Strenge Kleiderordnung Wie der Schleier Ägypten erobert

Die Töchter kleiden sich strenger als die Mütter: Früher waren in Kairo kurze Röcke und nackte Haut normal - inzwischen hält eine strenge Variante des Schleiers Einzug: Der "Niqab" lässt nur einen Spalt für die Augen frei. Schuld an dem Trend, klagen Frauenrechtlerinnen, ist das Fernsehen.
Von Amira El Ahl

Kairo - Es klingelt zur großen Pause, und innerhalb von Minuten füllt sich der große Innenhof mit Hunderten von Mädchen. Es ist ein Meer aus weißen Kopftüchern, das sich im Hof der Al-Azhar-Mädchenschule in Maadi ergießt, einem feinen Kairoer Vorort.

Egal ob Grundschülerinnen oder Abiturientinnen, sie alle tragen Kopftuch. Nur die Farbe ihrer Uniform lässt erkennen, welcher Schulstufe sie angehören. Die Jüngsten tragen braun, die Mädchen der Oberstufe blau. Die Kleidung bedeckt Arme und Beine, meist lugt unter den langen, fließenden Röcken noch eine Hose hervor, damit beim Laufen nicht aus Versehen die Knöchel aufblitzen.

Drei Stadien der Verschleierung in Kairo: Die beiden Ägypterinnen auf der Linken tragen den "Khemar", ein Schleier, der wie ein Cape Schulter, Haar und Hals verhüllt - aber das Gesicht frei lässt. Die Frau rechts versteckt nur ihr Haar unter einem "Hijab". Die Variante in der Mitte, der "Niqab" lässt nur einen schmalen Spalt für die Augen frei - und hat in Ägypten die Debatte über den politischen Symbolgehalt des Schleiers wiederbelebt.

Drei Stadien der Verschleierung in Kairo: Die beiden Ägypterinnen auf der Linken tragen den "Khemar", ein Schleier, der wie ein Cape Schulter, Haar und Hals verhüllt - aber das Gesicht frei lässt. Die Frau rechts versteckt nur ihr Haar unter einem "Hijab". Die Variante in der Mitte, der "Niqab" lässt nur einen schmalen Spalt für die Augen frei - und hat in Ägypten die Debatte über den politischen Symbolgehalt des Schleiers wiederbelebt.

Foto: AP

Das Kopftuch gehört an einer Religionsschule wie der Al-Azhar zur Grundausstattung. Der "Hijab", das Kopftuch, so die Überzeugung der konservativen Religionsgelehrten, ist für jede Frau und jedes Mädchen Pflicht. So stehe es im Koran. Der Gesichtsschleier hingegen, im Arabischen "Niqab" genannt, ist ein umstrittenes Stück Stoff. In Ägypten war es so gut wie unbekannt, doch seit ein paar Jahren legen immer mehr Frauen den Niqab an, der nur einen Schlitz für die Augen offen lässt.

Auf dem Schulhof der Mädchenschule in Maadi, den ein großer Sandplatz mit zwei Fußballtoren am jeweiligen Feldende dominiert, erscheinen im Pausengedränge immer mehr Mädchen, deren Gesichter durch einen "Niqab" verdeckt sind. Aya und Minna, beide 17 Jahre alt, zwängen sich zwischen ihre Klassenkameradinnen, die gerade über die Vorschriften des Korans sprechen. "Der Hijab", sagt die 16-jährige Mona, "ist Fard - ein Muss im Islam." Jeder Frau sei das Tragen des Schleiers im Koran vorgeschrieben, da sind sich alle Mädchen einig. Alleine der "Niqab" sei eine persönliche Entscheidung. "Der 'Niqab' ist Sunna", erklärt Minna und zupft an ihrem Gesichtsschleier. Sunna ist eine Verhaltensweise im Sinne des prophetischen Vorbilds. Der "Niqab" ist somit "Nafl", ein gutes Werk, das willkommen ist, aber nicht im Koran vorgeschrieben wird.

Die 17-Jährige trägt seit sieben Jahren Gesichtsschleier. Ihr Vater ist Scheich an der Al-Azhar-Universität. Ihre Mutter sei keine "Munaqabba", wie die Niqab-tragenden Frauen in Arabischen genannt werden. Bei vielen der Mädchen ist das der Fall - die Mütter tragen zwar alle Kopftuch, doch oft entscheidet sich alleine die Tochter, den Gesichtsschleier anzulegen.

