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21. Januar 2013, 16:46 Uhr

Serbien

Tausende protestieren gegen Denkmal-Abriss

Serbische Polizisten haben im Grenzgebiet zu Kosovo ein albanisches Kriegerdenkmal demontiert. Daraufhin sollen Unbekannte zwei serbische Friedhöfe geschändet haben. Der Vorfall dürfte die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Serben und Albanern in der Region auf eine harte Probe stellen.

Preševo - Mit Bulldozern haben serbische Spezialeinheiten ein albanisches Rebellen-Monument in der Stadt Preševo abgerissen - und damit die politischen Spannungen in der Region angeheizt. Im Kosovo kam es laut Berichten des serbischen Senders B92 zu Krawallen. Serbiens Ministerpräsident Ivica Dačic sagte auf einer Pressekonferenz, dass es "keinen Anlass zu Unruhen oder Protesten jeglicher Art gibt". Das Monument sei ohne Einsatz von Gewalt entfernt worden, es sei nicht zerstört worden. Geografisch betrachtet gehört Preševo zu Serbien, die Stadt am Südrand des Landes grenzt jedoch direkt an das Kosovo. Ein Großteil der Bevölkerung in der Region ist albanisch.

In der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im Kosovo haben Unbekannte laut Medienberichten zwei Brandsätze gegen Verwaltungsgebäude geworfen, auch in der Hauptstadt Pristina sind Demonstranten mit Fackeln auf die Straßen gegangen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, sollen Unbekannte auf zwei serbischen Friedhöfen im Kosovo etwa 60 Grabsteine geschändet haben. In Preševo selbst demonstrierten Tausende Menschen friedlich. Der Fall zeigt wie wackelig die Sicherheitslage in der Konfliktregion fünf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo noch immer ist.

Seit mehr als zwei Monaten schwelt wegen der Gedenktafel ein Streit zwischen Serben und Albanern in der Region. Am Sonntag waren 200 serbische Einsatzkräfte vor dem Rathaus in Preševo erschienen, um die Marmortafel zu entfernen. Wohin die Polizisten das Denkmal gebracht haben, ist unklar.

Für die albanische Bevölkerung in der 35.000-Einwohner-Stadt war das Monument ein wichtiger Ort des Gedenkens. Die Marmortafel war Mitgliedern der regionalen albanischen Guerillaeinheit UCPMB gewidmet, die während des Kosovokriegs getötet wurden.

Kein Monument für "Terroristen"

Die mittlerweile aufgelöste albanische UCPMB wurde in Serbien lange Zeit als Terrororganisation geführt. Die serbische Seite sieht das Bauwerk daher als illegal an. Immer wieder hatte Ministerpräsident Dačic in Interviews erklärt, er lasse nicht zu, dass mit dem Monument "Terroristen" geehrt würden. Eine vom Justizministerium angesetzte Deadline für den Abriss war am vergangenen Mittwoch abgelaufen. "Serbien hat sich lange genug geduldig gezeigt", sagte Dačic nach dem Abriss. "Aber wir haben auch klar gemacht, dass Gesetze eingehalten werden müssen und niemand stärker ist als die Regierung."

Kosovos Regierung betrachtet die Aktion als Dämpfer für die Friedensgespräche mit Belgrad. In einem Statement heißt es: "Dieser Schritt der serbischen Regierung gefährdet ernsthaft den Dialog für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Kosovo und Serbien."

Vergangene Woche hatten sich die Regierungschefs beider Länder zu bilateralen Gesprächen in Brüssel getroffen. Bei dem Treffen, an dem auch EU-Vermittler teilnahmen, ging es hauptsächlich um die Zukunft des von Serben bevölkerten Nord-Kosovo. Kosovo hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt, 98 Länder haben den neuen Staat bislang anerkannt. Serbien weigert sich nach wie vor Kosovos Unabhängigkeit zu akzeptieren.

lab/Reuters

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