Ägypten Mursi-Anhänger liefern sich Straßenschlachten mit Polizei

Hunderte Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi haben sich in Kairo gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Sie warfen Steine und blockierten eine wichtige Brücke. Die Einsatzkräfte antworteten mit Gummigeschossen und Tränengas.


Kairo - In der ägyptischen Hauptstadt Kairo hat es erneut Massenproteste gegeben, die Stimmung bleibt aufgeheizt. Hunderte Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zogen durch die Straßen. Sie lieferten sich laut al-Dschasira Auseinandersetzungen mit Einheimischen, blockierten eine wichtige Nilbrücke und warfen Steine auf vorrückende Polizisten. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Dutzende Menschen wurden verletzt.

Bis nach Mitternacht dauerten die Krawalle, berichteten die Zeitung "al-Ahram" auf ihrer Website und der arabische Nachrichtensender al-Dschasira. Am frühen Dienstagmorgen waren noch Hunderte Mursi-Anhänger auf der Straße. Auch aus anderen Städten Ägyptens wurden Pro-Mursi-Demonstrationen gemeldet.

Die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, erklärte, viele Menschen seien verletzt worden, als Tränengas- und Gummigeschosse auf friedliche Protestierende auf dem Ramses-Platz in Kairo abgefeuert worden seien. Al-Dschasira sprach von mindestens 22 Verletzten. Viele Menschen seien festgenommen worden.

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Proteste von Mursi-Anhängern: Krawalle in Kairo
Die Demonstranten erklärten, sie würden die Proteste bis zur Freilassung Mursis fortsetzen. Das ägyptische Militär hatte Mursi am 3. Juli, etwa ein Jahr nach dessen Amtsantritt, gestürzt.

Die neue ägyptische Führung arbeitet derzeit an einem Plan für die Übergangszeit bis hin zu Neuwahlen. Ministerpräsident Hasim al-Beblawi will am Dienstag oder Mittwoch seine vollständige Regierungsmannschaft vorstellen. Die Parlamentswahl hat Übergangspräsident Adli Mansur für Anfang 2014 angekündigt.

"Gewisse demokratische Prinzipien"

Bei einem Besuch in Kairo rief der stellvertretende US-Außenminister William Burns die Akteure in dem tief gespaltenen Land zu Dialog und Gewaltverzicht auf. Der Spitzendiplomat ist der erste hochrangige amerikanische und auch westliche Regierungsvertreter, der das Land nach dem Umsturz vom 3. Juli besucht.

"Wir werden nicht versuchen, irgendein Modell aufzuzwingen", erklärte Burns nach seinen ersten Gesprächen in der ägyptischen Hauptstadt. Washington lege aber Wert auf "gewisse demokratische Prinzipien".

Der US-Nahost-Diplomat will bis Dienstag in der Nil-Metropole bleiben. Er traf am Montag Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi, der als neuer starker Mann in Kairo gilt, sowie mit Übergangspräsident Mansur und Regierungschef al-Beblawi. Burns kam weder mit Vertretern der Muslimbruderschaft noch mit der Tamarod-Bewegung zusammen, die mit Massendemonstrationen dessen Sturz in Gang gesetzt hatte.

Die USA verlangen - wie Deutschland - die Freilassung Mursis. Dieser wird seit seiner Entmachtung vom Militär an einem unbekannten Ort und ohne formelle Anklage festgehalten.

Die USA unterstützen Ägypten mit jährlichen Hilfen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar. Davon sind 1,3 Milliarden Dollar für das Militär bestimmt. Diese Zahlungen müssten nach US-Rechtslage eingestellt werden, falls Washington den Umsturz als Militärputsch einstuft. Zu diesem Schritt hat sich die US-Regierung bislang nicht durchgerungen.