Früher waren in Kairo kurze Röcke und nackte Haut normal

Im Straßenbild ägyptischer Städte und Dörfer sind die "Munaqabaat" keine Seltenheit mehr. Der Gesichtsschleier ist meist schwarz, die darunter liegende Kleidung - die wie ein weites Kleid geschnittene Abaya und der darüber liegende Khimar, der Hals und Oberkörper bedeckt - sind meist olivfarben oder schwarz. Meist werden die Hände mit Handschuhen bedeckt, und auch Knöchel und Füße sollten vor unbefugten Blicken geschützt sein.

Dabei waren bis in die neunziger Jahre hinein die meisten Frauen in Ägypten noch ganz unverschleiert. Frauen, die das Kopftuch trugen, waren in der Minderheit, in allen Bevölkerungsschichten. Bis Mitte der achtziger Jahre war es gar normal, kurze Röcke in Kairo und Alexandrien zu tragen und nackte Arme zu zeigen. Religiosität definierte sich nicht über das Aussehen und die Kleidung.

Das hat sich mittlerweile drastisch geändert. Heute dominieren Frauen mit Kopftuch das Straßenbild überall in Ägypten, sogar in der sonst eher liberal ausgerichteten Hauptstadt. Durch alle Generationen und alle Bevölkerungsschichten hindurch tragen die Mädchen und Frauen Kopftuch. Die einen streng-konservativ, die anderen modern, bunt und zu eng anliegender Kleidung. Der Schleier gehört zum guten Ton. Sogar in die eher verruchte Welt des Showbiz drängt der Schleier ein, immer mehr Schauspielerinnen entscheiden sich für das Kopftuch - und gegen eine Karriere auf der Leinwand.

So wie Hanan Turk. Jahrelang war sie der Star des ägyptischen Film- und Fernsehgeschäfts, mit ihrer zierlichen Figur, der ebenmäßigen Haut und den rehbraunen Augen. Doch dann legte sie im vergangenen Jahr den Schleier an und zog sich aus dem Filmgeschäft zurück. Mittlerweile betreibt sie gemeinsam mit zwei Freundinnen einen Frisörsalon mit dem Namen "Sabaya - Veiled Beauty House". Eintritt haben nur Frauen, die Fenster sind mit Gardinen verhangen, um neugierige Blicke abzufangen.

Zwar haben Verschleierte wie Unverschleierte hier Zutritt, doch wer die Haare gemacht haben möchte, muss ein Kopftuch tragen. Ihr Glaube verbiete es ihnen, unverschleierten Frauen die Haare zu verschönern, erklären die drei Besitzerinnen. So stehe es in einer Hadith - einer Überlieferung des Propheten Mohammed, die jedoch keine der Damen zitieren kann. Auch die Augenbrauen zu zupfen sei nicht erlaubt, doch Wachs- und Nagelbehandlungen könnten Unverschleierte natürlich wahrnehmen, lassen die Damen ausrichten.

Die Zahl der religiösen TV-Sender wächst

Die Gründe für die schleichende Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft sind vielfach. Ein Grund ist die wachsende Zahl an religiösen Fernsehsendern in den Satellitenprogrammen. Da gibt es zum Beispiel "Kanaat al-Naas - der Sender für die Menschen". Dort sprechen Rechtsgelehrte über den Islam und den Koran, es werden Auslegungen erklärt und Fragen beantwortet. Auch Fatwas, sogenannte islamische Rechtsgutachten, werden erlassen. Auch "Iqra" ist ein beliebter Kanal. Benannt nach dem ersten Wort im Koran - "Lies" - wird dort ausschließlich der Koran rezitiert.

