Hamburg - Aids, Armut, Analphabetentum - die Lage in Afrika ist vielerorts nach wie vor katastrophal. Dabei könnte das ganz anders sein: Einer neuen Studie von Hilfsorganisationen zufolge liegt ein Hauptgrund für die Misere darin, dass sich ein großer Teil des Kontinents kostspielige Kriege leistet, anstatt die knappen Mittel für die Bekämpfung der dringendsten humanitären Probleme zu verwenden.
Rund 211 Milliarden Euro haben Bürgerkriege und gewaltsame Konflikte den Kontinent zwischen 1990 und 2005 gekostet. Das entspricht ungefähr der Summe an internationaler Entwicklungshilfe, die in derselben Zeit an afrikanische Regierungen geflossen ist - das geht aus einer Untersuchung der Nichtregierungsorganisationen hervor. 23 von 53 Staaten seien in diesem Zeitraum in Konflikte verwickelt gewesen, die ihre Entwicklung behinderten. "Afrikas verlorene Milliarden" wurde von Oxfam International, dem Internationalen Aktionsbündnis gegen Kleinwaffen und Saferworld präsentiert.
Die drei Organisationen versuchen erstmals, die Auswirkungen der Kriege mit Millionen Toten auf das afrikanische Bruttoinlandsprodukt zu berechnen. "Die Ausgaben sind schockierend", sagte der Oxfam-Experte für afrikanische Politik, Irungu Houghton. "Unsere Zahlen sind ziemlich sicher eine Unterschätzung, aber sie zeigen, dass Konflikte die afrikanischen Wirtschaften durchschnittlich zwölf Milliarden Euro pro Jahr kosten."
Die wirklichen Zahlen dürften schon alleine deshalb deutlich höher liegen, weil keine Daten aus Somalia in die Untersuchung eingegangen sind - verlässliche Statistiken aus dem Land gibt es nicht. Seit 1991 herrscht in Somalia Bürgerkrieg.
Mit den Geldern ließen sich die Aids-Krise beilegen, Malaria und Tuberkulose wirksam bekämpfen sowie sauberes Wasser, Sanitäranlagen und Bildung zur Verfügung stellen, sagte Houghton. Die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf schrieb in einem Vorwort für die Studie: "Afrika kann es sich nicht leisten, dieses Geld zu verlieren."
Der Bericht zeigt außerdem: Im Vergleich zu friedlichen Ländern kommt es in den afrikanischen Staaten mit bewaffneten Konflikten zu einer 50 Prozent höheren Kindersterblichkeit, 15 Prozent mehr Menschen sind unterernährt und die Lebenserwartung reduziert sich um fünf Jahre. 20 Prozent mehr Menschen sind Analphabeten, es gibt 2,5 Mal weniger Ärzte pro Patient und 12,4 Prozent weniger Nahrungsmittel pro Person. Durchschnittlich schrumpft die Wirtschaftsleistung der afrikanischen Länder während eines Konflikts um 15 Prozent.
George Ayittey, ein Ökonom aus Ghana, nannte die Studie gegenüber der Nachrichtenagentur AP "vernünftig". Der Forscher von der American University in Washington war nicht an der Untersuchung beteiligt. Ayittey hatte in seinem 2006 erschienenen Buch "Africa Unchained" (Das entfesselte Afrika) den jährlichen Schaden für Afrika durch Kriege auf 11 Milliarden Euro geschätzt.
Die aktuelle Studie weist allerdings auch darauf hin, dass der weltweite Handel an Handfeuerwaffen die Kämpfe in Afrika beflügelt. Etwa 95 Prozent der dabei verwendeten Waffen seien importiert.
Die Autoren der Studie sprechen zudem die Ironie ihrer Erkenntnisse an. Für die Kriege Afrikas gebe es vor allem einen Grund: Weil es den meisten Menschen dort so schlecht gehe. Deshalb müsse dieser tödliche Kreislauf unterbrochen werden.