Streit um afghanische Milizen Plünderer im Auftrag der USA

Ihre Mitglieder morden, vergewaltigen und plündern: Afghanische Milizen kämpfen auf Drängen der USA gegen die Taliban. Sie agieren jenseits staatlicher Kontrolle und fallen bisher vor allem durch kriminellen Eifer auf. Jetzt sorgt eine neue Miliz für heftigen Krach unter den Nato-Partnern.

Afghanische Miliz in Masar-i-Scharif (Archivbild): Jenseits der staatlichen Kontrolle
AP

Afghanische Miliz in Masar-i-Scharif (Archivbild): Jenseits der staatlichen Kontrolle

Von


Kabul/Bonn - Das schwedische Militär in Masar-i-Scharif übt in einer als "Nato/Isaf secret" eingestuften Einschätzung vom 29. August vernichtende Kritik am Isaf-Projekt Critical Infrastructure Protection Project (CIPP). Deren Kämpfer würden "wahrscheinlich mehr Menschenrechtsverletzungen begehen als reguläre Polizeieinheiten, da sie weder ausgebildet noch kontrolliert werden".

Überdies verschlimmere es die Sicherheitslage, "dass es überhaupt keinen Mechanismus gibt, CIPP-Kämpfer zur Rechenschaft ziehen zu können. Im Ergebnis könnte dies Teile der Bevölkerung erst recht den Aufständischen in die Arme treiben". Zudem gebe es keinen Plan, wie diese Miliz wieder aufgelöst und entwaffnet werden könne.

Trotzdem wurden diese Kämpfer seit dem Spätsommer aufgestellt. Mittlerweile bewachen allein 675 Männer in drei Bezirken der Provinz Kunduz Brücken, Straßen und Baustellen. "Dass die Schweden sich Sorgen machen, nehme ich sehr ernst", sagt der Oberbefehlshaber aller Isaf-Truppen im Norden Afghanistans, Generalmajor Markus Kneip. "Wir hoffen, diese Bedenken ausräumen zu können: Um Kriminelle gar nicht erst aufzunehmen, werden alle CIPP-Kräfte erkennungsdienstlich überprüft." Außerdem seien das immerhin "staatlich anerkannte Kräfte", verpflichtet, breite gelbe Armbinden mit einer Personalnummer zu tragen. "Nicht legitimierte Gruppen und Banden haben wir auch noch genug."

Unübersichtliche Zuständigkeiten

Die militärischen Zuständigkeiten der Isaf rund um ihr dortiges Hauptquartier in Masar-i-Scharif sind unübersichtlich: Für die Provinz ist das schwedische Kontingent zuständig. Die US-Streitkräfte steuern einen erheblichen Anteil der Soldaten, Kampfhubschrauber und Jets bei. Die Amerikaner unternehmen mit einem weiter reichenden Mandat als die Bundeswehr auch sogenannte "kill or capture"-Operationen zur gezielten Tötung von Aufständischen. Kommandeur aller Truppen im Norden ist jedoch stets ein Deutscher.

Nach Aussagen afghanischer und internationaler Militärs drängen vor allem die US-Amerikaner auf eine größere Anzahl von Milizen. Um mehr Kämpfer aufstellen zu können und diese der Kontrolle afghanischer Stellen zu entziehen, haben sie in den vergangenen Jahren verschiedene afghanische Verbände aufgestellt, bewaffnet und trainiert. Anführer sind aber oft dieselben Warlords, die die Isaf vor allem bis 2006 mit großem Aufwand versucht hatte zu entwaffnen.

Krimineller Eifer

Nachdem bereits eine der ersten Milizen, die Afghan National Auxiliary Police (ANAP) eher durch kriminellen Eifer als durch Erfolge im Kampf gegen die Taliban aufgefallen war, wurde sie aufgelöst. Auch über das Nachfolgeprogramm der Afghan Local Police (ALP) häufen sich detaillierte Berichte zu Morden, Plünderungen, Schutzgelderpressungen und Misshandlungen. So überfiel ein ALP-Kommandeur mit seiner Truppe vergangene Woche eine Familie in Kunduz. Er überschüttete die Mutter und drei Töchter mit Säure. Die Familie hatte sich geweigert, ihm eine 17-jährige Tochter zur Braut zu geben.

In der südlichen Nachbarprovinz Baghlan wurde Tage zuvor eine Lehrerin aus dem Auto gezerrt und vergewaltigt. Insbesondere einem der dortigen ALP-Kommandeure, Nur ul-Haq, werden mehrere Morde vorgeworfen. Deren Ahndung durch Polizei und afghanische Gerichte entzieht sich der Mann, weil er unter dem Schutz von amerikanischen Special Forces operiert. "Der Mann ist sicherlich kein Engel", zitierte die "New York Times" im September den Kommandeur der Special Forces in Baghlan, "aber wen sollen wir anheuern, wenn nicht ihn?"

Risiko eines Bürgerkriegs immens erhöht

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Uno-Diplomaten bezeichnen diese neuen Milizen als Gefahr für das Land. Sie würden das Risiko eines Bürgerkriegs in Afghanistan nach Abzug der ausländischen Truppen immens erhöhen. Über die Bilanz des CIPP ist bisher wenig bekannt, die Truppe ist erst seit kurzem im Einsatz. Wer sie allerdings nun wirklich haben wollte und durchgesetzt hat, darüber widersprechen sich die Beteiligten.

Nach Angaben von schwedischen Offizieren in Masar-i-Scharif sollen die Deutschen versucht haben, die US-Amerikaner zu bremsen. Diese hatten bereits afghanische Kämpfer anheuern lassen, die noch nicht überprüft worden waren. Der deutsche General Kneip möchte den oft geäußerten Vorwurf, die Amerikaner würden im Norden machen, was sie wollen, und die Deutschen bestenfalls hinterher informieren, nicht gelten lassen: "Die Amerikaner machen nichts ohne Abstimmung und meine Einwilligung. Täten sie es doch, wäre ich enttäuscht und erstaunt."

Laut Kneip seien es auch gar nicht die Amerikaner, die drängen, "sondern die afghanische Regierung: Die wollen mehr Männer, mehr Stützpunkte - und wir bremsen. Natürlich wollen wir keine anerkannten Verbrecher unterstützen!" Afghanistans Präsident Hamid Karzai wiederum erklärte im SPIEGEL-Interview, vom CIPP noch nie etwas gehört zu haben und grundsätzlich gegen solche Milizen zu sein: "CP... CI... was? Wie heißen die? Habe ich noch nie von gehört. Dem werden wir nachgehen."

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.