Studie Ärzte warnen vor atomaren Bunkerknackern

Unterirdische Depots für chemische und biologische Kampfstoffe gehören zu den wichtigsten Zielen der US-Army im Irak-Krieg. Doch die gut geschützten Anlagen können womöglich nur mit nuklearen bunkerbrechenden Bomben zerstört werden. In einer noch unveröffentlichten Studie warnt die Ärzte-Organisation IPPNW jetzt eindringlich vor dem Einsatz dieser Waffen.

Von Domenika Ahlrichs


Emblem der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW): Warnung vor der unterirdischen A-Bombe

Emblem der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW): Warnung vor der unterirdischen A-Bombe

Berlin - Fred Celec, ein hochrangiger Mitarbeiter von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, redet nicht um den heißen Brei herum. Als er kürzlich gefragt wurde, wie die USA unterirdische Chemie- oder Biowaffen-Depots im Irak zerstören könnten, sagte er: "Die einzige Möglichkeit, solche Ziele zu bekämpfen, sind nukleare, erddurchdringende Waffen."

Und genau solche Waffen, befürchtet die Ärzte-Organisation IPPNW (Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs) könnten im jetzt begonnen Irak-Krieg zum Einsatz kommen. Nach Informationen der IPPNW verfügen die USA über mindestens 50 solcher Nuklear-Raketen, die von Bombern abgefeuert werden und erst tief unter der Erde detonieren sollen. Bei diesen so genannten "Bunkerknackern" (bunker busters) handele es sich um Modifikationen von B-61-Bomben aus dem bestehenden US-Waffenarsenal.

Nukleardoktrin ermöglicht den Einsatz

AP
Nach der im Januar 2002 vorgestellten neuen amerikanischen Nukleardoktrin "Nuclear Posture Review" behält sich die US-Regierung ausdrücklich das Recht eines Präventivschlags mit Atomwaffen vor. Das Dokument nennt fünf Länder als potenzielle Ziele für US-Nuklearwaffen, darunter den Irak. Das Atomwaffenarsenal der Vereinigten Staaten könnte demnach sowohl zur Abschreckung als auch als Antwort auf jeglichen Einsatz von ABC-Waffen eines feindlichen Staates eingesetzt werden. Um "die Welt vom Bösen zu befreien", nehme er sich "das Recht, gegen heraufziehende Bedrohungen zu handeln, bevor sie voll ausgeformt sind", sagt US-Präsident George W. Bush. Auch einen Einsatz von Atomwaffen schließt er nicht aus, wenn es darum geht, Amerika vor der terroristischen Bedrohung zu schützen.

Die Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs warnen eindringlich vor den Folgen des Einsatzes der neuartigen, unterirdisch detonierenden Atombomben. "Damit würden die Amerikaner Zehntausende ziviler Opfer in Kauf nehmen", sagt die Atomwaffenexpertin der Organisation, Xanthe Hall. Nach IPPNW-Informationen mehren sich jedoch nicht nur die Anzeichen dafür, dass die USA die schon vorhandenen nuklearen Bunkerbrecher einsetzen könnten. Es sei auch zu befürchten, dass das Land den Irak-Krieg nutze, um eine neue Generation solcher Raketen zu testen.

Weil bisherige erdeindringende Atomwaffen nur relativ weichen Boden durchdringen können, hat das Pentagon in einem geheimen Bericht an das US-Repräsentantenhaus im Dezember 2001 deshalb die Entwicklung einer neuen Atomwaffe mit niedriger Sprengkraft vorgeschlagen, die dank härterer Umhüllung tiefer in die Erde eindringen kann. Das amerikanische Energie-Ministerium bittet im Etat für 2003 um die Finanzierung einer solchen nuklearen Rakete mit verstärkter Ummantelung. Die Produktion dieser neuen Generation erdeindringender Atomwaffen befinde sich inzwischen im Forschungsstadium, heißt es in der IPPNW-Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

"Genau für solch einen Zweck entwickelt"

Die Ärzte-Organisation hält für möglich, dass die USA diese im Irak-Krieg gegen Bunker testen, in denen chemische und biologische Kampfstoffe vermutet werden. "Sie haben die neue Generation genau für solch einen Zweck entwickelt", sagt Xanthe Hall. Nun wolle sie das Militär vermutlich auch einsetzen.

