Streit über schlechte Ausrüstung Frankreichs Armee droht den Afghanistan-Soldaten

Heftiger Streit in Frankreichs Armee: Angehörige von Afghanistan-Soldaten hatten sich öffentlich beklagt, dass diese auf eigene Kosten die Ausrüstung kaufen mussten. Der Befehlshaber einer am Hindukusch eingesetzten Einheit droht den Ehefrauen und Müttern nun mit juristischen Schritten.


Hamburg/Paris - "Der große Krieger ist völlig ausgeflippt": So beschreibt die französische Zeitung "Le Canard Enchaîné" die Gemütsverfassung eines hohen Armeeoffiziers. Jacques Aragones, Befehlshaber des achten Regiments der Fallschirmspringer der französischen Marineinfanterie, hat Angehörigen seiner Soldaten mit juristischen Schritten gedroht - und zwar in teilweise wüstem Ton. Der Grund: Einige Mütter und Frauen hatten sich über eklatante Ausrüstungsmängel der in Afghanistan eingesetzten Soldaten beschwert. Viele von ihnen hätten sich vor dem Einsatz auf eigene Kosten Ausrüstung gekauft, berichteten sie.

Präsident Sarkozy mit Soldaten des achten Regiments: Schwere Vorwürfe
REUTERS

Präsident Sarkozy mit Soldaten des achten Regiments: Schwere Vorwürfe

"Unsinn" seien diese Vorwürfe, so tobte Aragones auf einer Web-Seite, die seit einigen Wochen nur noch für Familienmitglieder von Soldaten seiner Einheit zugänglich ist. Wer solche Dinge erzählt habe, werde identifiziert und zur Rechenschaft gezogen, kündigte der Offizier an. Dabei werde man "alle zur Verfügung stehenden Mittel" einsetzen, so zitiert "Le Canard Enchaîné" den erbosten Kommandanten.

Die Vorwürfe waren nach dem jüngsten Angriff der Taliban auf eine französische Patrouille laut geworden, bei dem im August zehn Franzosen ums Leben kamen. Es war der schwerste Verlust der französischen Armee seit einem 1983 verübten Anschlag auf den Stützpunkt Drakkar in Beirut, bei dem damals 58 Fallschirmjäger getötet wurden. Kurz darauf hatte Aragones auch die Web-Seite mit dem Titel "Die Familien der 8" für die Allgemeinheit sperren lassen. Seine Begründung: Das Internet sei zwar ein freier Raum, aber die Seite sei nicht dazu da, anonyme und ungerechtfertigte Angriffe zu formulieren.

Kritiker werfen der französischen Armee vor, auf den Kampf gegen die Taliban schlecht vorbereitet gewesen zu sein. Frankreich hat rund 3000 Soldaten in Afghanistan stationiert, die meisten davon in der Provinz Kabul.

Unterdessen kündigten die französische Regierung und Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Entsendung von zusätzlichen 100 Soldaten sowie Hubschraubern, Waffen und Abhöreinrichtungen nach Afghanistan an.

Seit Jahresbeginn sind in Afghanistan knapp 200 ausländische Soldaten ums Leben gekommen. Insgesamt wurden mehr als 3000 Menschen getötet.

flo/dpa



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