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15. März 2011, 16:48 Uhr

Streit um Haftbedingungen

"Die Regierung will Manning emotional schwächen"

Seit Monaten sitzt der mutmaßliche WikiLeaks-Informant Bradley Manning in Einzelhaft - trotz aller Bemühungen seiner Unterstützer. Im Interview spricht David House vom Helfernetzwerk über die umstrittenen Haftbedingungen Mannings, dessen emotionalen Verfall und Rache als Motiv.   

SPIEGEL ONLINE: Herr House, die US-Armee hat neue Vorwürfe gegen Bradley Manning erhoben, den 23-jährigen angeblichen WikiLeaks-Informanten, gegen den wegen Veröffentlichung amerikanischer Geheimdokumente ermittelt wird. Einer der 22 Vorwürfe lautet nun "Hilfe für den Feind", worauf die Todesstrafe steht. Was bedeutet das für die Ermittlungen gegen Manning?

House: Es ist unglaublich, Bradley Manning ist jetzt tatsächlich mit der Möglichkeit konfrontiert, dass er hingerichtet werden könnte. Und das, weil er Dinge öffentlich gemacht haben soll, bei denen es sich zumindest teilweise um Kriegsverbrechen handelte.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Staatsanwaltschaft nicht erklärt, sie werde lediglich eine lebenslange Haftstrafe für Manning fordern?

House: Bis zu den neuen Vorwürfen gegen Manning wurde er einer Reihe militärrechtlicher Vergehen beschuldigt, die zu einer Höchststrafe von 52 Jahren Haft führen könnten. Die Militärbehörden und die Staatsanwaltschaftaft haben zwar erklärt, dass sie nicht die Todesstrafe fordern werden, doch letztlich wird das Urteil nicht von ihnen gesprochen. Dem Richter steht es frei, die Empfehlung der Staatsanwaltschaft auch zu ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Manning ist bereits seit Mai vergangenen Jahres in Untersuchungshaft. Zurzeit befindet er sich im Marinestützpunkt Quantico in Virginia in Einzelhaft. Welchen Bedingungen ist er dort ausgesetzt?

House: Bradley ist noch nicht angeklagt, vor Gericht gestellt oder verurteilt worden. Dennoch wird er 23 Stunden am Tag in einer Einzelzelle festgehalten, ohne die Möglichkeit, Sport zu treiben, ohne Zugang zu Zeitungen und ohne Hofgang. Er wird seit mittlerweile acht Monaten unter diesen Bedingungen festgehalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Einzelhaft auf ihn ausgewirkt?

House: Ich kann aus unmittelbarer persönlicher Anschauung sagen, dass ich nicht verstehe, wie Einzelhaft als irgendetwas anderes bezeichnet werden kann als Folter - als furchtbar, unmenschlich. Ich habe beobachtet, wie mein Freund im Laufe der Zeit herunterkommt - körperlich, geistig und emotional.

SPIEGEL ONLINE: Es sieht so aus, als versuche das US-Militär, seinen Willen zu brechen und Aussagen von ihm zu bekommen.

House: Ich besuche Bradley seit September im Gefängnis und denke: Genau das ist der Fall. Ich habe beobachtet, wie er eine emotional sehr harte Zeit durchgemacht hat, viel härter als Gefangene unter normalen Haftbedingungen. Ich kann nur den Schluss ziehen, dass sie versuchen, seinen Willen zu brechen. Und dass sie auf ein Geständnis von ihm hoffen, mit dem sie dann auf WikiLeaks als Organisation und auf Julian Assange losgehen können.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das harte Vorgehen der US-Regierung gegen Manning auch als Rache interpretieren und als Versuch der Regierung, ihm und WikiLeaks eine Lektion zu erteilen für die Verlegenheit, in die sie durch die Veröffentlichung der Diplomaten-Depeschen gebracht wurde.

House: Einer Notiz aus dem Kapitol zufolge hat die Veröffentlichung der Depeschen der nationalen Sicherheit keinerlei Abbruch getan, doch sie war für einige Politiker und Diplomaten hochgradig peinlich. Ich glaube, in dieser Peinlichkeit liegt eines der Hauptmotive für die in der Tat racheartigen Haftbedingungen, denen sie Bradley unterworfen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Vorwürfe gegen Manning stichhaltig? Auf welche Beweismittel stützt sich die Staatsanwaltschaft?

