Streit um Todesursache Bhutto-Vertrauter schildert Attentat - Fotos zeigen mutmaßlichen Schützen

Wie starb Benazir Bhutto wirklich? Die Erklärungen zum Hergang des Attentats werden immer unglaubwürdiger. Jetzt meldete sich der engste Vertraute der Politikerin zu Wort, der die Sterbende in den Armen hielt. Erstmals tauchten auch Bilder der mutmaßlichen Attentäter auf.


Islamabad/London - Auch drei Tage nach dem tödlichen Attentat ist der Hergang des Mordes an Benazir Bhutto nicht restlos geklärt. Nur eines scheint inzwischen festzustehen: Keine der vielen Erklärungen, die die Ermittlungsbehörden der pakistanischen Regierung bislang lieferten, dürfte zutreffen. Gestern meldete sich zum ersten Mal ein Zeuge zu Wort, der das Geschehen in unmittelbarer Nähe miterlebt hat - Safdar Abbassi, einer der engsten Vertrauten und Berater von Benazir Bhutto, der zum Zeitpunkt des Anschlags im Wagen der Politikerin saß.

Auch Fotos, die mehrere pakistanische Fernsehsender derzeit verbreiten, sprechen für eine neue Theorie: Demnach waren mindestens zwei Attentäter an der Ermordung Benazir Bhuttos beteiligt. Die Aufnahmen stammten von einem Amateurfotografen, berichtete "Dawn News Television". Ein Bild zeigt zwei Männer inmitten von Bhutto-Anhängern in dem Park, in dem die Politikerin unmittelbar vor dem Anschlag eine Wahlkampfrede hielt. Der eine ist rasiert, trägt Sonnenbrille, ein weißes Hemd und eine dunkle Jacke oder ein Jackett. Hinter ihm steht der zweite Mann mit einem weißen Tuch als Kopfbedeckung. Dieser Mann sei vermutlich der Selbstmordattentäter, berichtete der Sender. Weitere Bilder zeigen den Mann mit der Sonnenbrille, wie er mit einer Waffe auf Bhutto zielt. Er scheint nur wenige Meter von Bhutto entfernt auf der linken Seite ihres schusssicheren Fahrzeuges zu stehen. Ihr Gesicht ist von ihm abgewandt, als er auf sie zielt. Der Mann mit der Sonnenbrille wird nun von der Polizei gesucht.

Augenzeugen des Mordes spekulieren laut Fernsehberichten, dass womöglich noch mehr Täter beteiligt waren. Es soll auch in die Luft geschossen worden sein, damit die Menschenmassen, die Bhuttos Wagen umgaben, aus Angst fliehen und so den Weg für den Selbstmordattentäter zu seinem Opfer frei machen.

Dass Bhutto wahrscheinlich erschossen worden ist, dafür spricht auch die Aussage ihres Beraters Abbassi, der gestern gegenüber der "Sunday Telegraph" die letzten Sekunden im Leben der Politikerin schilderte: Ihre letzten Worte seien "Lang lebe Bhutto" gewesen, sagte er der britischen Zeitung. Wenige Sekunden später sei sie getötet worden. "Sie sagte nichts anderes mehr." Bhutto habe sich der Menschenmenge zeigen wollen, die ihr zugejubelt habe. Sie habe sich auf den Sitz gestellt und der Menge durch das Schiebedach zugewinkt. In die Jubelschreie hinein seien dann die Schüsse gefallen. "Ich habe sie gesehen: Sie sah so aus, als ob sie sich geduckt hätte, als sie die Schüsse hörte. Wir haben nicht sofort verstanden, dass sie getroffen war", berichtete Abbassi der Zeitung.

"Überall war Blut"

Als Bhutto durch das Schiebedach zurück in das Wageninnere glitt, hätten sie zunächst geglaubt, sie habe sich in Sicherheit bringen wollen. "Wir haben zunächst gar nicht realisiert, was wirklich passiert ist", erzählt der Vertraute. Bhutto habe keinen Laut von sich gegeben. Erst dann habe er eine tiefe Schusswunde an der linken Halsseite bemerkt. "Überall war Blut." Seine Frau Naheep Khan habe Bhuttos Kopf auf ihren Schoß genommen, mit ihrem Kopftuch versucht, die Blutung zu stoppen.

Der Fahrer des Wagens habe sofort reagiert und sei davongeprescht. Im Krankenhaus habe Bhutto noch gelebt, doch die Ärzte hätten ihr nicht mehr helfen können. "Sie lächelte und war sehr glücklich", erinnerte sich Abbassi an Bhuttos letzte Momente. "Ich kann nicht glauben, dass sie nicht mehr bei uns ist."

