Störfall in Schweden Deutsche Atommeiler werden auf Konstruktionsfehler überprüft

Technische Panne oder ein Fehler im System? Der schwere Zwischenfall in einem schwedischen Atomreaktor wird vom deutschen Umweltministerium als "sicherheitstechnisch ernstes Ereignis" eingestuft - in der Bundesrepublik werden nun alle Meiler überprüft.


Berlin - Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums in Berlin nannte den Vorfall in Schweden ein "sicherheitstechnisch ernstes Ereignis". Nun müsse so schnell wie möglich geklärt werden, "ob die zugrunde liegenden sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen können".

Atomkraftwerk Forsmark: Schwerer Störfall
Vattenfall / Hans Blomberg

Atomkraftwerk Forsmark: Schwerer Störfall

In Schweden sind nach einem Versagen der Notstromaggregate im Kernkraftwerk Forsmark-1 inzwischen mehrere Blöcke vom Netz genommen worden. Am 25. Juli hatte es in dem Meiler einen Kurzschluss gegeben, der zur Trennung des Reaktors vom Stromnetz führte. Dann versagte die Notstromversorgung. Nur weil zwei der vier baugleichen Dieselaggregate doch noch ansprangen, konnte in Forsmark ein Teil der Notkühlung wieder in Betrieb genommen werden. Näher käme man an eine Kernschmelze nicht heran, sagte der Kernkraftexperte Lars-Olov Höglund der schwedischen Zeitung "Svenska Dagbladet".

Schwedens Nuklearbehörde SKI kam heute zu einer Krisensitzung zusammen: SKI-Sprecher Anders Bredfell erklärte, die beiden Atommeiler in Oskarshamn blieben so lange außer Betrieb, bis geklärt sei, ob die Ersatzgeneratoren dort auf die gleiche Weise versagen könnten wie in Forsmark. Die schwedische Sektion von Greenpeace rief die Regierung auf, eine vorläufige Stilllegung aller Atomkraftwerke in Betracht zu ziehen. Es müsse festgestellt werden, ob es sich hier um einen serienmäßigen Konstruktionsfehler handele. Der Zwischenfall in Forsmark habe gezeigt, wie leicht der Reaktorkern hätte schmelzen können.

Eine solche Überprüfung forderte auch Greenpeace Deutschland. In der Bundesrepublik könnten tatsächlich gleiche oder ähnliche Aggregate wie in Schweden im Einsatz sein, vermutet Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte er, gegenwärtig gebe es keine exakten Informationen über das in Schweden eingesetzte Aggregat. Er halte es aber für wahrscheinlich, dass solche Maschinen auch in Deutschland eingesetzt würden.

Am 3. März 2004 habe es am deutschen Reaktor Isar II einen Zwischenfall ähnlich dem schwedischen gegeben, wenn auch mit erheblich glimpflicherem Ausgang. "Ich hoffe, dass diese Aggregate anschließend nachgerüstet worden sind. Das muss die Aufsichtsbehörde aber umgehend prüfen." Greenpeace fordert zusätzlich die Überprüfung sämtlicher deutscher Notstromaggregate an Reaktoren. Allein, so Smital, "weil genaue Informationen über die in Schweden eingesetzten Komponenten geheim gehalten werden".

Die umweltpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Eva Bulling-Schröter, erklärte, nach Zeitungsberichten habe die Herstellerfirma der in Schweden eingesetzten Aggregate seit den neunziger Jahren von der "Konstruktionsschwäche" gewusst und dieses Wissen nicht beziehungsweise erst nach dem Zwischenfall am deutschen Reaktor Isar II weitergegeben. "Dies lässt sehr an der Glaubwürdigkeit der Herstellerfirmen zweifeln", sagte Bullting-Schröder. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW forderte die vorsorgliche Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke.

Experte: Schwerster Vorfall seit Tschernobyl

Der schwedische Kernkraftexperte Höglund, als Chef der Konstruktionsabteilung des schwedischen Vattenfall-Konzerns auch für den Forsmark-Reaktor zuständig, hatte die Störung in Forsmark als "den schwersten Zwischenfall seit Tschernobyl und Harrisburg" bezeichnet. Er warf den Betreibern vor, den Zwischenfall zu bagatellisieren. Die staatliche Atombehörde SKI hatte Höglunds Einschätzung als "übertrieben" zurückgewiesen.

Ein Sprecher der Betreiberfirma des AKW Oskarshamm sagte, ein ähnlicher Vorfall wie in Forsmark könne nicht ausgeschlossen werden. Zwei Reaktoren wurden dort heruntergefahren, nun sollen Anweisungen der Behörden zur Verbesserung der Sicherheit abgewartet werden. Das Kraftwerk gehört zum deutschen Energiekonzern Eon.

Die schwedische Umweltministerin Lena Sommestad will voraussichtlich alle Reaktoren im Land auf ihre Sicherheit hin prüfen lassen, sobald die Untersuchungen des Zwischenfalls abgeschlossen sind.

Nach Bekanntwerden der Reaktorschließung stiegen die Strompreise in Schweden auf ein Rekordhoch. Das Land steht am Anfang des Ausstiegs aus der Atomenergie und hat seit 1999 bereits zwei der ehemals zwölf Reaktoren stillgelegt. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage zeigt jedoch, dass eine wachsende Zahl von Bürgern an der Nukleartechnologie festhalten will. Nahezu die Hälfte des schwedischen Strombedarfs wird derzeit durch die Atomkraftwerke gedeckt.

sön/AFP/AP/dpa



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