Präsidenten-Stichwahl in Frankreich Rechnung mit rechts

Dämpfer für den Präsidenten im ersten Wahlgang: Wie soll Nicolas Sarkozy den Rückstand auf den Sozialisten Hollande aufholen? Für die Stichwahl in 13 Tagen wird der Konservative jetzt noch stärker am rechten Rand um Stimmen buhlen - doch Rechtspopulistin Le Pen zeigt wenig Interesse, ihn zu unterstützen.

Von , Paris


Die Zeitungen beschreiben dasselbe Ereignis: "Hollande in Führung, Le Pen als Störenfried", titelt die linke Tageszeitung "Libération". "Der Durchbruch von Marine Le Pen belebt die zweite Runde", schreibt der "Figaro", das Verlautbarungsorgan des Elysée. Und das Wirtschaftsblatt "Les Echos" sorgt sich auf Seite eins über "die schwierige Gleichung für Sarkozy".

Nach der Aufregung um die erste Runde der Präsidentenwahl zieht Frankreich am Montag Bilanz. So verschieden die Nachlese in der Bewertung ausfällt, so einig sind sich alle Kommentatoren: Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Der erste Urnengang, der dem Sozialisten Hollande mit 28,6 Prozent einen knappen Vorsprung vor Nicolas Sarkozy (27,2 Prozent) bescherte, ist gerade vorbei, da steuern die beiden Kontrahenten mit ungebremstem Elan auf die Entscheidung in der zweiten Runde zu. Knappe 13 Tage bleibt den beiden Kandidaten, um bei Auftritten quer durch die Republik politische Überläufer aus dem Stimmenpool der gescheiterten Mitbewerber zu fischen.

Darf Sarkozy weiterregieren?

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Präsidentenwahl in Frankreich: Die Wutwahl
Keine leichte Übung. Denn nur die Wähler, die für Hollande und Sarkozy ihre Stimme abgaben, werden sich leicht tun, am 6. Mai noch einmal den gleichen Namen anzukreuzen. Die Sympathisanten der acht ausgeschiedenen Kandidaten müssen sich beim zweiten Votum hingegen für das "geringere Übel" entscheiden. Für sie reduziert sich der Urnengang auf eine beinah banale Negativauswahl: Darf Sarkozy weiterregieren? Oder soll Hollande die Führung übernehmen?

In den Kampagnen-Hauptquartieren der beiden Favoriten wird seit Sonntagabend fleißig hochgerechnet, wie groß das Potential der Wechselwähler ist: Staatschef Sarkozy braucht zum Sieg die Hilfe von Rechtspopulistin Le Pen. Sozialist Hollande kann nur mit dem Beistand von Linksaußen Jean-Luc Mélenchon und Grünen-Frau Eva Joly gewinnen.

Dabei hat Hollande freilich die besseren Karten. Der Kandidat der Parti socialiste (PS) kann sich auf die Umwelt-Partei stützen, mit der er frühzeitig einen Pakt schloss. Im Gegenzug für ihre Unterstützung erhalten die Ökos bei den Parlamentswahlen im Juni mehrere Dutzend Abgeordnetenposten. Sicher ist Hollande auch die Hilfe von Mélenchon, der mit seinem Wahlergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Der Kandidat der Linken Front hat bereits zum solidarischen Schulterschluss gegen den jetzigen Präsidenten aufgerufen: "Sarkozy muss raus." Fast 80 Prozent der Genossen, so Meinungsforscher, dürften dem Appell des Volkstribuns folgen.

Psychologischer Effekt für Sarkozy vernichtend

Sarkozy liegt in der ersten Runde zwar rechnerisch nur gut einen Punkt hinter Hollande. Der psychologische Effekt ist dabei aber genauso vernichtend wie der arithmetische: Noch nie in der Geschichte der Fünften Republik lag ein amtierender Präsident hinter seinem Herausforderer.

