Streit um Todesursache Bhutto-Partei wirft Regierung Verschleierung vor

Wie starb Benazir Bhutto? "Es war gezielter Mord durch einen Scharfschützen", ist sich ihre Partei sicher und wirft der Regierung vor, die Todesursache zu verschleiern. Der Sohn der ermordeten Oppositionsführerin will bald eine Erklärung verlesen, die seine Mutter hinterlassen hat.


Islamabad - Nach dem tödlichen Anschlag auf Oppositionsführerin Benazir Bhutto ist in Pakistan eine Debatte über die Todesursache entbrannt. Ein Sprecher von Bhuttos Pakistanischer Volkspartei PPP wies heute einen Bericht des Innenministeriums zurück, nach dem die Oppositionsführerin nicht wie zunächst gemeldet durch Schüsse sondern durch einen Schädelbruch tödlich verletzt worden sei.

Bewaffneter Polizist vor einem Plakat der getöteten Oppositionsführerin: Streit um die Todesursache
AFP

Bewaffneter Polizist vor einem Plakat der getöteten Oppositionsführerin: Streit um die Todesursache

"Es war ein gezielter Mord durch einen Scharfschützen", sagte der Sprecher. Die PPP forderte, die Hintergründe des Mordes von einer internationalen Kommission untersuchen zu lassen.

Das Innenministerium hatte am Freitag bekanntgegeben, Bhutto sei durch die Wucht der Explosion gegen das Dach ihres Geländewagens geschleudert worden, nachdem der Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz gezündet habe. Die abgefeuerten Schüsse hätten die Oppositionsführerin nicht getroffen. Bhutto war am Donnerstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Rawalpindi von einem Selbstmordattentäter getötet worden.

Eine enge Mitarbeiterin Bhuttos bekräftigte die Darstellung des Parteisprechers. Bhuttos Sprecherin Sherry Rehman warf der Regierung vor, die Umstände der Ermordung zu verschleiern. Sie habe mit eigenen Augen eine Schusswunde im Kopf der Toten gesehen, als sie an der Waschung des Leichnams vor der Beerdigung teilgenommen habe, sagte Rehman der Nachrichtenagentur AFP.

"Ich habe eine Schusswunde gesehen, die Kugel traf den Hinterkopf und trat auf der anderen Seite wieder aus", sagte Rehman, die nach eigenen Angaben zum Zeitpunkt des Anschlags in der Autokolonne war. Mit ihrem Fahrzeug sei Bhutto ins Krankenhaus gebracht worden. "Wir konnten sie nicht einmal richtig waschen, weil aus der Wunde immer noch Blut sickerte. Sie hat viel Blut verloren."

Das Krankenhaus habe seine Erklärung ändern müssen. "Es gab nie einen richtigen Autopsiebericht", sagte Bhuttos Sprecherin. Das Innenministerium sage, das Bhutto durch einen Aufprall auf das Fahrzeugdach gestorben sei, als sie sich vor den Schüssen in Sicherheit bringen wollte. "Das ist lächerlich, gefährlicher Unsinn, weil es verschleiert, was wirklich geschehen ist."

Der mutmaßliche Qaida-Chef in Pakistan, Baitullah Mehsud, wies eine Verwicklung in Bhuttos Ermordung zurück. Mehsuds Sprecher sagte AFP per Satellitentelefon: "Das ist eine Verschwörung der Regierung, der Armee und der Geheimdienste." Es widerspreche der Stammestradition und den Sitten, eine Frau anzugreifen. Radikale Islamisten hätten niemals die Absperrungen um Bhuttos Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag durchbrechen können, bei der sie getötet worden war.

Bei dem angeblichen Telefonat zwischen Mehsud und einem Islamisten über Bhuttos Tod, auf das sich das Innenministerium zum Beleg der Verantwortung Mehsuds berufen hatte, handele es sich um ein "Hörspiel", sagte der Sprecher. "Benazir war nicht nur ein Führer Pakistans, sondern auch ein Führer von internationalem Ruhm. Wir drücken unsere tiefe Trauer und Bestürzung über ihren Tod aus", sagte Omar.

Heute wurde bekannt, dass Bhutto für den Fall ihres Todes offenbar eine Erklärung hinterlassen hat. Diese werde der Sohn der ermordeten Politikerin bald verlesen, kündigte der Vater des Jungen, Asif Ali Zardari, an. Die Erklärung sei an Bhuttos Pakistanische Volkspartei (PPP) gerichtet.

Die Führung der PPP will am Sonntag bei einem Krisentreffen entscheiden, ob sie an der für 8. Januar geplanten Parlamentswahl teilnimmt. Die Regierung hatte nach der Ermordung Bhuttos signalisiert, dass sie am Wahltermin festhalten will. Allerdings hat auch die Wahlkommission ein Krisentreffen für die nächsten Tage angekündigt. Dabei soll untersucht werden, welche Auswirkungen die bei den Unruhen der vergangenen Tage angerichteten Zerstörungen auf die für den 8. Januar geplante Parlamentswahl haben.

Bei den Unruhen sind nach jüngsten Angaben neun Wahllokale einschließlich Wählerlisten zerstört worden. Auch der Druck von Wahlunterlagen, die Ausbildung von Wahlhelfern und andere logistische Vorbereitungen seien beeinträchtigt worden, teilte die Wahlkommission mit.

Der Oppositionspolitiker Nawaz Sharif von der Muslimliga (PML), wie Bhutto ein ehemaliger Ministerpräsident, hatte schon nach dem Attentat am Donnerstag zum Boykott der Parlamentswahl aufgerufen.

Auch heute gedachten in mehreren pakistanischen Städten Zehntausende Menschen der getöteten Oppositionspolitikerin. In Lahore im Osten versammelten sich rund zehntausend Menschen und riefen Parolen gegen Präsident Pervez Musharraf.

Am Anschlagsort in Rawalpindi setzte die Polizei Tränengas gegen rund 3000 Demonstranten ein, die das Haus eines ehemaligen Ministers stürmen wollten. Der frühere Eisenbahnminister Sheikh Rashid gilt als enger Verbündeter Musharrafs. In der Stadt Peschawar drängte die Polizei ebenfalls mit Tränengas und Schlagstöcken rund 3000 Menschen zurück, die Geschäfte demolieren wollten.

Steinmeier besorgt über Instabilität

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich besorgt darüber gezeigt, dass die pakistanischen Atomwaffen bei einer weiteren Destabilisierung des Landes in falsche Hände geraten könnten. "Atomwaffen dürfen niemals in die Hände islamistischer Terroristen geraten", sagte Steinmeier der "Bild am Sonntag".

Trotz der unruhigen Situation in Pakistan nach dem Anschlag bestehe derzeit noch keine konkrete Gefahr, betonte Steinmeier. "Aber es müssen dort wieder stabile Verhältnisse einkehren, damit es so bleibt. Was wir dafür tun können, darüber beraten wir mit den Vereinten Nationen, den USA und den Europäern."

Das "grausame Attentat" auf Bhutto habe eine Situation geschaffen, die sich zur größten Krise in der Geschichte Pakistans ausweiten könne, sagte Steinmeier. "Ich appelliere an die Politiker dort, dass jetzt alle zusammenarbeiten, die das Wohl der Menschen wollen, um den Fundamentalisten zu widerstehen."

phw/AP/AFP/Reuters/dpa

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