Stimmungsbarometer Europa würde Obama wählen

Im US-Wahlkampf liefern sich Barack Obama und John McCain ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in Europa ist die Stimmung dagegen eindeutig: Die Bürger des Kontinents wollen einer neuen Großumfrage zufolge den Demokraten im Weißen Haus sehen.

Von , Washington


Washington - Die Bürger Europas erhoffen sich von einem Wahlsieg des Demokraten Barack Obama einen Neuanfang im transatlantischen Verhältnis. Laut der Umfrage "Transatlantic Trends" gehen 47 Prozent der Befragten in zwölf europäischen Ländern von einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Europa und den USA nach einem Einzug Obamas in das Weiße Haus ein. Hingegen erwarten nur elf Prozent der Befragten eine ähnliche Verbesserung von einem Präsidenten John McCain.

Obama in Berlin: Über zwei Drittel Prozent der Europäer wünschen sich den Demokraten im Weißen Haus
AP

Obama in Berlin: Über zwei Drittel Prozent der Europäer wünschen sich den Demokraten im Weißen Haus

Auch die Sympathien für die beiden Bewerber sind ungleich verteilt: 69 Prozent der Europäer würden sich einen Präsidenten Obama wünschen, nur 26 Prozent sagen das im Schnitt über McCain. In Deutschland ist diese Zuneigung besonders ausgeprägt: 83 Prozent der Befragten unterstützen hier den Demokraten.

Die Befragung "Transatlantic Trends" wird jedes Jahr vom "German Marshall Fund" und der "Compagnia di San Paolo" durchgeführt. Sie gilt als wichtiger Gradmesser im transatlantischen Verhältnis.

Freilich lassen diese Zahlen nicht den Schluss zu, die Beziehungen zwischen Europa und den USA hätten sich bereits entspannt - wie es manche Experten angesichts der europäischen Begeisterung für den US-Wahlkampf hofften. Das Ansehen der USA in Europa ist in der zweiten Bush-Amtszeit nahezu unverändert geblieben. Nach wie vor sehen nur 36 Prozent der Europäer die amerikanische Weltmachtrolle positiv (vor Beginn des Irakkriegs waren es noch 64 Prozent). Mit der Politik der Bush-Regierung sind sogar lediglich 19 Prozent einverstanden.

Die transatlantische Kluft ist erkennbar

"Das schlechte amerikanische Ansehen in der Welt hat sich seit 2004 nicht wesentlich verändert", sagt John Glenn, beim GMF für die Umfrage zuständig. Weder die Charme-Offensive der Bush-Regierung, die sich in den vergangenen Jahren um bessere Beziehungen zu europäischen Partnern bemühte, noch der spannende Wahlkampf hätten zu wesentlichen Verbesserungen geführt. "Die Europäer scheinen sich entschlossen zu haben, bis zum Wahltag im November erst einmal abzuwarten."

Außerdem ist die Zuneigung für Obama nicht gleichzusetzen mit automatischer Zustimmung für dessen politische Vorstellungen. Zwar sind Übereinstimmungen bei den Ängsten auf beiden Seiten des Atlantiks festzustellen. Die Bürger sorgen sich vor allem um die Wirtschaftslage, die Energieversorgung und die Terrorgefahr. Doch ist eine transatlantische Kluft etwa bei der Einschätzung der Gefährdung durch eine iranische Atombombe erkennbar - wozu Obama im Wahlkampf eine ähnlich unnachgiebige Haltung vertritt wie John McCain oder gar die Bush-Regierung.

"Hier hat die Bedrohungs-Einschätzung in Europa deutlich abgenommen", sagt Glenn (69 Prozent der Amerikaner treibt die Sorge über eine iranische Nuklearbombe nach wie vor um, aber nur noch rund jeden zweiten Europäer). Verantwortlich dafür seien vor allem jüngste Einschätzungen internationaler Kontrollbehörden und Geheimdienste über den Stand des iranischen Nuklearprogramms.

