Streit um dänische Karikaturen Auf der Flucht vor dem unsichtbaren Feind

2. Teil: Aus dem Hotel muss er raus - das Sicherheitsrisiko ist zu hoch


Im Ausland waren seine Frau und er, bei anderen Kindern und immer wieder in verschiedenen Sommerhäusern. Nur die eigene Wohnung sieht er kaum. Das letzte Mal war das bei der Weihnachtsfeier mit der Familie. Das Zusammenkommen hat wie in vielen dänischen Familien Tradition für ihn, immer am Sonntag vor Heiligabend. Diesmal fiel es zu allem Überfluss auch auf den Geburtstag seiner Frau. Also durfte er noch einmal heim, notgedrungen und streng bewacht. Das Essen servierte den 50 Gästen ein Polizist, im Schuppen hinter dem Haus saßen Aufpasser, und auch im Van auf dem Parkplatz vor der Tür.

Einigermaßen nett hatte er es nur, als ihn die Sicherheitsbehörde im luxuriösen Hotel SAS Radisson in Århus unterbrachte, das erste Haus am Platz. Die Westergaards schliefen im komfortablen Appartement der Business Class gleich neben der "Presidential Suite", mit herrlichem Ausblick über die Stadt. Gefrühstückt wurde im Restaurant Scenario. Bis sich das Management, nach fast drei Wochen, auf einmal eines vermeintlichen Risikos für die anderen Gäste bewusst wurde. Äußern mag sich die Hotelleitung dazu nicht. Nur raus sollte er, von einem Tag auf den anderen. "Ich hoffe, dass ich für die Sommerhausgebiete noch kein zu großes Risiko geworden bin", sagt Westergaard bitter, noch hat er seine Ironie nicht ganz verloren.

Doch die Situation zehrt an ihm, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen will. Keiner im Hotel spricht mit ihm, versucht die heikle Entscheidung zumindest ein bisschen verständlich zu machen. Dänemark ist stolz auf seinen Helden - und lässt ihn im Regen stehen. "Es ist wie ein Schlag ins Gesicht", sagt der Zeichner, "und sofort beginnt meine Phantasie zu arbeiten: Kann sich das wiederholen, kann ich überhaupt noch ins Theater gehen, ein Restaurant besuchen?"

"Ich fühle kein Angst, nur Wut"

Ein wenig einsam wirkt er an diesem Abend des Rauswurfs und am Tag danach, beim Packen wie in der Redaktion. Seine Frau weilt für ein paar Tage im Ausland, Abstand finden, abschalten. Kurt ist allein. Sieht man mal von seinem Besucher ab, der aus professionellen Gründen mit ihm beim Frühstück im Hotel sitzt oder Abends in der Lobby.

Natürlich gibt es Zuspruch, in Anrufen und Briefen, jeden Tag wieder in den Zeitungen. Autofahrer, die spontan das Fenster runterkurbeln und ihm Mut zurufen. Und dann schnell weiterfahren. Oder die Kollegen und Schulterklopfer, die in Scharen zu einer Diskussion mit ihm in den "Publicistklubben" in Kopenhagen strömen, seine Courage beklatschen. Und zusehen, dass sie schnell nach Hause kommen.

"Nein,", sagt Westergaard, seine Freunde und Bekannten verhalten sich "tadellos". Auf sie lässt er nichts kommen. Kein Jammern, die Situation ist eh schon schwierig genug. Ganz besonders für die unbeteiligten Nachbarn, die Angst haben. Oder seine Kinder, die Angst um ihn haben. Leid tut ihm vor allem seine Frau. "Ich kann alle Angst beiseiteschieben", sagt Westergaard, "ich fühle nur Wut", und er will sie zum Ausdruck bringen.

Westergaards Schicksal liegt in fremden Händen

Aber seiner Frau geht diese Situation, nie zu Hause, immer unterwegs, auf der Flucht vor einem unsichtbaren Feind, "auf die Nerven", sagt Westergaard: "das merke ich ganz deutlich". Und schlimmer noch: Er kann ihr nicht helfen. Denn eines, was sich seine Gattin wohl wünschen würde, das will er auf keinen Fall: Sich beugen, zurückhalten, klein beigeben. "Ich bin kein mutiger Mann, aber ich muss reagieren, ich kann nicht stillhalten", sagt Westergaard, "auch wenn meine Frau dagegen ist: Vielleicht ist das eine Art Therapie für mich".

"Ich bin ein alter Mann, mein Leben nähert sich dem Ende, das öffentliche Risiko ist dann egal," sagt er auch. Und das macht ihr wohl noch mehr Angst. Westergaard hat sein Schicksal in andere Hände gelegt. Er fühlt sich wie bei einer Herzoperation vor einigen Jahren, als er drei Bypässe bekam. "Ich konnte nichts machen, musste den Ärzten einfach vertrauen", sagt Westergaard, "jetzt ist die PET die große Autorität".

Nachdenklich und ein bisschen verzweifelt sitzt Kurt Westergaard in diesem Moment da, vielleicht auch innerlich zerrissen. Bis plötzlich sein bissiger Humor zurückkommt, der sich auch in seinen Zeichnungen ausdrückt. "Wahrscheinlich wären wir absolut am sichersten in einer Gefängniszelle", sagt er. Dann verabschiedet er sich und geht schlafen, wie Holger Danske. Zuvor lädt er den Besucher noch schnell in sein Ferienhaus an der Ostsee ein. Da will er hin - im Sommer. Aber freiwillig.



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