Streit um tote iranische Oppositionelle "Neda würde sich im Grabe umdrehen"

Der Tod von Neda Agha-Soltan erschütterte Millionen. Vor einem Jahr wurde die junge Frau in Teheran erschossen - seither gilt sie als Ikone der iranischen Opposition. Doch von ihrem Schicksal profitiert ein Mann besonders: ihr angeblicher Verlobter Caspian Makan.

AFP

Von , Beirut


Er hat sich aller Welt als Nedas Verlobter präsentiert, als angeblicher Freund der vor knapp einem Jahr in Teheran bei den Demonstrationen der iranischen Opposition erschossenen jungen Frau. Doch jetzt hat Caspian Makan viele Feinde.

Der erste Akt dieser iranischen Tragödie um Neda Agha-Soltan beginnt am 20. Juni vergangenen Jahres. Zehn Tage zuvor hat Iran gewählt, der amtierende Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit einer verdächtig großen Mehrheit gewonnen. Die Menge derer, die in den darauffolgenden Tagen gegen den augenscheinlichen Wahlbetrug auf die Straße gehen, wächst täglich.

Es hat bereits die ersten Toten gegeben, als an diesem Samstag wieder Zehntausende auf die Straßen strömen. Unter ihnen ist auch Neda. Ob die 26-jährige Studentin extra ins Stadtzentrum gefahren ist, um zu demonstrieren oder ob ihr Taxi zufällig in der Menschenmenge steckengeblieben ist, wird sich später nicht mehr klären lassen. Klar ist, dass Neda und ihr Begleiter, ihr Musiklehrer Hamid Panahi, irgendwann aussteigen. Und dass sie dann ins Fadenkreuz eines Scharfschützen geraten sein müssen.

Ein Protestler, der die Menge filmt, zeichnet auf, wie Neda augenscheinlich von einer Kugel in die Brust getroffen zu Boden sinkt. Wie ihr Blut aus Mund und Nase quillt und sich zu einer dunklen Lache sammelt, wie um sie knieende Männer verzweifelt versuchen, sie zu retten. Das Handy zeichnet die Rufe der Männer auf. "Neda, bleib bei uns, Neda verlass uns nicht." Doch Neda stirbt. Die Bilder ihres Todes finden ihren Weg ins Internet. Es dauert keinen Tag, dann ist die Getötete zur Ikone der grünen Revolution in Iran geworden.

In jedem Interview kommen neue Details hinzu

Doch genauso schnell, wie Nedas Name der Welt ein Begriff wird, wächst die Verwirrung. Denn auch wenn Neda im Beisein ihres Musiklehrers starb, wenn Freunde berichteten, die beiden seien liiert gewesen, drängte sich ein anderer als der Mann in Nedas Leben ins Rampenlicht: Caspian Makan. Er und Neda hätten sich im Jahr zuvor in der Türkei kennengelernt, seien seitdem ein Paar gewesen und hätten geplant zu heiraten, berichtet der 37-Jährige. Westliche Reporter, die in den ersten Stunden nach dem Tod der jungen Frau bei ihrer Familie erscheinen, berichten über die Verblüffung, über den Argwohn, die sich ob dieses plötzlich auftauchenden Verlobten in die Trauer mischt.

Dass Nedas Vertraute nichts von der großen Liebe gewusst zu haben scheinen, schiebt Makan von Anfang an auf die Konventionen: Voreheliche Beziehungen seien in Iran eine heikle Angelegenheit, sie würden deshalb meist geheim gehalten. Seine Kritiker sagen, er habe im Gegenteil die konservativen iranischen Gepflogenheiten für sich genutzt: Nachdem Makan erst einmal herausposaunt habe, er und Neda seien verlobt gewesen, sei deren Mutter nichts anderes übrig geblieben, als das zu bejahen, sagen Beobachter in Teheran. Alles andere hätte Nedas Ehre noch posthum beschmutzt.

Egal, ob Neda und Makan zum Zeitpunkt ihres Todes verlobt waren oder ob ihr Ferienflirt in der Türkei längst der Vergangenheit angehörte: Der Fotograf Makan nutzt die Chance, seinen Namen in der Weltpresse gedruckt zu sehen. In immer blumigeren Worten schildert er in den kommenden Wochen und Monaten, welch tiefsinnige Überlegungen Neda auf die Straße getrieben hätten. In jedem Interview kommen neue Details hinzu: Neda habe dunkle Vorahnungen gehabt, davon gesprochen, dass sie kämpfen werde und wenn sie eine Kugel ins Herz bekäme. Trotz seiner eindringlichen Warnungen habe sie darauf bestanden, zu demonstrieren: Der Tod sei nur ein kleines Opfer für die Freiheit.