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General al-Sisi: Neuer starker Mann am Nil

kgp/dpa/AFP

insgesamt 31 Beiträge
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jan.lolling 16.07.2013
1. Mursi freilaseen?
wie soll das gehen. Das Land ist knapp vor einer islamistischen Diktatur gerettet worden. Mursi war der Treiber dieset Enwicklung. In Agypten tobt der Kampf moderner eher sekularer Kräfte gegen extrem rückständige religiöse Fanatiker vermutlich auch aus dem Iran oder Saudi Arabien.
konradb 16.07.2013
2. Gott
Solange irgendwer im Namen Gottes kämpft, sind es nun die Taliban, die Salafisten oder die USA, können sie nicht besiegt werden, sie werden ewig Krieg machen und im Namen des Allmächtigen und Unbesiegbaren gegen die Ungläubigen weiter kämpfen. Der eigene Gott hat immer Recht, kann nie besiegt werden, auch wenn es ihn gar nicht gibt.
M. Thomas 16.07.2013
3. Natürlich.
Bisher ist Mursi noch immer Präsident Ägyptens - der Militärputsch kann keine Legitimität erlangen. Die Usurpatoren von Kairo zeigen der Welt mit ihrer anhaltenden Verhaftungswelle, den gezielten Verfolgungen und Erschießungen ziemlich deutlich, was sie von "Demokratie" halten. Ob nun ein US-Minister, dessen Präsident einer der Initiatoren des Putsches ist und diesen mit vielen Millionen Dollar herbeifinanziert hat, seine seltsamen wie falschen Behauptungen in Kairo zu Protokoll gibt oder nicht. Das Märchen, die USA würden sich angeblich nicht für eine konkrete Seite stark machen, glaubt ohnehin kaum jemand. Burns braucht sich nicht Illusionen hinzugeben: die Ägypter, ob Muslimbruder, Salafist, Säkularer oder "Oppositioneller", wissen sehr gut, dass sie in den USA keine Freunde haben.
alpenmensch 16.07.2013
4. Eiene bemerkenswerte Zahl aus einer bemerkenswerter Standardforumulierung.
86,67% 1,3 Milliarden Dollar fürs Militär 13,33% 0,2 Milliarden für "Ägypten" und noch in ppm, (das sind Teile pro Million), auf das nominale Brutto Inlandsprodukt (2970 Dollar pro Einwohner) umgerechnet ergibt: 5,514 ppm des BIP für das Militär und 0,847 ppm des BIP für "Ägypten" Eine Großartige Spende der USA ,das sicher zuerst von irgend jemand an den Staat bezahlt werden musste. Zynisch formuliert "für jeden Ägypter hat die USA eine Patrone zu 18 Dollar pro Stück im Jahr übrig. Und das wird dann Mit dem Wort UNTERSTÜTZEN verkauft. Und nun das Spiegelzitat: " Die USA unterstützen Ägypten mit jährlichen Hilfen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar. Davon sind 1,3 Milliarden Dollar für das Militär bestimmt. Diese Zahlungen müssten nach US-Rechtslage eingestellt werden, falls Washington den Umsturz als Militärputsch einstuft."
dafor 16.07.2013
5. Staatsstreich - und wie weiter?
Zitat von sysopREUTERSHunderte Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi haben sich in Kairo gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Sie warfen Steine und blockierten eine wichtige Brücke. Die Einsatzkräfte antworteten mit Gummigeschossen und Tränengas. http://www.spiegel.de/politik/ausland/strassenschlachten-in-aegypten-mursi-anhaenger-gegen-polizei-a-911286.html
Auch wenn das einem Beobachter der Vorgänge in Ägypten nicht behagen mag, so bleibt doch festzustellen, dass es genau eine Maßnahme gibt, welche die derzeitige faktische Regierung Ägyptens ergreifen kann und sollte, um die Lage in Ägypten zu beruhigen. Diese Maßnahme ist die sofortige, unbedingte Freilassung Herrn Mursis, die sofortige Inhaftierung der Putschisten und nach erfolgter Übernahme der Amtsgewalt durch die gewählte Regierung die bedingungslose Aufgabe der Amtsgeschäfte. Diese Maßnahme sollte unverzüglich in den ägyptischen Massenmedien verkündet werden. Der Umstand, dass die USA Regierung den Staatsstreich nicht als solchen deklariert und entsprechend sanktioniert spricht für zwei Dinge. Erstens, dieser Staatsstreich kommt ihr sehr gelegen. Zweitens, vermutlich hat sie heimlich die Fäden dazu gezogen.
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