und zu Europa zu vertiefen, sagt Steinmeier.

Das muslimisch geprägte Aserbaidschan und das christliche Armenien, das ist ein fortwährender Spannungszustand. 1992 brach zwischen beiden Ländern ein zweijähriger Krieg um die Enklave Berg-Karabach aus, die überwiegend von Armeniern bewohnt wird. In letzter Zeit hat es wiederholt Vorfälle in Berg-Karabach gegeben, im Sommer gab es mindestens 18 Tote.

Nun könnte es bald in Paris zu einer Annäherung kommen. Steinmeier setzt Hoffnungen auf das Treffen der aserbaidschanischen und armenischen Präsidenten am 27. Oktober, zu dem der französische Präsident eingeladen hat. Vielleicht gelinge es in Paris, im Konflikt um Berg-Karabach die "festgefahrenen Positionen etwas aufzuweichen", sagt Steinmeier.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Severin Weiland, Jahrgang 1963, ist Politikredakteur und Politischer Korrespondent im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Severin_Weiland@spiegel.de

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Seite 1
willibrand 23.10.2014
1. ich frage mich
was Steinmeier dort will ? Gerade erst der Unsinn mit der Ukraine, die den kalten Krieg zurückgebracht hat und unser bisschen Wohlstand gefährdet soll wohl hier der Flächenbrand cergrössert werden ?
narko1 23.10.2014
2. Völkermordbeweise vom Ausenminister?
Der Völkermord ist bewiesen, die Anerkennung durch die Türkei fehlt! Somit Anspielungen das es eine Armenische Behauptung ist, ist unerhört! Auch das Armenien Probleme mit seinen Nachbarn hat ist unverschämt! Die Grenze zur Türkei wurde aus Solidarität für Aserbaidschan geschlossen, Aserbaidschan hat Im Berg Karabachkrieg Zivilisten mit Panzern angegriffen! Warum hat Armenien kein Problem mit Iran? Aserbaidschan und die Türkei Haben zu keinem Nachbarn gute Beziehungen! Zu den Protokollen, die Türkei hat sich geweigert die Protokolle zu unterschreiben, solange Berg Karabach eine selbständige Republik ist. Und Armenien sagt, ausgemacht war ohne Vorbedingungen. Sonst hätte Armenien die Anerkennung des Völkermords verlangt
McMuffin 23.10.2014
3. Massaker?
Warum schreibt der Autor eigentlich von Massakern und setzt Genozid in Anführungszeichen? Der Völkermord ist doch historisch sehr gut dokumentiert. Und von einem Massaker zu sprechen, ist auch etwas merkwürdig für ein Geschehen, das laut seriösen Forschern zwischen 700.000 und 1,5 Mio. Menschen das Leben gekostet hat. Abgesehen davon sollten gerade wir Deutschen bei solchen Themen vorsichtig sein, weil Deutschland damals als verbündeter der Türken eine recht unrühmliche Rolle gespielt hat.
Hamberliner 26.10.2014
4. Grenz-Schikanen, Berg-Karabach
Steinmeier hätte ruhig etwas für die touristischen Interessen tun können, denn Otto Normalverbraucher interessiert so ein kleines, entferntes Land doch am ehesten als Reiseziel. Fakt ist: Wenn man auf den Webseiten des armenischen Außenministeriums ein "Online-Visum" bestellt bekommt man nur eine E-Mail mit der Bearbeitungsnummer, danach nichts mehr. Und wenn man am Grenzübergang eintrifft will der Grenzer das Online-Visum sehen. Wenn man dann entnervt vor Ort ein zweitesmal ein Visum beantragt und bezahlt hat, wobei man sich mangels Schreibunterlage auf einem glühend heißen Fensterbank-Blech die Hände verbrennt, kommt der Kollege des Grenzers, will schon wieder das Online-Visum sehen, das normale Visum interessiert ihn nicht, und lässt einen nicht durch. Englisch können beide nicht, nur russisch. Und wenn man glaubt, die Kontrollstation verlassen zu haben, durchaus auch zollabgefertigt, gibt es ein Trillerpfeifenkonzert und unteroffiziersmäßigen Anschiss, weil man noch eine nebulöse Kontrolle außerhalb des Kontrollpostens übersehen hat. Im übrigen passt es sehr schlecht in die Landschaft wenn Armenien sich nicht an die international anerkannten Grenzen hält und bezüglich Berg-Karabach das vormacht, was Russland später bezüglich Abchasien, Südossetien, Krim und Donezk nachgemacht hat.
gtuerk 14.04.2015
5. Berg karabach ist nicht Armenisch!
Liebe freunde! Warum erkennt die UN die Annektierung durch Armenien wohl nicht an? Es ist Aserbaidschanisches Gebiet welches sich Armenien mit Hilfe der Russen unter den Nagel gerissen haben! Es gibt unzählige Dokumente darüber was für greultaten die Armenier dort begangen haben, z.b ein Arzt zieht einem Jungen bei lebendigem Leibe die Haut ab usw.! Zum Thema Völkermord sage ich egal wie oft man das wiederholt, dadurch wird es nicht zwangsläufig wahr! Eine Geschichtskommision könnte dies durch Einblick in die Archive beider Länder klären. Aber Armenien verweigert sich! Warum?
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