Medienberater, Geld für Gespräche und das große Geschäft

Dass Makan heute mit Nedas angeblich felsenfesten politischen Überzeugungen hausieren geht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn danach befragt, warum viele Reformer in Iran oder im Exil ihn angreifen, sagt er SPIEGEL ONLINE: "Der wichtigste Grund, warum mich viele Reformer ablehnen, ist ein Interview, das ich kurz nach ihrem Tod gegeben habe." Darin habe er gesagt, dass Neda nicht der grünen Bewegung angehört habe, ja noch nicht einmal wählen gegangen sei. Die Bewegung habe darin einen Angriff auf ihre Ikone gesehen und sich fortan auf ihren Verlobten eingeschossen.

Makans Behauptung, dass Neda sehr politisch gewesen sei, stößt dem Regime in den Monaten nach der Wahl in Teheran übel auf: Im Herbst vergangenen Jahres verschwindet er, sitzt nach eigenen Angaben 65 Tage im Evin-Gefängnis. Anschließend flieht er über Irans grüne Grenze in die Türkei, geht erst nach London, dann nach Kanada.

Im Westen angekommen, geht er in die Offensive: Makan stellt einen Medienberater ein, bei dem Journalisten Interviewtermine machen können. Im November teilt dieser SPIEGEL ONLINE mit, Makan sei für die nächsten drei Wochen ausgebucht. Dass für die Gespräche Geld bezahlt werden soll, versteht sich von selbst: Makan scheint aus Neda ein Geschäft gemacht zu haben. Auch Menschenrechtler buchen den Iraner gern, er jettet von Vortrag zu Vortrag um den Globus. Die Uno lädt ihn zu einer Konferenz nach Genf ein, wo er neben nordkoreanischen und kubanischen Dissidenten auftreten darf.

Mit Makans Medienpräsenz wächst der Unmut unter den Aktivisten der grünen Bewegung in Iran, als deren Sprecher sich Makan darzustellen scheint. Auf oppositionsnahen Internetseiten, über die die "Grünen" kommunizieren, wird Makan als Scharlatan und Hochstapler beschimpft. Der Fotograf nutze Nedas Namen zur Selbstvermarktung, wettert Masih Alinejad auf der Reform-Web-Seite "Jaras": "Dieser Mann kann in seinem eigenen Namen tun, was er will. Aber es ist ein Desaster, dass er weltweit mit dem Namen Nedas hausieren geht. Ihre Familie darf nicht reden, aber er geht hin und behauptet, Neda und Iran zu repräsentieren", schreibt Alinejad in einem Stück mit dem Titel "Caspian war nicht Nedas Verlobter".

"Wann hat das iranische Volk diesen Herrn als Botschafter bestimmt?"

Im März dieses Jahres landet Makan seinen größten PR-Coup. In Zusammenarbeit mit dem israelischen Fernsehsender Chanel 2 startet er einen werbewirksamen Besuch beim israelischen Präsidenten Schimon Peres. Vor laufenden Kameras - Chanel 2 zahlt für den gesamten Trip und sichert sich so die Vermarktungsrechte - landet der Iraner in Tel Aviv. Ernst, aber gefasst wird er im stahlgrauen Anzug im Amtssitz Peres' vorstellig. Dem greisen Präsidenten stellte er sich israelischen Berichten zufolge als "Botschafter des iranischen Volkes" vor. Makan habe versichert, "Nedas Seele fühlt die Wärme und das Zartgefühl", die er selbst während des Treffens mit Peres empfunden habe.

Makan bestreitet diese Darstellung. "Das ist nur ein Vorwurf dieser Leute." Nur als Peres ihm die Skulptur einer Friedenstaube überreicht habe, habe er sich im Namen aller Iraner bedankt.

Nedas Mutter daheim in Teheran versucht unterdessen, sich von Makan zu distanzieren: Er könne machen was er wolle, aber nicht in Nedas Namen.

Auch viele Anhänger der grünen Bewegung in Iran sind empört: Sie fürchten, durch ihren selbsternannten Botschafter in Verruf gebracht, vom Regime als Spione Israels verteufelt zu werden. Hunderte iranische Reformer schließen sich auf Facebook-Seiten zusammen. Sie sprechen Makan jede Berechtigung ab, sich als Speerspitze der "Grünen" darzustellen. "Ich weiß nicht, wann das iranische Volk diesen Herrn als seinen Botschafter bestimmt und ihn nach Israel geschickt hat", schreibt der Blogger Behnam Ghlipour.

