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Streik in Athen: Griechen auf den Barrikaden

Streik in Griechenland "In Deutschland hat doch keiner eine Ahnung"

Züge fahren nicht, Krankenhäuser machen nur Notdienst - ein Streik lähmt Griechenland. In Athen gingen Zehntausende auf die Straße. Mit letzter Kraft wehren sich Gewerkschaften gegen die Eingriffe der EU und den Umbau der Gesellschaft.
Von Johannes Korge und Ferry Batzoglou

Sie haben es wieder einmal versucht. Wieder einen verzweifelten Nadelstich gesetzt. Rund 15.000 Menschen werden es wohl gewesen sein, die am Dienstag Vormittag durch Athen zogen und wütend ihre Parolen gegen das Spardiktat in den Winterhimmel brüllten. Ob die Verhandlungsführer sie gehört haben?

In einem tristen Gebäude in der nahe gelegenen Zalokosta-Straße traf sich zeitgleich mit der Massendemo Finanzminister Evangelos Venizelos mit den internationalen Finanzkontrolleuren. Am frühen Abend hieß es, man habe sich auf die Eckpunkte für ein neues Sparprogramm verständigt. Es könnte eine Hängepartie beenden, die Griechenland seit Wochen lähmt.

Das für Dienstag geplante Treffen des griechischen Ministerpräsidenten Loukas Papademos mit den Vorsitzenden der Regierungsparteien ist auf Mittwochmorgen verschoben worden - dabei sollen "Feinheiten" des Sparprogramms mit den Kontrolleuren der internationalen Geldgeber abgestimmt werden. Die Übereinkunft über das Sparprogramm gilt als Voraussetzung für alle weiteren Schritte wie die Zustimmung der EU zur Zahlung der nächsten Hilfstranche und auch des neuen 130-Milliarden-Hilfspakets für Athen.

Papademos wollte sich noch am Dienstagabend erneut mit der Troika, Vertretern von EU, EZB und IWF treffen. Außerdem traf sich Papademos auch mit dem Geschäftsführer des Internationalen Bankenverbandes IIF, Charles Dallara, sowie erstmals auch mit dem IIF-Präsidenten, dem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.

Beobachter werteten dies als Hinweis, dass die parallel laufenden zähen Verhandlungen über einen Forderungsverzicht der privaten Gläubiger kurz vor dem Abschluss stehen könnten.

Klar ist aber auch: Der Preis für die frischen Milliarden wird schmerzhaft sein, denn die Wut im Land wächst. Und das neu aufgelegte Sparprogramm ist alles andere als geeignet, die Gemüter zu beruhigen.

Allein in diesem Jahr sollen 15.000 Stellen im öffentlichen Dienst wegfallen. Das ist jedoch erst der Anfang. Bis 2015 wolle man sogar 150.000 Stellen im Staatsdienst einsparen, hatte der griechische Minister für Reformen, Dimitrios Reppas, mitgeteilt.

Die Liste lässt sich fortführen. Die Staatsausgaben sollen um 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesenkt werden. Auch die Löhne werden sinken, die Lohnnebenkosten ebenfalls radikal beschnitten. Davon verspricht sich die Regierung, die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu steigern.

Wie aufgeheizt die Stimmung schon vor der Einführung dieser Maßnahmen ist, zeigt sich am Beispiel von Stathis Anestis. Der Mittfünfziger ist Vize-Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten in Griechenland. An seinem Schreibtisch in der neoklassizistischen Zentrale im Herzen Athens redet sich Anestis in Rage: "In Deutschland hat doch keiner eine Ahnung, was für Umwälzungen hier im Gange sind und was für Opfer von uns verlangt werden."

Noch wütender wird Anestis, wenn es um die die ungeliebten Beobachter der Troika geht. Diese schaffe kurzerhand ab, was bis zuletzt "heilig war": den flächendeckenden Tarifvertrag (ESS). An dessen Stelle sollen individuell ausgehandelte - sprich: schlechter vergütete - Einzelverträge treten. Das Prozedere ebenso wie das Verhalten der Inspektoren sei "vollkommen inakzeptabel", reihe sich aber lückenlos in die Forderungen nach Sparkommissar oder Sperrkonto ein.

Gewaltbereite mischen sich unter die Demonstranten

Deshalb setzt er mit seiner Gewerkschaft auf kurzfristige Blitzstreiks. Es ist eine Taktik der Nadelstiche. Für mehr - einen flächendeckenden und vor allem länger ausgelegten Streik etwa - sieht er derzeit jedoch keinen Spielraum. "Die Menschen werden an Tagen der Arbeitsniederlegung nicht bezahlt, die meisten können sich nicht mehr als 24 Stunden Ausstand leisten."

Er fürchtet dennoch eine Radikalisierung des Protests. Während der Streiks am Dienstag blieb es bei kleineren Scharmützeln mit der Polizei, die Tränengas einsetzte. Bei einer Parallel-Protestaktion in Heraklion auf Kreta ging die Glasfassade des Gerichtsgebäudes in Scherben. Noch sind die Sachschäden überschaubar, doch das könnte sich mit der zunehmenden Belastung für die Bürger ändern. Immer öfter, so berichtet Gewerkschaftsmann Anestis, mischen sich Gruppen unter die Streikenden, denen es nicht mehr um die politische Auseinandersetzung geht. "Wenn die gewaltbereiten Personen irgendwann das Heft völlig in die Hand nehmen, haben wir hier ein Irrenhaus."

Vertreter von Linksparteien verurteilten die seit dem Frühjahr 2010 betriebene Wirtschafts- und Finanzpolitik aufs Schärfste. "Jetzt liegt die Verantwortung ausschließlich in den Händen des Volkes. Die Regierung muss fallen - sofort", drängt die Chefin der im Parlament vertretenen Kommunistischen Partei (KKE), Aleka Papariga.

Auch der Führer der Linksallianz (Syriza), Alexis Tsipras, fordert Widerstand: "Andernfalls werden wir in den langsamen Tod geführt. Die seit zwei Jahren betriebene Politik hat nicht das Geringste mit der Rettung des Landes und der Wirtschaft zu tun, sondern stellt einen Plan zur Verarmung der Griechen dar."

Themis Balasopoulos, Chef der Gewerkschaft der Kommunalangestellten (Poe-Ota) mit rund 70.000 Mitgliedern, sagte: "Die Städte und Kommunen sind nur noch bis April handlungsfähig. Sie warten nicht nur auf bereits zugesagte Finanzmittel in Höhe von 500 Millionen Euro im laufenden Jahr. Jetzt sollen zusätzlich 500 Millionen Euro gestrichen werden." Ferner seien Entlassungen geplant, die Reinigungsdienste sollen privatisiert werden." Das ist für uns eine Kriegserklärung", so Balasopoulos.

Nicht nur auf der Straße, sondern auch politisch scheint sich die griechische Bevölkerung zusehends zu radikalisieren. Die sozialistische Regierungspartei Pasok kommt derzeit nur noch auf acht Prozent der Wählerstimmen. Dies zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Public Issue, deren Ergebnisse SPIEGEL ONLINE vorab erfuhr. Die Verluste sind drastisch: Im Oktober 2009 hatte die Partei noch knapp 44 Prozent der Stimmen erhalten. Die konservative Neue Demokratie käme bei Neuwahlen auf 31 Prozent. Neben der weiter erstarkenden Linken würde erstmals auch der rechtsextreme Partei Chrisi Avgi ("Goldene Morgenröte") den Sprung über die Drei-Prozent-Hürde schaffen.

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