Stepaschin Treuer Gefolgsmann des Kreml-Chefs

Vor allem eine Eigenschaft soll Sergej Stepaschin den Aufstieg zum Regierungschef ermöglicht haben: seine jahrelange Treue zu Präsident Boris Jelzin. Bei der Verteidigung des Weißen Hauses in Moskau 1991 lernten sich beide kennen, heute lobt Jelzin Stepaschins "große Energie und Arbeitsfähigkeit".

Moskau - Vor einigen Jahren schien die steile Karriere des Sergej Stepaschin bereits jäh beendet. Damals Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, wurde er mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt. Unter seinem Kommando erlebten Spezialkommandos der Sicherheitskräfte ein peinliches Debakel im südrussichen Budjonnowsk. 120 Menschen starben dort, nachdem russische Innen- und Geheimdienstkommandos eine Geiselnahme tschetschenischer Freischärler beendeten. Noch heute wird Stepaschins Name mit Fehlern der russischen Tschetschenien-Politik in Verbindung gebracht.

Dennoch tauchte der ehemalige Politoffizier 1997 erneut auf der politischen Bühne auf: Von seinem Förderer Boris Jelzin wurde Stepaschin zum Justizminister berufen. Ein Jahr später übernahm er das Innenministerium, das die Kontrolle über den gesamten Polizeiapparat ausübt. Im vergangenen Monat avancierte er schließlich zum Stellvertreter des Regierungschefs Primakow, dem er nun nachfolgt. Stets stand Stepaschin an der Seite des Kreml-Chefs. Und auch am Mittwoch stellte er sich der Duma als treuer Weggefährte Jelzins vor. "Ich werde den Präsidenten nicht verraten."

Mit harten Worten gegen Kriminalität und Korruption wußte Stepaschin auch die Stimmen von Kommunisten und Nationalisten zu gewinnen. Für welche Wirtschaftspolitik der Neue steht, ist unklar. Nachdem er sich zuvor für einen Fortführung der Reformen ausgesprochen hat, kündigte er kurz vor seiner Wahl eine staatlich geregelte Wirtschaft an. Außenpolitisch liegt Stepaschin auf einer Linie mit dem früheren Amtsinhaber Primakow. Er hat wiederholt einen scharfen Kurs gegenüber dem Baltikum und der Ukraine gefordert, die früher oder später "zu Rußland zurückkehrt".

Stepaschin wurde 1952 als Sohn eines Seeoffiziers in China geboren. Seinen Gegnern gilt er als humorloser und hölzerner Bürokrat. Mit besonderem Spott wird seine historische Dissertation bedacht, die die Rolle der Partei in der Leningrader Feuerwehr während des Zweiten Weltkriegs beleuchet. Karikaturisten stellen Stepaschin daher gern in der Uniform eines Feuerwehrmannes dar.