Manche Journalisten, die über Makans Geschichte in der Vergangenheit berichtet haben, sind am Ende ihrer Geduld. Iason Athanasiadis, langjähriger Korrespondent der "Washington Times" in Teheran, schreibt sich in einem langen Blog-Eintrag den Frust von der Seele: "Keiner von uns wird gern auf den Arm genommen, erst Recht nicht, wenn wir dann Tausenden von Lesern den falschen Eindruck vermitteln", schreibt er. Athanasiadis berichtet von diversen Treffen mit Makan, bei dem dieser sich widersprechende Räuberpistolen zum Besten gegeben habe. Mit seiner erbärmlichen Saga habe Makan das bekommen, was er haben wollte, schreibt Athanasiadis: Asyl in Kanada und eine Aufgabe fürs Leben. "Neda würde sich im Grabe umdrehen."

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stanis laus 24.05.2010
1. Trauer?
Der "Verlobte" macht doch nur, was Journalisten damals auch aus dem Tod der jungen Frau gemacht haben. Ein Geschäft. Die Wahlüberprüfungen haben übrigens keinen Belege für die behaupteten Wahlfälschungen geliert. Es ist völlig unklar, ob sich die Neda überhaupt zu dieser Opposition zählte. Aber es gab noch ein anderes Opfer der Pressekampagne. Eine junge Frau, die mit der Sache nichts zu tun hatte und die durch die Medien geschleift wurde.
gambio 24.05.2010
2. Wer wars denn nun ?
Vielleicht sollte man die Frage klären wer diese "Ikone" niedergestreckt hat.Wars ein vom CIA bezahlter Scharfschütze oder einer vom Mossad oder tatsächlich einer von Ahmadinedschads Leuten ? Die letztere Option wäre in den Augen des Irans sicher die Dümmste. Die Gesamtkonstruktion deses Falles erinnert wirklich zu sehr an gewollte Legendenbildung.Iranerin, Studentin, 26 Jahre attraktiv, will demonstrieren und kommt ums Leben, weil der böse Ahmadinedschad an der Macht ist.Schon hat man ein Fähnchen unter dem sich alle versammeln und gemeinsam gegen den Iran grollen können. Mehr als ein müdes Grinsen für diese mediale Seifenoper kann ich nicht empfinden.Gut inszeniert,thats all..
Helidorst 24.05.2010
3. Streit um tote iranishe Oppositionelle: " Neda würde sich im Grabe umdrehen"
Fakt ist und war: Ein junges Mädchen wird blutüberströmt inmitten einer Demonstration gefilmt. Sie stirbt mit weit geöffneten Augen, voll Entsetzen und Schmerz. Die Medien hatten ihren Hype und der Vorfall wurde in alle Richtungen hin total ausgeschlachtet. Kein Wunder, dass sich ihr "Verlobter" auch am Nachruhm beteiligen wollte, aus welchen Gründen auch immer. Das Gespenst der "Gier" macht auch vor Bluttaten nicht Halt. Und wenn "Spiegel-Online" nun plötzlich Reue über die Berichte um den Mann veröffentlicht, der mit Sicherheit ein Gauner ist, so ist der Zeitpunkt einfach viel zu spät gewählt. Zumindest ist es eine Warnung an die Medien: Weniger Boulevard um der Auflage willen, mehr Wahrheit!!! Wird das in den so hochgelobten Journalistenschulen nicht gelehrt?---Helidorst
elsalvador 24.05.2010
4. Fälschung!
Bis heute ist die echtheit des Videos vom Tode dieser vermeindlichen "Neda" nicht belegt. Vielmehr geben Szenen in denen sie sich diese diese rote Flüssigkeit aus einer Art Tube in den Mund füllt Anlass zum Zweifeln. (Sekunde 11-14) http://www.youtube.com/watch?v=vhYkrvXJtA8&feature=related
n01 24.05.2010
5. Nedas Tod
Zitat von elsalvadorBis heute ist die echtheit des Videos vom Tode dieser vermeindlichen "Neda" nicht belegt. Vielmehr geben Szenen in denen sie sich diese diese rote Flüssigkeit aus einer Art Tube in den Mund füllt Anlass zum Zweifeln. (Sekunde 11-14) http://www.youtube.com/watch?v=vhYkrvXJtA8&feature=related
Da ist nichts von einer Tube zu sehen. Hier http://www.youtube.com/watch?v=4DH9USpc9pM&feature=related sieht man, wie ihr Blut aus der Nase läuft in sek. 10-11. Aber mir ist das zu makaber, mich in sekundenangaben über den Tod eines Mädchens zu streiten. Darum belass ich es auch damit meinerseits. Klar wurde dies von den Medien ausgeschlachtet, ist doch logisch. Ist ja auch ein aufwühlendes Video von der Gewalt, die einem Menschen erfahren kann. Und dann noch live sterben. Ruhe in Frieden, Neda. n01
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