House: Derzeit sieht es so aus, als sei das wichtigste Beweismittel das Protokoll eines angeblichen Internet-Chats zwischen Bradley und dem amerikanischen Hacker Adrian Lamo. In diesem Protokoll, dessen vollständiger Inhalt nie veröffentlicht worden ist, spricht Manning angeblich darüber, dass er das Kampfhubschrauber-Video veröffentlichen werde, um eine weltweite Debatte auszulösen. Lamo wurde allerdings, drei Wochen bevor er diese Vorwürfe erhob, vorübergehend in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Dann ist da noch die Frage, ob das Dokument überhaupt von Bradley Manning stammt.

SPIEGEL ONLINE: Womit muss Manning als nächstes rechnen? Wann glauben Sie, dass es zur Gerichtsverhandlung kommen wird?

House: US-Bürger haben ein Recht auf ein rasches Verfahren. In diesem Fall hat die Regierung die Ermittlungen jedoch ständig behindert. Ich bin der Ansicht, dass sie dies tut, damit Manning länger in Einzelhaft bleibt, um ihn vor Beginn der Gerichtsverhandlungen geistig und emotional zu schwächen.

SPIEGEL ONLINE: Würde ein Prozess gegen Manning, falls er angeklagt werden sollte, öffentlich sein, oder würde ein Militärgericht hinter verschlossenen Türen tagen?

House: Es würde weitgehend, vielleicht sogar vollständig, geheim verhandelt werden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit - und das, obwohl Manning jetzt mit der Möglichkeit seiner Hinrichtung konfrontiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Kampfhubschrauber-Video dokumentiert einen Angriff, den viele als Kriegsverbrechen bezeichnen würden. Angenommen, Manning war für die Veröffentlichung des Videos verantwortlich: Würden Sie das als die kriminelle Handlung werten, als die es gerne in den USA dargestellt worden ist?

House: Ich bin der Ansicht, dass Personen, die Zeugen empörender Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden, verpflichtet sind, solches Unrecht ans Licht zu bringen - nicht nur als US-Bürger, sondern auch als Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Hat Manning mit der Staatsanwaltschaft kooperiert?

House: Soweit ich weiß, hat Bradley in keiner Weise mit der Staatsanwaltschaft kooperiert. Bradley Manning und ich können uns jedoch nicht über die juristischen Einzelheiten seines Verfahrens austauschen, da wir während meiner Besuche streng überwacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten seit Herbst vergangenen Jahres für das Bradley-Manning-Unterstützungsnetzwerk. Wie kam es dazu?

House: Bradley und ich hatten bereits vor seiner Verhaftung gemeinsame Freunde, ich bin ihm auch einmal auf einer Party in Boston begegnet. Nachdem er verhaftet worden war, sah ich mich mit einem Fall konfrontiert, in dem die Rechte dieses Mannes offenkundig mit Füßen getreten worden waren und in dem die Beamten, die hier in Boston die Ermittlung koordinieren, Mannings ehemalige Kollegen und Freunde belästigten, einschüchterten und bestachen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau tut das Netzwerk?

House: Die Mitglieder des Bradley-Manning-Unterstützungsnetzwerks sind eine Mischung von Personen aus Amerika und aus der ganzen Welt. Wir haben inzwischen mehr als hunderttausend Dollar für Mannings Verteidigungsfonds gesammelt. Viel von diesem Geld geht an seinen Anwalt, David Coom.

SPIEGEL ONLINE: Hat WikiLeaks das Netzwerk oder den Verteidigungsfonds unterstützt?

House: WikiLeaks hat im Januar 10.000 Dollar gespendet.

SPIEGEL ONLINE: Was fordert das Unterstützungsnetzwerk?

House: Das US-Militär muss auf die Option einer Hinrichtung verzichten. Die Todesstrafe muss vom Tisch. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Land zu leben, das Whistleblower wie Manning hinrichtet, und ich hoffe, dass viele Amerikaner und Menschen in anderen Ländern das genauso sehen. Abgesehen davon verdient Bradley Manning einen raschen Prozess.

SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch sind die Chancen, diese Forderungen durchzusetzen?

House: Die Sache wird nur dann für Bradley Manning gut ausgehen, wenn es zu wachsendem internationalen Druck auf die USA kommt. Wir brauchen die Initiative aller Bürger der ganzen Welt, denen etwas an den Prinzipien transparenter Regierungspolitik liegt.

Das Interview führte Michael Sontheimer

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