Stichwahl in Bolivien Niederlage für Bauernführer Morales

Ex-Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada ist vom Kongress zum zweiten Mal an die Spitze Boliviens gewählt worden. Im Armenhaus Südamerikas unterlag Aymará-Indio Evo Morales in einer Stichwahl im Parlament.


Gonzalo Sanchez de Lozada
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Gonzalo Sanchez de Lozada

La Paz - 84 Stimmen fielen auf den konservativen Unternehmer und Multimillionär Sánchez de Lozada. Evo Morales, Führer der Koka-Bauern, bekam 43 Stimmen. Sánchez de Lozada wird nun seine zweite Amtszeit antreten. Er war bereits von 1993 bis 1997 Präsident des Landes. Damals ließ er Teile staatlicher Betriebe privatisieren und gewährte den verarmten Kommunen mehr Steuergelder.

Zur Stichwahl im Parlament kam es, nachdem bei der Volkswahl am 30. Juni kein Kandidat die notwendige Mehrheit erhielt. Sánchez de Lozada lag mit 22,46 Prozent der Stimmen knapp vor Morales, der auf 20,94 Prozent der Stimmen kam.

Bevor die Abgeordneten an die Urnen schritten, debattierten sie 24 Stunden lang. Alle 157 Abgeordneten hatten sich zu Wort gemeldet. Viele Indio-Abgeordnete hielten ihre Rede in traditioneller Kleidung und in ihrer indianischen Muttersprache. Der bisherige Amtsinhaber Jorge Quiroga hatte im vergangenen Jahr die Nachfolge des damals erkrankten und inzwischen verstorbenen Hugo Bánzer angetreten und durfte nach der Verfassung nicht mehr antreten.

Der Diplomatensohn Sánchez de Lozada verbrachte einen Großteil seiner Jugend in den USA, wo er auch Philosophie und Englische Literatur an der Universität von Chicago studierte. Sein Spanisch ist noch immer von einem starken amerikanischen Akzent geprägt.

Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. Mindestens 60 Prozent der 8,5 Millionen Bolivianer leben in Armut, die Arbeitslosigkeit liegt bei über zehn Prozent. Sánchez de Lozada hatte im Wahlkampf für die sofortige Umsetzung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie den Bau von Straßen geworben. Bis zu 800.000 arme Schüler und Studenten sollen Stipendien erhalten. Gleichzeitig leidet das Land unter einem hohen Haushaltsdefizit und einer erdrückenden wirtschaftlichen Entwicklung.



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