Anschlag in Straßburg Eine Stadt verstummt

Straßburg hat viel für die Sicherheit getan - und konnte den Anschlag mitten im Zentrum dennoch nicht verhindern. Bewohner und Besucher sind vereint in Trauer um die Opfer, während Spezialeinheiten den Täter jagen.

REUTERS

Aus Straßburg berichtet


An dem Blumenladen Au Nom de la rose in der Rue du 22 Novembre gehen an anderen Tagen viele Menschen achtlos vorbei - heute ist das fast unmöglich. Das Trottoir vor dem schmalen Laden in Straßburg ist mit weißen, roten und rosafarbenen Rosenblättern bestreut, vor dem Eingang brennen Kerzen.

Eine Geste der Trauer, die auch Aurélie registriert hat, die ein paar Meter weiter aus einer Bäckerei kommt. Dass der Attentäter hier zuschlagen konnte, macht vielen Menschen Angst: "Mitten im Zentrum", sagt auch Aurélie. Dann schüttelt sie den Kopf: "Aber wenn wir ehrlich sind, wussten wir alle, dass es angesichts des Terrors nirgendwo absolute Sicherheit gibt." (Verfolgen Sie die aktuellen Ereignisse hier im Newsblog.)

Tatsächlich hat Straßburg vieles versucht, um nicht zum Anschlagsziel zu werden. Seit Anfang 2015 gab es unzählige Anschläge in Frankreich, 240 Menschen starben dabei. In Straßburg herrschen seither wie in allen französischen Großstädten Sicherheitsvorkehrungen, die Deutschen ungewohnt und streng vorkommen. Seit Jahren gelangt man zum Beispiel nur durch eine Sicherheitskontrolle zu den Schließfächern am Bahnhof.

Die Rue du Maire Kuss, der kürzeste Weg zu Dom und Innenstadt, konnte man auch in den vergangenen Monaten nur nach minutiöser Taschenkontrolle passieren - wenige Hundert Meter entfernt davon schlug Chérif C. am Dienstag zu. Auch heute werden wieder Gepäckstücke und Taschen kontrolliert. An der Saverne-Brücke öffnet ein Mann resigniert seine Aktentasche und seufzt: "Wenn das nur helfen würde."

Die pulsierende Metropole, still und leise

REUTERS

An diesem Tag nach dem Attentat ist es in Straßburg, an anderen Tagen eine brodelnde, pulsierende Metropole, still und leise. An den großen Kreuzungen ist kaum ein Laut zu hören, in den Metros schauen die meisten Menschen gedankenversunken aus dem Fenster. Kaum einer spricht, niemand lacht. In der Innenstadt, dort wo C. an der Rue des Orfèvres, der Place Gutenberg und an der Corbeau-Brücke Menschen erschossen hat, hat die Polizei alle Zugänge zum Münster abgeriegelt - der Weihnachtsmarkt, der am Fuß des weltberühmten Monuments Jahr für Jahr Hunderttausende Touristen anlockt, bleibt heute geschlossen.

Fotostrecke

16  Bilder
Frankreich: Tödliche Schüsse in Straßburg

Bürgermeister Roland Ries hat schon am Morgen einen Tag der Trauer ausgerufen, alle Demonstrationen wurden verboten, 350 Polizisten sollen sich ausschließlich der Suche nach dem mutmaßlichen Attentäter widmen können, an zentralen Plätzen wie dem Hauptbahnhof patrouilliert zusätzlich Militär. Auch alle kulturellen Veranstaltungen wurden für den Tag abgesagt.

"Das verstehe ich sehr gut", sagt eine ältere Dame im hellen Wintermantel. "Es beruhigt zu wissen, dass die Polizei da ist." Vergangene Nacht hätten weder sie noch ihr Mann schlafen können. Nachdem sie erfahren habe, was draußen vor ihrer Haustür passiert sei, habe sie sich zwei Stunden nicht nach draußen getraut. Später, als klar war, dass der Täter nicht mehr in der Innenstadt unterwegs sei, hätten sie gemerkt, dass just vor ihrem Haus, am Eingang zur Tiefgarage, eines der Opfer gelegen habe. "Wir sind alle sehr traurig. Und am schlimmsten ist es zu wissen, dass der Mörder immer noch nicht gefasst ist."

Obwohl die Polizei viel über den Verdächtigen C. weiß und er in Frankreich als Gefährder eingestuft ist, ist der 29-Jährige weiterhin auf der Flucht. Bislang konnten die Sicherheitskräfte offenbar nur zwei Brüder des mutmaßlichen Attentäters festnehmen.

C. soll zuletzt in Neuhof gewohnt haben, einem Stadtteil, den man in Frankreich ein "sensibles Viertel" nennt: Eine Hochhaussiedlung, mehr als 30 Prozent der Bewohner sind arbeitslos - die Quote ist doppelt so hoch wie der Straßburger Durchschnitt. Drogen, Kriminalität, religiöse Radikalisierung sind die Attribute, die viele Straßburger mit dem Stadtteil verbinden. "Quartier haut-les-mains" ("Hände-hoch-Viertel") sagen alteingesessene Straßburger manchmal, heute sagt das niemand. Es würde zu salopp klingen.

Doch der Eindruck, den viele von dem Stadtteil haben, dürfte sich nach den Ereignissen vom Dienstag noch verfestigen - trotz aller Investitionen, die Stadt und Land seit 2005 in Angriff genommen haben, um die Infrastruktur zu verbessern und Mittelschichtsfamilien in den Stadtteil zu locken. Heute sind vor allem viele Kamerateams hier.

Noch in der Nacht hatten drei Spezialeinheiten - die Elite-Einheit "RAID", die Such- und Eingreifbrigade "BRI" - und die Anti-Terror-Truppe "Sentinelle" Jagd auf C. gemacht. Auch die Bundespolizei fahndet nach dem 29-Jährigen. Doch bislang blieb die Suche erfolglos.

Sie hoffe, dass es sich nur noch um Stunden handle, bis der Attentäter erwischt wird, sagt auch Aurélie: "Je früher, desto besser." Es ist ein Satz, den man am Mittwoch immer wieder hört.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.