Streit um Nationalhymne Rumäniens aberwitziger Eishockey-Krieg

Der Skandal hält Rumänien in Atem: Beim Eishockey-Spiel gegen Ungarn singen Spieler des rumänischen Teams bei der Hymne des Gegners mit. Dass sie Angehörige einer ungarischen Minderheit sind, lässt man als Erklärung nicht gelten - uralte Ressentiments spalten die Nation.
Rumänischer Eishockey-Nationalspieler Basilidesz (2007): "Sollen sie doch verschwinden!"

Rumänischer Eishockey-Nationalspieler Basilidesz (2007): "Sollen sie doch verschwinden!"

Foto: ? STR New / Reuters/ REUTERS

Berlin/Bukarest - Wieder einmal schäumte Rumäniens großer alter Eishockey-Nationalspieler George Justinian, 57, vor Wut. "Wir brauchen keine Spieler, die sich weigern, unsere Nationalhymne zu singen, und wir brauchen auch keine ausländischen Trainer", ereiferte sich der beleibte Weißhaarige letzte Woche im Bukarester Boulevardblatt "Libertatea". Der Eishockey-Sport in Rumänien sei von der ungarischen Minderheit dominiert, schimpfte Justinian, der heute als Jugendtrainer arbeitet. Dann schlug er vor, einfach eine zweite rumänische Eishockey-Nationalmannschaft zu gründen - und zwar nur mit rumänischen Spielern und Trainern: "Mit einer Parallelmannschaft ohne ethnische Ungarn werden wir beweisen, wie gut wir Rumänen sind!"

Parallele Nationalmannschaften? Ethnische Trennung im Eishockey? Justinian bekommt derzeit in Rumänien viel Beifall für solche Forderungen. Sie sind Teil eines bizarren Eishockey-Skandals, der die Sportwelt des Landes seit Wochen in Atem hält.

Alles begann am 16. Dezember 2011. Im Eisstadion von Csíkszereda, einer abgelegenen Kleinstadt in den rumänischen Ostkarpaten, spielte die rumänische Eishockey-Nationalmannschaft gegen die ungarische. Die Nationalhymnen der beiden Länder ertönten. Der Gastgeber, also Rumänien, siegte. Und dann geschah es: Die Gewinner sangen nicht ihre eigene Nationalhymne, sondern die der Verlierer. Gemeinsam mit denselben, vollkommen absichtlich.

Im Gastgeberland Rumänien wird der erfolgreichen Eishockey-Nationalmannschaft seither Landesverrat und Separatismus vorgeworfen. Einige Politiker verlangen, die Spieler auszubürgern. Der Präsident der rumänischen Eishockey-Förderation (FRHG), Barna Tánczos, ist fassungslos: "Man könnte sich doch einfach freuen, dass wir gewonnen haben."

Dass man das nicht so einfach kann, weiß Tánczos selbst am besten. Der Grund dafür ist eine lange, verworrene Geschichte. Sie begann vor knapp tausend Jahren. Damals siedelten sich die sogenannten Szekler Ungarn ungefähr dort an, wo heute besagtes Eisstadion steht.

Stur, schweigsam und schlagkräftig

Sie gelten als markanter Menschenschlag, die Szekler Ungarn. Stur, schweigsam und schlagkräftig, sehr katholisch, sehr trinkfest. Jahrhundertelang schützten sie im Auftrag der ungarischen Könige das Karpaten-Grenzland im Südosten Siebenbürgens vor Eindringlingen. Dafür genossen sie in ihrem Siedlungsgebiet, dem Szeklerland, Privilegien wie Steuervergünstigungen und Verwaltungsautonomie.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden zwei Drittel von Ungarns Staatsgebiet unter den Nachbarländern aufgeteilt. Rumänien ergatterte Siebenbürgen und damit auch das Szeklerland. In der Vereinigungsproklamation versprachen die Rumänen den nicht-rumänischen Bevölkerungsgruppen Autonomie, auch den Szekler Ungarn. Doch Rumänien wurde ein nationalistischer Zentralstaat. Minderheiten erhielten irgendwann das Attribut "mitwohnend". So wurden sie auch behandelt.

Beim Szekler Ungar gilt der Rumäne deshalb als Lügner, Dieb und Unterdrücker.

Es ist sehr kalt im Szeklerland, am kältesten in der Hochebene um die Stadt Csíkszereda, wo der Winter sechs Monate dauert. Ideale Voraussetzungen, um Eishockey zu spielen. Die Szekler Ungarn sind die besten Eishockey-Spieler Rumäniens. Gewöhnlich gewinnt der Klub HSC Csíkszereda die Landesmeisterschaften. Unter den 24 Spielern des rumänischen Nationalteams sind 22 Ungarn aus dem Szeklerland. Von den anderen beiden ist einer Ukrainer, der andere immerhin ein halber Ungar.

Hymne der Verlierer

Am 16. Dezember also spielte diese Nationalmannschaft im Lajos-Vákár-Eisstadion in Csíkszereda gegen das ungarische Team, es war eine Partie des europäischen Wettbewerbs "Euro Ice Hockey Challenge". Zu Beginn des Spieles ertönte die rumänische Nationalhymne: "Erwache, Rumäne!" Die Spieler der rumänischen Mannschaft und die Zuschauer im Stadion, die meisten von ihnen Szekler Ungarn, schwiegen höflich. Dann erklang die ungarische Nationalhymne: "Gott segne den Ungarn!"