Umso schwerer tut sich Sarkozy jetzt, eine solide Phalanx für das kommende Duell zu schmieden. Der Amtsinhaber hatte auf eine "rechte Welle" spekuliert, gespeist aus dem Rückhalt der "stillen Mehrheit". Eine krasse Fehlkalkulation: In Wahrheit erwies sich der Präsident mit dieser Strategie als Steigbügelhalter von Front-National-Chefin Le Pen.

Getragen von einer "Woge in Marine-blau" erreichte die 43-jährige Politikerin am Sonntag einen historischen Spitzenwert. Die gelernte Rechtsanwältin hatte es mit ihrer Taktik der Entdiabolisierung während der vergangenen Jahre geschickt verstanden, die Partei ihres Vaters aus dem anrüchigen Dunstkreis antisemitischer Hetze zu führen. Stattdessen machte ihr weichgespülter Nationalismus den Islam zum Feindbild - mit erschreckendem Erfolg: Rund sieben Millionen Franzosen stimmten am Sonntag für die Rechtspopulistin.

Die Strategie der Marine Le Pen

Als "dritte Frau" des ersten Wahlganges, hat Le Pen jedoch kein Interesse daran, Sarkozy ein weiteres Mal für den Elysée fit zu machen. Im Gegenteil. Sie kalkuliert mit dem Sieg des Sozialisten Hollande: Von der Niederlage gebeutelt, könnte Sarkozys heterogene Regierungspartei "explodieren" und in ihre historischen Fraktionen, Clubs und Seilschaften zerfallen. Für Le Pen die perfekte Gelegenheit, die versprengten Rechten in einer neuen Sammelbewegung zusammenzufassen - vielleicht gar unter neuem Namen, um die anstößige Vergangenheit ihres Front National vergessen zu machen.

Sollte Marine Le Pen, die sich bereits als wahre und einzige "Chefin der Opposition" ausruft, auf dieses Ziel zusteuern, wird die Luft dünn für Präsident Sarkozy. Ohne die überwiegende Mehrheit aus dem Stimmenreservoir des Front National ist sein Sieg unmöglich. Sarkozy, der 2007 nur dank der Rechtsextremen das Rennen um den Einzug in den Elysée gewann, hatte auch dieses Mal versucht, mit populistischer Rhetorik Sympathisanten der Rechtspopulisten abzugreifen. In der Schlussphase der Kampagne griff der Staatschef tief in den Fundus platt-rechter Parolen: Etwa mit Hinweisen auf die "nationale Identität" oder die "christliche Wurzeln" des Landes, die schon erkennbar "beim Blick auf Kirchen und Kathedralen" seien.

Markiger "Appell an das Vaterland"

Das ist alles ohne Erfolg. Als einzige Marschroute für die kommenden zwei Wochen Wahlkampf bleibt Sarkozy nur der Versuch, mit einem hartem Steuerbord-Kurs die Front-National-Chefin rechts zu überholen. Sein markiger "Appell an das Vaterland" am Sonntagabend enthielt schon die ersten Stichworte: Die Warnung vor Europas durchlässigen Grenzen, die Drohkulisse von Immigration und Islam, das Wettern gegen Kriminalität und die Bedrohung durch die Machtübernahme eines linken Kartells.

Der Kotau vor den Rechten hat freilich einen verhängnisvollen Nebeneffekt: Er verprellt die Anhänger der Zentrumspartei Modem. Gewiss, ihr Spitzenmann François Bayrou, erreichte beim ersten Wahlgang nur enttäuschende neun Prozent. Doch Sarkozy braucht auch Bayrous wertkonservatives Klientel. Schon vor dem ersten Wahlgang hatte der Präsident versucht, den Spitzenkandidaten mit dem Posten des Ministerpräsidenten zu ködern - ohne Erfolg. Bayrou will sich erst in den nächsten Tage erklären. Die Wähler des aufrechten Katholiken aus Frankreichs Südwesten sind sich uneins: Etwa die Hälfte ist dem sozialdemokratischen Programm Hollandes zugeneigt, die andere befürwortet das Projekt Sarkozy.

