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Konferenz in Dubrovnik: Kampf gegen Streubomben

Foto: Till Mayer

Ächtung von Streubomben Kämpfer ohne Hände und Beine

Die Munition einer Nato-Streubombe riss Branislav Kapetanovic Hände und Beine ab. Jetzt widmet er sein Leben der Ächtung der grausamen Waffe. Doch auch eine Konferenz in Dubrovnik bringt den Mann in seinem Kampf nur ein kleines Stück weiter.

Auf dem Gemälde schmiegt sich Branislav Kapetanovic an den Löwen. Er drückt sich gegen die Mähne, die Beine leicht angewinkelt, die Hände im Gras aufgestützt. Im Gesicht ein entspanntes Lächeln. Ein paradiesisches Bild über die ganze Wohnzimmerwand in seiner kleinen Belgrader Wohnung. Ein Freund hat es gemalt.

Das mit dem Löwen passt gut zu dem 49-jährigen Kämpfer Kapetanovic. Für den Maler gehörte ein Detail ins Bild, das heute nicht mehr stimmt: Der Porträtierte hat keine Hände mehr, auch die Beine hat die Submunition einer Streubombe abgerissen, am 9. November 2000. Heute kämpft Kapetanovic weltweit für die Ächtung dieses menschenverachtenden Waffensystems.

Als der Sprengsatz explodierte, brauchte sich Branislav Kapetanovic nicht vorzuwerfen, einen Fehler gemacht zu haben. Bei der jugoslawischen Armee galt er als absoluter Sprengstoffexperte: Korrekt, organisiert, bedacht, erfahren. An vielen Orten in Serbien hatte er 1999 nach den Nato-Luftschlägen Blindgänger entschärft. In der serbischen Stadt Nis erlebte er sogar einen Angriff mit. Blut, Tote, Verstümmelung, Trauer: Kapetanovic war schockiert.

Im Jahr darauf forderten Streubomben ein weiteres Opfer: Der Entschärfer bog auf dem Militärflughafen Dubinje vorsichtig das hohe Gras zur Seite. Die Submunition der in der USA produzierten Streubombe CBU 87  lag da in strahlendem Gelb. Die Explosion zerfetzte Arme und Beine von Branislav Kapetanovic, die Chirurgen müssen amputieren.

"Früher habe ich Bomben entschärft. Jetzt will ich auf eine andere Weise dafür sorgen, dass sie nicht mehr töten", sagt Kapetanovic heute. Er ist aus Belgrad nach Dubrovnik gereist, aus seiner bescheidenen Wohnung im Wohnblock aus Titos Zeiten in das schicke Konferenzhotel Valamar Lacroma. Dort findet derzeit die Dubrovnik Review Conference  statt, die erste Überprüfungskonferenz der Streubomben-Konvention, der sogenannten Oslo-Konvention. Rund 100 Staaten, darunter die Bundesrepublik, sind beigetreten. Der 49-Jährige ist ein Sprecher der Cluster Munition Coalition. Weltweit ist er dabei unterwegs, im Gespräch mit ranghohen Politikern, Juristen und Militärs.

Vier Jahre im Militärkrankenhaus

Jetzt beobachtet er vom Elektrorollstuhl aus, wie Ballerina Deana Gobac auf der Konferenz tanzt. 1995 überlebte sie mit anderen Tänzerinnen des Nationalballetts in Zagreb den Beschuss mit Streumunition. Bei der Konferenz tritt sie im Rahmen eines Inklusionsabends, den die Organisation Handicap International  gemeinsam mit der deutschen und der kroatischen Regierung vorbereitet hat, mit acht anderen Künstlern mit und ohne Behinderung auf. Im Anschluss zeigen die Sportler von "Oki Split", einige von ihnen kriegsversehrt, wie professioneller Sitzvolleyball aussieht. Die Fotoausstellung "Barriere:Zonen" erzählt, wie Menschen mit Behinderung den Folgen des Kriegs die Stirn bieten.

Für Kapetanovic ist das mehr als nur ein netter Abend für Konferenzteilnehmer. "Inklusion der Explosionsüberlebenden, dass gehört ebenfalls zur Konvention. Ein wichtiges Thema", erklärt der 49-Jährige. Er weiß wie kein anderer, warum: Vier Jahre lag er nach seiner Verwundung in einem Militärkrankenhaus. Schritt für Schritt bereiteten die Ärzte ihren Patienten auf sein Leben außerhalb der Klinikmauern vor. Doch sein Leben im Alltag traf ihn nach der Klinikentlassung trotzdem wie ein Schlag ins Gesicht: Der Obstverkäufer, der ihn nicht sehen will, als er im Rollstuhl an seinem Stand steht. Betretene Blicke, wenn er kommt. Das Gefühl, seine Familie zu belasten.

Kapetanovic sieht nach vorne. Es gibt Vorzeigbares im Kampf gegen Streubomben: In den vergangenen vier Jahren wurden weltweit mehr als 255 Quadratkilometer von Blindgängern gesäubert. Seit der Erstunterzeichnung des Abkommens 2008 haben 27 Staaten mehr als 160 Millionen Stück Submunition aus ihren Lagerbeständen beseitigt. Die Bundeswehr hat ihre Streumunitionen niemals zum Einsatz gebracht und wird alle Bestände bis Ende 2015 vernichtet haben - drei Jahre vor Ablauf der Frist, die in der Konvention gesetzt ist.

Ganze Landstriche auf Jahrzehnte kontaminiert

Doch wie gehen Unterzeichner der Konvention mit Bündnispartnern und befreundeten Nationen um, die das Waffensystem nicht ächten, es sogar produzieren und verwenden? Beispielsweise der Produzent USA (und Israel). Oder Saudi-Arabien, das gerade US-Streubomben im Jemen wirft.

Folgt keine klare Verurteilung, am besten mit völkerrechtlichen Konsequenzen, fehlt ein wichtiger Baustein in der Ächtung des Waffensystems. Dubrovnik, damit muss der Bombenbekämpfer aus Belgrad leben, wird keinen Durchbruch bringen. Es wird zwar eine starke politische Erklärung verabschiedet, die jeden Streubombeneinsatz verurteilt, aber Großbritannien, Australien und Kanada bleiben außen vor. Wohl nicht zuletzt aus Rücksichtnahme auf Bündnispartner USA.

Für Kapetanovic geht es schlicht um Menschenleben: Laut Streubombenmonitor  detonierten zwischen Juli 2014 und Juli 2015 Streubomben in Libyen, Syrien, im Sudan, in der Ukraine und im Jemen. Die meisten Opfer stammen aus Syrien: 1968 Menschen starben dort zwischen 2012 und 2014 durch diese Waffen, oder sind heute versehrt. Laut Monitor sind 92 Prozent der zwischen 2010 und 2014 gezählten Opfer Zivilisten, die Hälfte Kinder. Durch die hohe Blindgängerquote (bis zu 30 Prozent) der Submunition sind zudem ganze Landstriche auf Jahrzehnte kontaminiert. Wie in Laos: Dort stecken noch über 80 Millionen Sprengsätze aus dem Vietnamkrieg im Boden.

Branislav Kapetanovic würde manchmal am liebsten wie der Löwe auf seiner Wohnzimmerwand brüllen. Aber bei den hohen Tieren, das hat er gelernt, braucht es Beharrlichkeit.

jkr

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