Streit um dänische Karikaturen Auf der Flucht vor dem unsichtbaren Feind

Immer neue Verstecke, ständig in Alarmbereitschaft und vom dänischen Geheimdienst eskortiert: Seit Kurt Westergaard wegen seiner Mohammed-Bilder zu zweifelhaftem Weltruhm kam, wird er von fanatischen Muslimen bedroht. "Ich fühle keine Angst", sagt der Zeichner. "Nur Wut."

Kopenhagen - Wenn etwas faul ist im Staate Dänemark, dann erinnern sich seine Untertanen gern ihres sagenhaften Holger Danske als Hoffnungsträger. Der liegt seit Jahrhunderten im Tiefschlaf im finsteren Keller von Schloss Kronborg in Helsingör, dort wo Hamlet zu Hause ist und wehrhafte Nordmänner seit jeher die Einfahrt in den Öresund bewachen. Erst wenn dem Königreich ernster Schaden droht, so geht die Fabel, "wenn es wirklich gilt", wird Holger Danske erwachen und für sein Volk aufstehen. "Denkt nur an mich", beruhigt Holger seine Landsleute im gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen, "ich komme in der Stunde der Not".

Sie denken viel an ihn, in den letzten Monaten. Vor allem jene, die ihre Kultur bedroht sehen. Das ist der Fall, seit die Frage, ob Religion Gegenstand von Satire und der Prophet Mohammed als Karikatur abgebildet sein darf, mit Massendemonstrationen und Brandsätzen beantwortet wird. Und die international vergleichsweise unbedeutende Tageszeitung "Jyllands-Posten" aus der jütländischen Provinz Schlagzeilen in Pakistan, Kuweit oder Syrien macht. In diesen schweren Zeiten, glauben viele, ist er endlich auferstanden, dieser "alte Däne, den wir alle besingen", wie eine Leserbriefschreiberin in "Jyllands-Posten" hymnisch formuliert: "Der Groschen ist bei uns gefallen."

Der Holger der Neuzeit heißt Kurt, Kurt Westergaard. Er ist schon 73 Jahre alt, ein liebenswürdiger älterer Herr mit grauem Vollbart und Hang zu schrägen Klamotten. Eine knallrote Hose gehört dazu, rote Socken, bunte Halstücher, ein bodenlanger Ledermantel und Westernhut. Westergaard ist Maler und Zeichner, "bladettegner" - Zeitungszeichner - heißen er und seine Kollegen im Norden. Er pinselte die Karikatur von Mohammed, der in seinem Turban eine Bombe mit glimmender Zündschnur trägt.

"Ich habe doch nur meine Arbeit getan"

Es ist nur eine von 12 Karikaturen, die Westergaard das "dreckige Dutzend" nennt und die vor gut zwei Jahren einen gewaltigen Proteststurm in der islamischen Welt entfachten. Aber es ist die provokanteste. Und seitdem ist der alte Kurt, der es als Maler nie zu großem Ruhm gebracht hat, auf einmal ein Begriff von Kairo bis Damaskus. Und neuerdings leider auch bei islamischen Fanatikern im eigenen Land. "Ich habe doch nur meine Arbeit getan", sagt der Karikaturist.

Anders als manche Kollegen sieht er bis heute keinen Grund, von seiner Zeichnung abzurücken und sich dem Druck der Straße zu beugen. Zweifel kannte er schon damals nicht, als die Anfrage der Zeitung kam: "Natürlich musste ich mitmachen und handwerklich war das eine ganz unproblematische Aufgabe". Dass die Karikatur mal zum Sinnbild des Kampfes um europäische Werte von Toleranz und Pressefreiheit würde, war ihm nicht mal ein entfernter Gedanke. Und es ist eine Ironie des Schicksals, dass diese einfache Zeichnung nicht nur seine bekannteste, sondern auch wertvollste ist. Er hat sie deshalb sicher, in einem Bankschließfach, deponiert. "Sie ist ein Stück dänischer Geschichte", sagt Westergaard.

