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21. Februar 2012, 16:39 Uhr

Stimmung in Iran

Auftrieb für die Feinde des Westens

Von , Islamabad

Israels Falken trommeln gegen Irans Atomprogramm, drohen mit einem Militärschlag. Wie reagieren normale Iraner? Eine Umfrage unter Studenten und Dozenten zeigt: Selbst Gegner von Präsident Ahmadinedschad wenden sich gegen den Westen - und wähnen ihr Land als Opfer feindlicher Mächte.

Mahmud Ahmadinedschad hetzt gegen die USA, Israel und den Westen. Er präsentiert sich stolz als Förderer der Atomkraft in seinem Land. Der stellvertretende Kommandeur der iranischen Streitkräfte droht den Feinden Irans mit einem Präventivschlag. In Indien, Georgien und Thailand explodieren mutmaßlich iranische Bomben. Iran schickt als Demonstration seiner Macht Kriegsschiffe ins Mittelmeer. Das aggressives Großmachtgebaren beherrscht fast täglich die Nachrichten. Der Westen wiederum verschärft seine Sanktionen. Israel diskutiert einen Militärschlag gegen Iran.

Aber was denken eigentlich Menschen in Iran darüber? Wie sehen sie die Eskalation des Konflikts?

Es ist schwierig, das Meinungsbild in der iranischen Bevölkerung zu erforschen. Es gibt eine strenge Zensur, Journalisten werden kaum in das Land gelassen. Doch man kann trotzdem zu einigen Iranern Kontakt aufnehmen. Wenn man mit ihnen spricht, ergibt sich ein erstaunliches Bild: Diese Iraner - auch Gegner des radikalen Präsidenten Ahmadinedschad - sehen ihr Land vor allem in der Opferrolle. Auch sie sehen den Westen als Feind, differenzieren kaum, nehmen die gravierenden Unterschiede zwischen den Kriegsbefürwortern in Israel und den Kriegsgegnern in der Regierung Obama nicht wahr.

"George W. Bush hat unser Land nach dem 11. September systematisch zu einem Feindbild aufgebaut. Jetzt ist das wieder der Fall: Ich habe noch keine Beweise gesehen, dass wir an einer Atombombe bauen", sagt ein Professor aus Teheran. Seinen Namen will er nicht genannt wissen, so wie alle Gesprächspartner die Öffentlichkeit scheuen. In Iran gibt es keine Meinungsfreiheit, falsche Worte können einem Ärger einhandeln - vor allem, wenn es um die Atompolitik des Landes geht.

Flugzeugträger, ermordete Forscher, Sanktionen

Iran rüstet seinen Waffenbestand auf, sabotiert die Arbeit unabhängiger Atom-Inspekteure - warum? Und warum die Installation neuer Zentrifugen in unterirdischen Anlagen zur effizienteren Urananreicherung? Iranische Akademiker weichen diesen Fragen aus, beteuern trotz aller Indizien dagegen, das Atomprogramm diene zivilen Zwecken. "Dazu haben wir das Recht, wie jedes andere Land auch", kritisiert ein Teheraner Student.

Dabei brüstet sich Präsident Ahmadinedschad in den Medien immer wieder mit seinem Nuklearprogramm - dass er nur friedliche Zwecke verfolgt, erscheint unglaubwürdig. Das Mullah-Regime hetzt seit der islamischen Revolution gegen Israel und streitet ein Existenzrecht des israelischen Staates ab. Trotzdem sehen sich auch aufgeklärte Menschen in Teheran in der Position des Angegriffenen, wähnen sich von Feinden umgeben. Verschwörungstheorien allerorten.

Die Iraner sehen im - streng zensierten - Fernsehen, dass inzwischen drei amerikanische Flugzeugträger im Persischen Golf kreuzen. Sie sehen auf Landkarten, wie viele US-Stützpunkte es in der Region gibt. Sie hören die anti-westliche-Propaganda ihrer Regierung. Aber natürlich leiden sie auch unter den Sanktionen, die der Westen ihnen auferlegt hat.

Die Iraner registrieren die militärischen Übungen Israels. Sie hören, dass israelische Politiker ihnen mit Krieg drohen. Sie lesen von den Morden an iranischen Nuklearwissenschaftlern. Einer Gallup-Umfrage zufolge sehen 87 Prozent der US-Amerikaner Iran als Feind Nummer eins.

Dass die Regierung in Washington die Israelis vor Kriegsabenteuern warnt, die Falken in Tel Aviv zu bremsen versucht - das registrieren die Menschen in Teheran nicht oder kaum. Zu verhärtet sind anti-amerikanische und anti-israelische Feindbilder, auch in der Intelligenzia.