Nun sangen die Spieler der rumänischen Nationalmannschaft mit, viele Zuschauer erhoben sich und stimmten mit ein. Anschließend besiegten die Szekler Ungarn der rumänischen Nationalmannschaft ihre magyarischen Brüder klar mit 4:1. Nach dem Spiel erklangen erneut die rumänische, anschließend die ungarische Nationalhymne. Wieder herrschte zunächst Schweigen.

Dann sangen die Gewinner und ihre Fans die Hymne der Verlierer.

Das heiligste Lied aller Ungarn

Nun ist die ungarische Nationalhymne eigentlich nicht in erster Linie die Hymne Ungarns, sondern vielmehr das heiligste Lied aller Ungarn in der ganzen großen Welt. Es verbreitete sich in den Schicksalsjahren 1848/49, als die Habsburger und die Russen den Freiheitskampf der Magyaren niederschlugen. Da es ein sehr langsames und trauriges Lied ist, Tempo Grave, Text melancholisch-depressiv, wird es oft in ungarischen Gottesdiensten gesungen.

Schon häufig hat das Ignorieren solch Nuancen in Osteuropa und besonders auf dem Balkan zu Bürgerkriegen geführt. In rumänischen Medien herrschte sofort nach dem Sieg der Eishockey-Nationalmannschaft verbaler Bürgerkrieg: "Frechheit!", "Unverschämt!", "Provokation!", "Schande!", "Eishockey-Nationalmannschaft schmäht unsere Hymne!". Nationalistische Politiker nannten die Spieler "ungarische Bestien".

Ex-Tennisprofi Nastase bekam einen Tobsuchtsanfall

Der legendäre Ex-Tennisprofi Ilie Nastase bekam bei einem Interview einen Tobsuchtsanfall: "Nirgendwo in der Welt hat eine Minderheit so viele Rechte wie die Ungarn bei uns! Ich habe gehört, sie montieren ungarische Nummernschilder an ihre Pferdewagen! Was wollen sie denn noch? Etwa ihre Fahne auf unserem Triumphbogen in Bukarest hissen? Wenn es ihnen hier nicht gefällt, sollen sie doch verschwinden! Jedenfalls werden wir es niemals zulassen, dass sie ihre Autonomie bekommen und in unserem Land machen, was sie wollen!"

Barna Tánczos, der Präsident der rumänischen Eishockey-Förderation und selbst Ungar, muss sich schwer beherrschen, wenn er all das kommentieren soll. "Wir singen immer mit, wenn unsere Hymne erklingt, so sind wir Ungarn eben", sagt er beschwichtigend. "Ansonsten wollen wir einfach Eishockey spielen und gewinnen. Aber die Rumänen ertragen es nicht, dass im Land nun mal wir Ungarn die besten in diesem Sport sind."

Tánczos hätte gern ruhige Weihnachts- und Neujahrsfeiertage verbracht, aber gerade muss er sich vor rumänischen Journalisten dauerrechtfertigen. Bereits vor dem Hymnenskandal hatte eine andere Eishockey-Affäre für Aufruhr gesorgt. Am 1. Dezember, dem rumänischen Nationalfeiertag, trainierte in Csíkszereda die Nationalmannschaft der Eishockey-Jugendlichen unter 16 Jahren. Auch ein 15-jähriger rumänischer Spieler war dabei. Im Umkleideraum herrschte er drei gleichaltrige ungarische Teamkameraden an, am rumänischen Nationalfeiertag gefälligst Rumänisch zu sprechen.

Eine der tolerantesten Nationen der Welt

So etwas gehört zu der Rhetorik, mit der Kinder in Rumänien seit Jahrzehnten aufwachsen. Die rumänischen beispielsweise lernen, dass, wer in Rumänien Brot isst, auch rumänisch zu sprechen hat und dass die Rumänen eine der tolerantesten Nationen der Welt sind.

Die ungarischen Eishockey-Jugendlichen hatten noch nicht die Nerven, solche Sprüche zu belächeln, und gingen auf ihren rumänischen Mitspieler los. Sie hätten ihn "beschimpft und in der Dusche mit nassen Handtüchern verprügelt", hieß es in der rumänischen Presse. Sie hätten ihn nur "etwas geknufft", behaupteten die Trainer. Jedenfalls wurden die drei jugendlichen Szekler-Eishockeyspieler kurz nach Weihnachten unbefristet aus der Jugend-Nationalmannschaft ausgeschlossen, die beiden Trainer bekamen eine Verwarnung.

Die nächste Episode im rumänisch-ungarischen Eishockey-Krieg lässt vermutlich nicht lange auf sich warten. Vielleicht wird Tihamér Becze, der Star der rumänischen Nationalmannschaft, tatsächlich wegen Hochverrats angeklagt, wie es der kryptofaschistische Europaabgeordnete Corneliu Vadim Tudor, ein ehemaliger Hofdichter Ceausescus, gefordert hatte. Die entsprechenden Paragrafen gäbe es.

Müde von dem Wirbel um das Absingen der ungarischen Nationalhymne, hatte Tihamér Becze ironisch und mit seiner ganzen Szekler-Sturheit erklärt: "Was wollen die Rumänen eigentlich? Sie haben doch mit der Eishockey-Nationalmannschaft gar nichts zu tun. Bei dem Spiel am 16. Dezember hat nicht Rumänien, sondern das Szeklerland Ungarn besiegt."