"Alles theoretische Erwägungen", raunzt ein Sarkozy-Berater über die neuen Umfragen, die Hollande am späten Sonntagabend mit bis zu zehn Punkten vor dem Präsidenten platzieren. "Was zählt ist der Einsatz. Sarkozy geht mit Entschlossenheit in die Endrunde."

Ebenso Hollande: Während der Sozialist am Montag in der Bretagne unterwegs ist, wird Sarkozy in Tours zur ersten Veranstaltung von Runde zwei erwartet.

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wander, 23.04.2012
1. na also
Ginge es nach unserer neoliberalen Truppe im Bundestag, hätten wir in 10 Jahren Sozialstrukturen wie ein Entwicklungsland. Man kann den Franzosen nicht dankbar genug sein, dass sie diesen Alptraum entschlossen beenden und dabei Europa vor nordmexikanischen Verhältnissen bewahren. Für Merkel wird es jetzt zum Glück unmöglich, ganz Europa wie geplant in Hartz4 zu schicken.
Michels Pierre 23.04.2012
2.
Zitat von sysopGetty ImagesDämpfer für den Präsidenten im ersten Wahlgang: Wie soll Nicolas Sarkozy den Rückstand auf den Sozialisten Hollande aufholen? Für die Stichwahl in 13 Tagen wird der Konservative jetzt noch stärker am rechten Rand um Stimmen buhlen - doch Rechtspopulistin Le Pen zeigt wenig Interesse, ihn zu unterstützen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,829101,00.html
Die Le Pen Wähler in Frankreich sind gottseidank nicht alle Rechtsradikale. Nur weil die Grünen in Frankreich quasi inexistent sind und es noch keine Piraten gibt sind solche Resultate für den FN möglich. Es handelt sich grösstenteils um Protestwähler und man wird sehen dass fast die Hälfte im 2ten Wahlgang für Hollande stimmen werden.
jeanbabel 23.04.2012
3.
"Denn nur die Wähler, die für Hollande und Sarkozy ihre Stimme abgaben, werden sich leicht tun, am 6. Mai noch einmal den gleichen Namen anzukreuzen." Die Wähler, die Sarkozy oder Hollande gewählt haben, werden - so sie ihre Sinne beisammen haben - mit Sicherheit keinen der beiden Namen ankreuzen. Das macht die Stimmabgabe in Frankreich nämlich ungültig. Stattdessen wird der Wähler, der Sarkozy oder Hollande etwas gutes tun will, mit mehreren Wahlzetteln, auf denen jeweils der Name eines einzigen Kandidaten steht, in die Wahlkabine gehen und einen davoin in den blauen Umschlag stecken, der wiederum in die Wahlurne eingeworfen wird. So wählt man à la francaise. So viel zum Thema unbedacht benutzter Floskeln...
ceilks 23.04.2012
4. Volkstribun?
Zitat von sysopGetty ImagesDämpfer für den Präsidenten im ersten Wahlgang: Wie soll Nicolas Sarkozy den Rückstand auf den Sozialisten Hollande aufholen? Für die Stichwahl in 13 Tagen wird der Konservative jetzt noch stärker am rechten Rand um Stimmen buhlen - doch Rechtspopulistin Le Pen zeigt wenig Interesse, ihn zu unterstützen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,829101,00.html
Warum machen sich Franzosen eigentlich noch die Mühe einen Präsidenten zu wählen wo sie dich schon einen Volkstribun haben?
janne2109 23.04.2012
5. ...........
wenn es den Menschen schlecht geht, oder schlechter als vor Jahren, trappeln viele Menschen in die rechte Ecke. Es müssen schließlich Schuldige gefunden werden. Niemand fasst dann an die eigene Nase ob z. B. Arbeitslosigkeit auch an mangelnder Ausbildung liegen könnte, usw. usf.
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