Aus Sicht der Befürworter haben die "Bunkerknacker" einen Vorteil: Die unterirdische Explosion verhindere Schäden an der Oberfläche, heißt es aus US-amerikanischen Regierungs- und Militärkreisen. Die Rede ist von "minimalen Kollateralschäden." In ihrer Studie zeichnen die Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs aber ein anderes Bild.

"Das Risiko zehntausender ziviler Strahlenopfer"

"Schon eine Atomwaffe mit sehr geringer Sprengkraft bringt beim Einsatz in dicht besiedeltem Gebiet das Risiko zehntausender ziviler Strahlenopfer", heißt es darin. Die Bombe könne unmöglich tief genug in die Erde eindringen. Wie Versuche im Atomtestgebiet von Nevada gezeigt hätten, müsse eine solche Atomwaffe mindestens 100 Meter unter der Erdoberfläche vergraben und sorgfältig versiegelt werden. Erst dann könne die bei der Detonation entstehende Radioaktivität vollständig vom Erdreich absorbiert werden.

Nach Berechnungen von IPPNW würde jedoch selbst ein Flugkörper aus den härtesten Stahlsorten bei der dazu notwendigen Geschwindigkeit beim Aufprall zerstört. Das Vierfache der Länge einer solchen Rakete gilt der Studie zufolge als die maximal erreichbare Tiefe. Die Ärzte gehen von höchstens zwölf Metern aus und folgern: "In dieser Tiefe wird die Explosion unweigerlich die Erdoberfläche aufreißen und Radioaktivität in Form von Staub und Trümmern herausschleudern."

Der amerikanische Physiker Robert Nelson, einer der Ko-Autoren der Studie, warnt: "Wenn die Explosion nicht sehr tief stattfindet, ist die Menge an radioaktivem Staub sogar noch größer als bei einer atmosphärischen Detonation."

Verletzungen, Masseninfektionen, Panik

Ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern sei davon betroffen. Jeder, der sich länger als ein paar Stunden in diesem Bereich aufhalte, sterbe an der Strahlendosis. Auch wem es gelinge, schnell zu flüchten, trage erhebliche Verletzungen davon.

Die Liste der Gesundheitsschäden ist lang und reicht von Erbrechen, Durchfall, schwerer Anämie und Blutungen bis zur Krebserkrankung. IPPNW prognostiziert für den Fall des Einsatzes solcher Waffen Masseninfektionen der ohnehin durch Nahrungsmittelknappheit geschwächten irakischen Bevölkerung.

Zudem befürchtet die Ärzte-Organisation eine hohe Zahl von Opfern, weil geordnete Evakuierungen während Bombardements unmöglich seien. Der Einsatz nuklearer Sprengkörper gegen unterirdische Bunker in der Nähe dicht besiedelter Gebiete werde von zeitgleichen konventionellen Luftangriffen begleitet. "Eine solche Kombination steigert die Panik unter den Menschen."

"Biologische und chemische Kampfstoffe würden frei"

Nach IPPNW-Analysen sprechen jedoch nicht nur die Strahlenschäden gegen den Einsatz von Atomwaffen auf irakische Lagerstätten. Selbst das erklärte Ziel, die Vernichtung dort aufbewahrter Gefahrenstoffe, sei nicht gewährleistet. Das Gegenteil sei der Fall. "Ein Atomangriff würde eher vorhandene biologische und chemische Kampfstoffe freisetzen", sagt Nelson.

Das Argument der Anti-Atomkrieg-Organisation: Moderne Bunker aus langen, komplexen Tunnelsystemen schwächen unterirdische Explosionen ab. Behälter platzen, ohne dass die in ihnen gelagerten Stoffe zerstört werden. Stoffe gelangen in die Atmosphäre, wodurch die Zivilbevölkerung in einem großen Gebiet in Windrichtung getötet werden könnte. Zumindest das müsse selbst Befürworter der Bunkerknacker überzeugen, findet Xanthe Hall. Am Donnerstag stellt IPPNW die Studie in Washington vor.



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