Strategiewechsel US-Piloten sollen Ziele selber suchen

US-Piloten dürfen angeblich ab sofort ihre Ziele in Teilen Afghanistans selbständig auswählen. Tadschikische Militärs wollen beobachtet haben, dass die Amerikaner bereits Landezonen für Bodentruppen ausgekundschaftet haben.


Dieses Foto zeigt laut Pentagon die punktgenaue Zerstörung einer Telekommunikationseinrichtung der Taliban
REUTERS/ Department of Defense

Dieses Foto zeigt laut Pentagon die punktgenaue Zerstörung einer Telekommunikationseinrichtung der Taliban

Kabul/Duschanbe - In so genannten "Kill Boxes" außerhalb der Taliban-Hochburgen Kabul und Kandahar dürften die Besatzungen der US-Flugzeuge nun "auf alles schießen, was sich bewegt", sofern es militärisch ist, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf Militärkreise. Damit verschiebe sich der Fokus von gezielten Attacken auf die afghanische Luftabwehr und andere strategische Ziele zu einem breiter angelegten Angriff auf die gesamten Truppen der Taliban, schreibt das Blatt.

Der Einsatz wird offenbar auch nicht mehr lange auf Luftschläge beschränkt bleiben. Der Einsatz von Landstreitkräften in Afghanistan steht nach Ansicht von Militärs im benachbarten Tadschikistan unmittelbar bevor. "In der Tat wurden bereits künftige Landezonen für Bodentruppen in der Nähe der Städte Masar-i-Scharif, Kandahar und Kabul ausgemacht", zitierte die russische Agentur Interfax am Mittwoch einen namentlich nicht genannten Stabsoffizier in Duschanbe.

Die Einsatzpläne würden von amerikanischen Militärs mit Vertretern der oppositionellen Nordallianz abgestimmt. "Eine Gruppe amerikanischer Militärexperten hält sich dazu schon seit einigen Tagen im Pandschir-Tal auf", hieß es weiter.

Feuersbrunst in Kabul

Die USA haben unterdessen am Mittwoch ihre Luftangriffe auf Kabul mit unverminderter Härte fortgesetzt. Augenzeugen berichteten, Kampfflugzeuge hätten nach Tagesanbruch Bomben über der in dichten Morgennebel gehüllten afghanischen Hauptstadt abgeworfen. Dabei wurde offenbar ein Treibstofflager in Kabul getroffen und eine Feuersbrunst ausgelöst.

Eine F-14 Tomcat startet vom Flugzeugträger USS-Enterprise
AP

Eine F-14 Tomcat startet vom Flugzeugträger USS-Enterprise

Den Bombardements waren bereits mehrere nächtliche Angriffswellen vorausgegangen. Ein Kampfflugzeug warf Augenzeugen zufolge in der Nacht mindestens zwei Bomben ab, die im Zentrum einschlugen. Über die genauen Ziele der Angriffe auf Kabul wurde nichts bekannt, da über die Hauptstadt eine nächtliche Ausgangssperre verhängt wurde. Die Taliban hätten kein Luftabwehrfeuer gegen die Angriffe eingesetzt, die bereits nach Einbruch der Dunkelheit begonnen hätten, sagten Augenzeugen. Die Nachrichtenagentur AIP meldete, in den Morgenstunden sei auch die Taliban-Hochburg Kandahar Ziel der Angriffe gewesen. Vier Menschen seien dabei getötet worden.

Brennendes Treibstofflager in Kabul
REUTERS

Brennendes Treibstofflager in Kabul

Die USA hatten bereits im Laufe des Dienstags die afghanische Hauptstadt unter heftigen Beschuss genommen. Dabei war auch ein Lagerhaus des Roten Kreuzes getroffen worden. Die US-Armee erklärte, sie habe bei den von Großbritannien unterstützten Angriffen auf Ziele in Afghanistan seit dem 7. Oktober weit über 2000 Bomben über dem zentralasiatischen Land abgeworfen. Sie bestätigte zudem, dass sie auch Truppen der Taliban außerhalb Kabuls bombardiere, die im Bürgerkrieg gegen die oppositionelle Nordallianz Vorstöße auf die Hauptstadt abwehren sollen. US-Kampfflugzeuge hätten außerdem Taliban-Soldaten an dem strategisch wichtigen Straßenkreuz in der im Norden Afghanistans gelegenen Stadt Masar-i-Scharif angegriffen, sagte ein Armeesprecher. Das US-Bombardement habe die Nordallianz zu einem Vorstoß auf die Stadt genutzt. Sie stehe nun rund zehn Kilometer vor Masar-i-Scharif.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wies Berichte zurück, wonach bei den US-Angriffen viele Zivilisten ums Leben kamen. Rumsfeld sagte dem Sender al-Dschasira, die zivilen Opfer könnten durch die afghanische Luftabwehr oder bei den Gefechten mit der Nordallianz getötet worden sein. Die US-Armee treffe alle Vorsichtsmaßnahmen, um den Tod von Zivilisten zu vermeiden.

Australien schickt Elite-Soldaten

Australien kündigte am Mittwoch an, zur Unterstützung der US-Angriffe 1550 Soldaten zu entsenden, darunter Elite-Einheiten der Luftwaffe. Außerdem sollten vier Kampfflugzeuge, drei Fregatten und zwei Tankflugzeuge in die Region geschickt werden. Der australische Premierminister John Howard sagte, US-Präsident George W. Bush habe ihn in einem Telefongespräch gebeten, ein Angebot zu "aktivieren", die Militäraktion in Afghanistan zu unterstützen.

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.