Wegen der rückte er inzwischen persönlich ins Visier dieser Eiferer, einige von ihnen trachten ihm angeblich sogar nach dem Leben. Die Drohungen sind ernst zu nehmen, sagt der dänische Nachrichtendienst PET, zwei tunesische Migranten und ein Däne marokkanischer Herkunft wurden bereits festgenommen, der Däne allerdings nur vorübergehend. Mehr weiß auch Westergaard nicht, nur dass sich sein Leben seitdem von Grund auf verändert hat.

Als die Botschaften brannten, dämmerte es ihm langsam

Er war in Florida bei seinen Kindern, als er im Februar 2006 im Fernsehen die dänische Botschaft in Damaskus brennen sah. Erst langsam dämmerte ihm, was seine Zeichnung mit ausgelöst haben sollte. Es folgten Beschimpfungen, Bombendrohungen gegen die Redaktion, ein Brief mit weißem Pulver ging ein, dass an die Anschläge mit Anthrax aus den USA erinnerte.

Dabei ist der gemütliche Fast-Rentner alles andere als ein Provokateur, er eignet sich auch wenig zum Feindbild. Fast sein ganzes Leben wählte er Sozialdemokratie: "Das Land verdankt ihr so viel", sagt er, "den Wohlfahrtsstaat, starke Gewerkschaften, die Zähmung des Kapitalismus". Mit Rechtspopulisten wie der ausländerfeindlichen Dänischen Volkspartei hat er nichts am Hut, nicht einmal jetzt. Eigentlich war die größte Aufregung um seine Zeichnung auch längst vorbei, als die Polizei zum ersten Mal eine Morddrohung gegen ihn wirklich ernst nahm. "Das war eine große Überraschung", sagt Westergaard.

Es war der 8. November vorigen Jahres, als er morgens in seinem chaotischen Redaktionsbüro von der neuen Lage erfuhr. Ein Wochenende mit seiner Frau Brigitte in Paris, ein Geschenk des Chefredakteurs zum 25. Dienstjubiläum, musste er auf dringendes Anraten von PET als erstes absagen. Statt am nächsten Tag an der Seine zu flanieren, versteckte ihn die Polizei in einem einsamen Sommerhaus. Alles war grau in grau, auch die Stimmung. Von nun an wechselte er seine geheimen Aufenthaltsorte in unregelmäßigen Abständen, so wie es der PET diktiert.

Aus dem Hotel muss er raus - das Sicherheitsrisiko ist zu hoch

Im Ausland waren seine Frau und er, bei anderen Kindern und immer wieder in verschiedenen Sommerhäusern. Nur die eigene Wohnung sieht er kaum. Das letzte Mal war das bei der Weihnachtsfeier mit der Familie. Das Zusammenkommen hat wie in vielen dänischen Familien Tradition für ihn, immer am Sonntag vor Heiligabend. Diesmal fiel es zu allem Überfluss auch auf den Geburtstag seiner Frau. Also durfte er noch einmal heim, notgedrungen und streng bewacht. Das Essen servierte den 50 Gästen ein Polizist, im Schuppen hinter dem Haus saßen Aufpasser, und auch im Van auf dem Parkplatz vor der Tür.

Einigermaßen nett hatte er es nur, als ihn die Sicherheitsbehörde im luxuriösen Hotel SAS Radisson in Århus unterbrachte, das erste Haus am Platz. Die Westergaards schliefen im komfortablen Appartement der Business Class gleich neben der "Presidential Suite", mit herrlichem Ausblick über die Stadt. Gefrühstückt wurde im Restaurant Scenario. Bis sich das Management, nach fast drei Wochen, auf einmal eines vermeintlichen Risikos für die anderen Gäste bewusst wurde. Äußern mag sich die Hotelleitung dazu nicht. Nur raus sollte er, von einem Tag auf den anderen. "Ich hoffe, dass ich für die Sommerhausgebiete noch kein zu großes Risiko geworden bin", sagt Westergaard bitter, noch hat er seine Ironie nicht ganz verloren.