Die Aussage Abbassis steht in klarem Gegensatz zu der letzten offiziellen Version des Innenministeriums. Danach soll Bhutto sich schwere Schädelverletzungen zugezogen haben, als sie wegen auf sie abgefeuerter Schüsse den Kopf einzog. In ersten Berichten zu Bhuttos Tod hatte es geheißen, sie sei erschossen worden, kurz bevor ein Selbstmordattentäter sich in der Nähe ihres Wagens in die Luft gesprengt hatte. Das Innenministerium hatte wenig später jedoch versichert, Bhuttos Leichnam weise keine Schuss- oder Splitterwunden auf. Diese Angaben wies ein Sprecher von Bhuttos Pakistanischer Volkspartei vehement zurück.

Qaida-Chef weist Verstrickung zurück

Für die Version Abbassis spricht auch die Zeugenaussage von Bhuttos Sprecherin Sherry Rehman. Sie habe mit eigenen Augen eine Schusswunde im Kopf der Toten gesehen, als sie an der Waschung des Leichnams vor der Beerdigung teilgenommen habe, sagte Rehman der Nachrichtenagentur AFP. "Ich habe eine Schusswunde gesehen, die Kugel traf den Hinterkopf und trat auf der anderen Seite wieder aus."

Das Innenministerium sagte, dass Bhutto durch einen Aufprall auf das Fahrzeugdach gestorben sei, als sie sich vor den Schüssen in Sicherheit bringen wollte. "Das ist lächerlich, gefährlicher Unsinn, weil es verschleiert, was wirklich geschehen ist."

Der mutmaßliche Qaida-Chef in Pakistan, Baitullah Mehsud, hatte gestern eine Verwicklung in Bhuttos Ermordung zurückgewiesen. Mehsuds Sprecher sagte AFP per Satellitentelefon: "Das ist eine Verschwörung der Regierung, der Armee und der Geheimdienste." Es widerspreche der Stammestradition und den Sitten, eine Frau anzugreifen. Radikale Islamisten hätten niemals die Absperrungen um Bhuttos Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag durchbrechen können, bei der sie getötet worden war.

Bei dem angeblichen Telefonat zwischen Mehsud und einem Islamisten über Bhuttos Tod, auf das sich das Innenministerium zum Beleg der Verantwortung Mehsuds berufen hatte, handele es sich um ein "Hörspiel", sagte der Sprecher. "Benazir war nicht nur eine Führerin Pakistans, sondern auch ein Führerin von internationalem Ruhm. Wir drücken unsere tiefe Trauer und Bestürzung über ihren Tod aus."

Politisches Vermächtnis soll verlesen werden

Nach Berichten pakistanischer Medien soll heute der 19 Jahre alte Sohn Bhuttos, Bilawal, ein politisches Vermächtnis seiner Mutter verlesen, das diese noch zu Lebzeiten für den Fall ihres Todes vorbereitet haben soll. Bhuttos Sohn gilt auch als ein möglicher Nachfolger für die Parteiführung. Außerdem wurde eine Entscheidung der Pakistanischen Volkspartei über eine Teilnahme an den für den 8. Januar geplanten Wahlen erwartet.

Wie die Zeitung "The Nation" unter Berufung auf Parteikreise berichtete, könnte der bisherige PPP-Vize Makhdoom Amin Fahim den Parteivorsitz kurzfristig übernehmen, bis der 19-jährige Bilwal, der derzeit noch in Oxford studiert, alt genug ist, an die Spitze der PPP zu treten. Als weitere mögliche Anwärter auf die Parteiführung gelten auch Bhuttos Schwester Sanam und der Ehemann der Getöteten, Asif Ali Zardari.

Nach einem Bericht der Zeitung "Daily Times" sprach sich Zardari am Samstag bei einem Treffen mit den Führern der PPP und anderer pakistanischer Parteien - darunter auch Ex-Premier Nawaz Sharif von der Muslim-Liga (PML-N) - indirekt für die Durchführung der Wahlen aus. Der Wille seiner Frau, bei den Wahlen anzutreten, um Pakistan von der Diktatur zu befreien, sollte respektiert werden, habe Zardari gesagt. Jedoch müsse ein entsprechender Beschluss von allen Parteien gemeinsam gefasst werden. Dem habe auch Sharif zugestimmt, berichtete die Zeitung weiter. Sharif hatte sich nach der Ermordung Bhuttos für einen Wahlboykott ausgesprochen.

mik/AFP/dpa

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