"In diesen Fernsehsendungen wird die wahhabitische Auslegung des Islam vertreten", sagt Soad Salih, Professorin für islamische Studien an der Al-Azhar-Universität, die älteste und höchste Lehrinstanz des sunnitischen Islams. Der Einfluss der Fernseh-Scheichs auf die Zuschauer sei enorm, sagt die Professorin. Vor allem auch deshalb, weil in Ägypten die Zahl der Analphabeten immer noch bei etwa 40 Prozent liegt. Dass immer mehr Frauen den Gesichtsschleier anlegen, liege auch an der wahhabitischen Auslegung des Korans in diesen Sendungen, sagt Salih. Dabei sei der "Niqab" nirgendwo im Koran erwähnt. "Nur ein eher unglaubwürdiger Ausspruch des Propheten (Hadith) spricht vom 'Niqab'. Im Koran wird der 'Niqab' nicht erwähnt."

Für solche Aussagen wird die Islamprofessorin von den mächtigen TV-Scheichs massiv angegriffen. "Aber ich habe keine Angst vor diesen Menschen", sagt Salih, "auch wenn sie mir vorwerfen, ich würde westliche Interessen vertreten." Ihrer Meinung nach wird der Einfluss der streng Konservativen weiter steigen. "Immer mehr Frauen werden den Niqab anlegen, weil sie Angst davor haben, den Fernseh-Scheichs zu widersprechen."

Gesichtsschleier stellen eine Gefahr für die Gesellschaft dar - in doppelter Hinsicht

Seit den siebziger Jahren nimmt der saudi-arabische Einfluss in Ägypten immer mehr zu. Der Ölboom bescherte dem Königreich einen wirtschaftlichen Aufschwung, der gleichzeitig auch zum politischen Aufstieg in der Region führte. Der Öl-Reichtum zog Tausende von ägyptischen Gastarbeitern auf die arabische Halbinsel. Die verdienten dort gutes Geld, das sie nach Jahren im Ausland genauso mit in die Heimat zurückbrachten wie die streng wahhabitische Ideologie. Der "Niqab" ist ein Merkmal dieser streng-konservativen Sichtweise des Islam. "Die Immigranten brachten das saudische Geld und die saudi-arabische Kultur mit in die ägyptische Gesellschaft", sagt Nihad Abu Al-Umsan.

Für die Leiterin des ägyptischen Zentrums für Frauenrechte ist der "Niqab" das Ergebnis politischer und nicht religiöser Ziele. Die Saudis seien seit dem Ölboom der siebziger Jahre darauf aus gewesen, sich als die Führer der Region zu etablieren. "Sie haben mit allen Mitteln versucht, ihre wahhabitische Ideologie zu verbreiten", erklärt die Frauenrechtlerin. Der "Niqab" sei ein Produkt des Wahhabismus und der Beduinenkultur. "Noch nicht einmal die ägyptischen Beduinen tragen einen 'Niqab'", sagt Abu Al-Umsan. Die Beduinen, Frauen wie Männer, schützen ihre Körper und Gesichter mit Tüchern einzig und allein gegen Sand und Sonne, religiöse Wurzeln habe diese Bekleidung nicht, erklärt die Ägypterin.

"Der Niqab entstammt einer vor-islamischen Tradition", bestätigt Islamwissenschaftlerin Soad Salih.

Iman ist 30 Jahre alt, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Seit sieben Jahren trägt sie den "Niqab", der nur ihre hübschen braunen Augen erkennen lässt. Zu Hause habe sie zwar Satellitenempfang, aber nur der religiösen Programme wegen. "Alles andere ist haram - verboten", sagt die "Munaqabba". Genau wie Musik zu hören und jegliche andere Form der Unterhaltung.

"Es ist schrecklich heiß und langweilig hier drunter"

Doch nicht nur der Religion wegen trage sie den Gesichtsschleier. "Ich fühle mich so besser geschützt auf der Straße", sagt die 30-Jährige.

Für Fatma war der Schutz vor sexuellen Übergriffen sogar der Hauptgrund für die Wahl des "Niqab". Die 31-Jährige steht in einer kleinen Seitenstraße im Zentrum Kairos und verkauft Schmuck an Passanten. Sie wollte für die Familie Geld dazu verdienen. Ihr Mann stimmte zu - unter der Voraussetzung, dass sie den "Niqab" anlegen würde. Sie selbst sei vom "Niqab" nicht überzeugt, ganz im Gegenteil. "Er stört mich immens, und es ist schrecklich heiß und langweilig hier drunter." Immer noch trage sie gerne Make-up und Jeans, unter ihrem langen Rock und dem Gesichtsschleier.