"Wir sollen Kriegstreiber sein?", fragt ein Medizinstudent von der Universität in Ghom. Die Anschläge in Indien, Georgien und Thailand verteidigt er als Reaktionen auf die Gewalt, die Iran angetan werde. Er betont, es gebe "genug Kräfte in Iran, die für Verhandlungen mit dem Westen" seien, allerdings seien die durch die Kriegsrhetorik radikaler Politiker in den USA und in Israel "mächtig geschwächt" worden.

Die Macht in Iran haben die Mullahs, mit Ajatollah Ali Chamenei an der Spitze. Gleichwohl repräsentieren sie, die Erben der islamischen Revolution, nur einen Teil der Bevölkerung. "Statt die reformorientierten Kräfte zu stützen, hat der Westen die Macht der Kleriker noch gestärkt", warnt der Student.

"In Wahrheit ein Krieg gegen die islamische Welt"

Seit dem Einmarsch in Afghanistan und dem Krieg gegen Irak glauben mehr Menschen denn je in der Region, dass die USA in Wahrheit einen Krieg gegen die islamische Welt führen und ansonsten ihre wirtschaftlichen Interessen verfolgen. "Von Demokratie und Menschenrechten reden sie viel, führen das aber nicht im Sinn", sagt ein Deutsch-Student aus Teheran.

Nach Afghanistan und Irak, so die Wahrnehmung, seien Iran und Pakistan die nächsten auf der Liste. Gegen Pakistan wage Washington den offenen Konflikt nicht, weil Pakistan Atommacht ist. Selbst gemäßigte Kräfte in Iran haben durchaus Sympathien für die Idee, dass auch Iran möglichst schnell Atommacht werden sollte. "Das heißt aber noch lange nicht, dass Iran es auch tut. Weiß jemand, dass Iran sich um eine Atombombe bemüht?", fragt der Professor. "Vielleicht sind diese Erkenntnisse ja so realistisch wie die irakischen Massenvernichtungswaffen?"

Kritisch sehen viele, dass ausgerechnet die USA, jenes Land mit den meisten einsatzfähigen Nuklearsprengköpfen, von Iran ein Ende des Atomprogramms verlangen.

"Mit solchen Worten schwächt man demokratische Kräfte"

Ein Krieg, da sind sich Menschen in Iran und in den Nachbarländern Afghanistan und Pakistan einig, hätte nicht nur möglicherweise eine Vernichtung Israels zur Folge, sondern bedeutete einen Bruch zwischen West und Ost. Er wäre ein atomares Risiko, eine Gefahr für die ohnehin geschwächte Weltwirtschaft. Kurz: Ein Krieg wäre ein Irrsinn.

Trotzdem ließen sich Politiker zu fatalen Aussagen hinreißen. Westliche Politiker seien da nicht besser als Mahmud Ahmadinedschad, finden sie an der Universität von Teheran. "Unser Präsident ruft immer wieder zur Vernichtung Israels auf, um die Hardliner hinter sich zu scharen. Das ist Wahnsinn", sagt ein Dozent. Umgekehrt böte eine Forderung nach einem Militärschlag gegen Iran in den USA im Präsidentschaftswahlkampf der Republikaner die Chance, Härte und Entschlossenheit zu beweisen.

Diese Rhetorik zeige, dass das Risiko eines Kriegs unterschätzt werde. "Mit solchen Worten schwächt man nur die demokratischen Kräfte in der Region." Welchen Rückhalt fänden Befürworter demokratischer Prinzipien in Iran noch, wenn die Forderung nach einem Krieg gegen Iran Teil eines demokratischen Wahlkampfes sei? "Wieder erreichen amerikanische Politiker das Gegenteil dessen, was im Interesse der USA ist", sagt ein Teheraner Student.

Mit Besorgnis nehme man zur Kenntnis, dass selbst westliche Wissenschaftler und Experten sich "im Krieg der Worte" rekrutieren ließen. Matthew Kroenig, ein 34-jähriger Nahost-Experte und bis 2011 Sonderberater des US-Verteidigungsministers, überschrieb seinen Artikel in der Zeitschrift "Foreign Affairs" mit der Zeile "Zeit, Iran anzugreifen". Und Niall Ferguson, ein Wirtschaftshistoriker, behauptete in seiner "Newsweek"-Kolumne, dass alle Argumente gegen einen Krieg gegen Iran falsch seien. Die jetzige Zeit, so Ferguson, fühle sich an "wie am Vorabend einer kreativen Zerstörung".

So etwas zu schreiben, da sind die Studenten und Dozenten in Iran einig, sei "einfach verantwortungslos". Die Mehrheit im Westen würde ihnen da sicher Recht geben. Doch die Feindbilder leben weiter, auf beiden Seiten.

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