Stimmungswechsel in der Türkei Israel verliert wichtigen Verbündeten

"Staatsterrorismus" und "Banditentum": So ächtet die türkische Regierung Israels Angriff auf den Gaza-Hilfskonvoi. Das gute Verhältnis beider Staaten ist Geschichte. Jerusalem hat durch die Attacke den einzigen verlässlichen Verbündeten in der Region dauerhaft verprellt.

Von , Istanbul


In der Türkei ist man sich einig: Nach dem gestrigen Militäreinsatz der Israelis gegen einen internationalen Hilfskonvoi für Gaza sind die Beziehungen zu Jerusalem auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Dass die israelische Marine ein Schiff ins Visier nahm, das unter türkischer Flagge fuhr, die "Mavi Marmara", und dabei mindestens neun propalästinensische Aktivisten ums Leben kamen, wird von Kommentatoren einhellig als "worst case scenario" eingestuft, als das schlimmste aller Szenarien im Verhältnis der beiden Länder.

"Schüsse auf die Menschlichkeit" titelte die liberale Tageszeitung "Radikal", "Staatsterror" die rechtsgerichtete Tageszeitung "Türkiye", und: "Israel hat angegriffen" das Massenblatt "Hürriyet" in einer Sonderausgabe. "Lasst sie bereuen!" heißt es in einer Überschrift der Zeitung "Taraf", mit einem empörten Verweis darauf, dass den von Hubschraubern abtransportierten Verletzten der "Mavi Marmara" Handschellen angelegt wurden.

In ungewöhnlich drastischen Worten hat die politische Spitze in der Türkei den Vorfall verurteilt. Von "Staatsterrorismus" spricht Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und fordert "Bestrafung" Israels, sein Außenminister Ahmet Davutoglu von "Piraterie" und "Banditentum" und davon, dass Israel jegliche internationale Legitimität verloren habe. "Wir verfluchen sie mit aller Macht" zürnte Erdogans Stellvertreter Bülent Arinc gestern, räumte aber ein, dass eine Kriegserklärung an Israel, wie sie von den radikalen Islamisten und türkischen Nationalisten gefordert wurde, nicht in Frage komme. Immerhin.

"Unsere Beziehungen werden nie wieder dieselben sein", sagt Soli Özel von der Istanbuler Bilgi-Universität, und selbst der bekannte Fernsehkommentator Mehmet Ali Birand - sonst einer der nüchternsten Stimmen in der Türkei - sieht die vielgepriesene türkisch-israelische Allianz am Ende: "Wir können sie nicht mehr reparieren, sie ist gescheitert."

Zwei Milliarden Dollar für Rüstungsgeschäfte

Dass damit eine Gemeinschaft scheitert, die im Westen lange Zeit als Partnerschaft der "einzigen stabilen Demokratien im Nahen Osten" gepriesen wurde, kann vor allem Iran und Syrien freuen. Ihnen und der Mehrheit der muslimischen Bevölkerungen im Nahen Osten war die seltsame Allianz der Türken und Israelis noch nie geheuer. Was während des Kalten Krieges als Zweckgemeinschaft für jeweils eigene Sicherheitsinteressen begann, wurde Mitte der neunziger Jahre mit einem Kooperationsabkommen im Rüstungsbereich militärisch abgesichert: Während die Israelis Phantomflugzeuge und Marschflugkörper lieferten, stellten die Türken vor allem Luftraum für israelische Militärmanöver zur Verfügung. Von mehr als drei Milliarden Dollar im bilateralen Handelsvolumen sollen 2009 zwei Milliarden allein auf Rüstungsprojekte gefallen sein. So wird deutlich, dass die Türkei nicht nur als Übungszone für eigene Kampfpiloten, als Verbündeter in einer ansonsten feindlich gesinnten Nachbarschaft, sondern auch als Absatzmarkt stets interessant war für Israel.

Beobachter wie Özgür Ünlühisarcikli vom German Marshal Fund in Ankara glauben deswegen, dass ein Abbruch diplomatischer Beziehungen vor allem Israel schade. Die Türkei, eine mittlerweile immer selbstbewusster werdende wirtschaftlich starke Regionalmacht, habe allenfalls ihr Vermittlungspotential im Nahost-Konflikt zu verlieren.

Was also könnte Israel und die Türkei nun noch zusammen halten?

Seit Israels Einmarsch in Gaza zum Jahreswechsel 2008/2009 sieht sich die muslimisch-konservative AKP-Regierung von Premier Erdogan immer seltener in der Lage, ihre besonderen Beziehungen zu Tel Aviv vor dem eigenen Wahlvolk zu rechtfertigen. Dass Israels damaliger Premier Ehud Olmert Erdogan bei einem Besuch in Ankara kurz vor der Gaza-Offensive über seine Angriffspläne im Unklaren ließ, und dass die Israelis aus Sicht der Türken alle Nahost-Vermittlungsbemühungen Ankaras in den Wind schlugen, hatte der dünnhäutige türkische Premier nie überwunden. Bei einem Auftritt während des Weltwirtschaftsforums in Davos kam es zu jenem berühmten Wutanfall Erdogans, der ihn zum Helden der arabischen Straße werden ließ.

Im Herbst 2009 setzte sich die Krisenserie fort, als die türkische Seite ein internationales Militärmanöver mit israelischer Beteiligung absagte - eine Ausladung Israels, wie sich später herausstellte. Man reagiere "im Einklang mit dem Gewissen des Volkes", so Erdogan. Dann, Anfang 2010, die nächste Brüskierung - diesmal von israelischer Seite - als der türkische Botschafter Ahmet Oguz Celikkol von Israels stellvertretendem Außenminister Dani Ajalon öffentlich gedemütigt wurde, indem er vor laufenden Kameras auf einem deutlich niedrigeren Sofa als der Sitzgelegenheit des Ministers Platz nehmen musste.

Der blutige Militäreinsatz gegen die Passagiere der "Mavi Marmara" aber stellt all dies in den Schatten. Und so hat Israel ungeachtet der Frage, was wirklich auf dem Boot passierte - ob einige der linken und muslimischen Pro-Palästina-Aktivisten tatsächlich Messer und Eisenstangen dabei hatten, um damit gegen schwerbewaffnete Elitekämpfer vorzugehen - in der Türkei viel mehr als einen Imageschaden erlitten. Es hat auf unabsehbare Zeit einen Verbündeten verloren - mit unabsehbaren Konsequenzen. "Keiner kann sagen, was jetzt passieren wird", so der Istanbuler Kolumnist Oral Calislar. "Aber mit Sicherheit wird hier in der Region nichts mehr so sein wie heute."

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