Doch die Situation zehrt an ihm, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen will. Keiner im Hotel spricht mit ihm, versucht die heikle Entscheidung zumindest ein bisschen verständlich zu machen. Dänemark ist stolz auf seinen Helden - und lässt ihn im Regen stehen. "Es ist wie ein Schlag ins Gesicht", sagt der Zeichner, "und sofort beginnt meine Phantasie zu arbeiten: Kann sich das wiederholen, kann ich überhaupt noch ins Theater gehen, ein Restaurant besuchen?"

"Ich fühle kein Angst, nur Wut"

Ein wenig einsam wirkt er an diesem Abend des Rauswurfs und am Tag danach, beim Packen wie in der Redaktion. Seine Frau weilt für ein paar Tage im Ausland, Abstand finden, abschalten. Kurt ist allein. Sieht man mal von seinem Besucher ab, der aus professionellen Gründen mit ihm beim Frühstück im Hotel sitzt oder Abends in der Lobby.

Natürlich gibt es Zuspruch, in Anrufen und Briefen, jeden Tag wieder in den Zeitungen. Autofahrer, die spontan das Fenster runterkurbeln und ihm Mut zurufen. Und dann schnell weiterfahren. Oder die Kollegen und Schulterklopfer, die in Scharen zu einer Diskussion mit ihm in den "Publicistklubben" in Kopenhagen strömen, seine Courage beklatschen. Und zusehen, dass sie schnell nach Hause kommen.

"Nein,", sagt Westergaard, seine Freunde und Bekannten verhalten sich "tadellos". Auf sie lässt er nichts kommen. Kein Jammern, die Situation ist eh schon schwierig genug. Ganz besonders für die unbeteiligten Nachbarn, die Angst haben. Oder seine Kinder, die Angst um ihn haben. Leid tut ihm vor allem seine Frau. "Ich kann alle Angst beiseiteschieben", sagt Westergaard, "ich fühle nur Wut", und er will sie zum Ausdruck bringen.

Westergaards Schicksal liegt in fremden Händen

Aber seiner Frau geht diese Situation, nie zu Hause, immer unterwegs, auf der Flucht vor einem unsichtbaren Feind, "auf die Nerven", sagt Westergaard: "das merke ich ganz deutlich". Und schlimmer noch: Er kann ihr nicht helfen. Denn eines, was sich seine Gattin wohl wünschen würde, das will er auf keinen Fall: Sich beugen, zurückhalten, klein beigeben. "Ich bin kein mutiger Mann, aber ich muss reagieren, ich kann nicht stillhalten", sagt Westergaard, "auch wenn meine Frau dagegen ist: Vielleicht ist das eine Art Therapie für mich".

"Ich bin ein alter Mann, mein Leben nähert sich dem Ende, das öffentliche Risiko ist dann egal," sagt er auch. Und das macht ihr wohl noch mehr Angst. Westergaard hat sein Schicksal in andere Hände gelegt. Er fühlt sich wie bei einer Herzoperation vor einigen Jahren, als er drei Bypässe bekam. "Ich konnte nichts machen, musste den Ärzten einfach vertrauen", sagt Westergaard, "jetzt ist die PET die große Autorität".

Nachdenklich und ein bisschen verzweifelt sitzt Kurt Westergaard in diesem Moment da, vielleicht auch innerlich zerrissen. Bis plötzlich sein bissiger Humor zurückkommt, der sich auch in seinen Zeichnungen ausdrückt. "Wahrscheinlich wären wir absolut am sichersten in einer Gefängniszelle", sagt er. Dann verabschiedet er sich und geht schlafen, wie Holger Danske. Zuvor lädt er den Besucher noch schnell in sein Ferienhaus an der Ostsee ein. Da will er hin - im Sommer. Aber freiwillig.

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