Doch der Unterschied in Bezug auf die sexuelle Belästigung sei enorm, räumt Fatma ein. "Mit 'Niqab' wird man von den Männern einfach nicht mehr beachtet."

Um sexuelle Belästigung auf den Straßen zu bekämpfen, sei der "Niqab" das falsche Mittel, sagt Frauenrechtlerin Nihad Abu Al-Umsan. "Dieses Argument wird als Druckmittel der Konservativen benutzt." Doch statt sich unter einem Schleier zu verstecken und sich von der Gesellschaft zu isolieren, sollten Frauen auf ihr Recht bestehen, sich ungestört von männlicher Anmache, verbaler sowie physischer, auf den Straßen Ägyptens zu bewegen. "Das ist ein grundsätzliches Recht für jeden Bürger und wir sollten endlich die Strafverfolgung derer durchsetzen, die Frauen belästigen."

"Wie kann ich wissen, wer unter dem Schleier ist?"

Denn der "Niqab" stellt auch ein Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft dar. "Wie kann ich wissen, ob sich unter dem Gesichtsschleier eine Frau oder vielleicht doch ein Mann befindet?", fragt Abu Al-Umsan. Als Frauenrechtsorganisation vertreten Abu Al-Umsan und ihre Mitstreiterinnen zwar die Persönlichkeitsrechte der Frauen. Aber gleichzeitig sei das öffentliche Recht auf Sicherheit unumgänglich. "Es ist von zentraler Bedeutung, Menschen identifizieren zu können", sagt die Frauenrechtlerin. Mit einem bis auf die Augenpartie komplett verhüllten Menschen sei Kommunikation so gut wie unmöglich.

Gerade öffentliche Institutionen in Ägypten müssen sich mit dem Sicherheitsfaktor immer konkreter befassen. An der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC) wird die Problematik des Gesichtsschleiers seit 2001 diskutiert. Damals wurde die Universität das erste Mal mit einer Studentin konfrontiert, die mit Gesichtsschleier den Campus betreten wollte. Zwar handelte es sich nur um eine Gaststudentin, die in der Bibliothek der Universität Recherche betrieb. Trotzdem sah sich die Universitätsleitung dazu gezwungen, zu handeln. "Wir entschieden uns, den Gesichtsschleier grundsätzlich in der AUC zu verbieten", erzählt Ashraf Al-Fiqi, Vizepräsident für Studentenangelegenheiten. Wer "Niqab" trug, musste ihn am Eingang ablegen.

Doch die Entscheidung hatte Folgen. Die Studentin zog vor Gericht, um für ihr Recht zu kämpfen, den Gesichtsschleier immer und überall tragen zu können. Der Streit ging durch alle Instanzen, im vergangenen Jahr fiel dann das Urteil: Die Universität darf keinem Studenten das Recht verweigern, das Gelände zu betreten, auch nicht aufgrund eines Gesichtsschleiers.

Aber das Gericht machte auch klar, dass die Universität die Pflicht hat, für die Sicherheit ihrer Studenten zu sorgen und damit das Recht hat, jederzeit die Identität ihrer Studenten zu überprüfen. Die Sicherheitskräfte an den Eingängen zum Universitätsgelände sowie die Lehrer sind immer befugt, eine Gegenprobe zu machen. Denn wer weiß, ob das Gesicht auf dem vorgezeigten Ausweis auch dem unter dem Schleier entspricht. "Das Gericht hat erklärt, das sich die Frauen an die Universitätsregeln halten müssen", sagt Al-Fiqi. "Wir müssen sicher gehen, dass während Prüfungen, in unseren Labors und im Studentenwohnheim nur Berechtigte Zutritt haben."

Bisher hat das Urteil an der AUC jedoch keine Anwendung gefunden. Zurzeit gibt es unter den mehr als 5000 Studenten keine einzige Munaqabba. "Ich glaube auch nicht, dass eine Munaqabba bei uns an der richtigen Universität wäre", gibt Al-Fiqi zu Bedenken. Denn die liberale Erziehung an einer amerikanischen Universität verträgt sich kaum mit der streng konservativen Ideologie der Wahabiten und deren Anhängern.