Ähnlich ausgeprägt sind die Unterschiede in der Einschätzung zum Einsatz in Afghanistan - für den Obama wiederholt stärkeres europäisches Engagement gefordert hat. Zwar wollen die befragten Europäer sich hier für den Wiederaufbau, Polizeitraining oder den Anti-Drogen-Kampf engagieren. Doch Kampfhandlungen gegen die Taliban unterstützen nur 43 Prozent der Befragten. In den USA sind es 76 Prozent.

Auch der Klimaschutz wird zwar auf beiden Seiten zunehmend als Problem anerkannt - aber während 41 Prozent der Europäer die Kooperation auf diesem Gebiet als transatlantische Priorität angeben, tun dies bloß 18 Prozent der Amerikaner.

In diesem Jahr fragten die "Transatlantic Trends" gezielt nach einer Einschätzung der russischen Politik auf beiden Seiten des Atlantiks. Allerdings wurden diese Fragen im Juni gestellt, noch vor der jüngsten Georgien-Krise. Erkennbar ist aber bereits eine wachsende Besorgnis vor russischen Alleingängen, insbesondere in seiner Rolle als Energieversorger. 64 Prozent der Europäer sehen diese Rolle nun mit Besorgnis, mehr noch als die Amerikaner (61 Prozent).

In der Zusammenfassung aller Ängste über Russland - auf sein Verhalten zu seinen Nachbarn, der demokratischen Entwicklung, Waffenverkäufe in den Nahen Osten des Nahen Ostens und der Energieversorgung - sind die Deutschen am meisten beunruhigt. Auf einer Skala von 1 (am niedrigsten) bis 100 (am höchsten) geben sie ihre Besorgnis über die russische Politik mit 64 an.

Die Europäer zeigen auch mehr Bereitschaft als die befragten Amerikaner, Russlands Nachbarn wie Georgien oder die Ukraine zur Seite zu springen oder Demokratie-Bewegungen in Russland zu unterstützen. Hingegen ist in Europa die Bereitschaft weniger ausgeprägt als in den USA, Russland in internationalen Organisationen zu isolieren.

Nato gewinnt an Akzeptanz

Wieder zugenommen hat nach Jahren des Vertrauensverlusts in Europa die Unterstützung für Nato - insbesondere in Deutschland. Dort stieg die Zustimmung zur Frage nach der Notwendigkeit des Verteidigungsbündnisses um sieben Prozentpunkte auf 62 Prozent. Ein möglicher Grund ist, dass der Nato-Einsatz in Afghanistan insgesamt positiver bewertet wird als der Irak-Krieg. Auch könnte der Nato-Gipfel in Afghanistan, bei dem unter anderem aufgrund von deutschen Bedenken die Erweiterungspläne der USA modifiziert wurden, als Beispiel für eine offenere Diskussionskultur innerhalb des Verteidigungsbündnisses verstanden worden sein.

Untersucht wurde in der Umfrage auch das Verhältnis der Türkei zu den USA und der Europäischen Union. Dort gibt es hoffnungsvolle Anzeichen. Auf einer Skala von 1 (besonders negativ) bis 100 (besonders positiv) ist die türkische Haltung zur EU um sieben Prozentpunkte auf 33 angestiegen. Gegenüber den USA liegt sie nun bei 14, eine Verbesserung um drei Punkte. Beide Entwicklungen bedeuten die Umkehr eines Abkühlungsprozesses, der seit 2004 andauerte.

Allerdings gibt fast jeder zweite türkische Befragte an, die Türkei solle in internationalen Angelegenheiten möglichst im Alleingang handeln. Auch die Einschätzung zur EU-Mitgliedschaft der Türkei ist dort weiter ausgesprochen pessimistisch. Während 60 Prozent der befragten Europäer und 48 Prozent der Amerikaner von einem Beitritt der Türkei ausgehen, glaubt das nur rund jeder vierte Türke.



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