Studie in acht Ländern Europa der Intoleranten

Rechtspopulisten haben es in Europa leicht: In acht EU-Staaten haben Forscher die Menschen nach ihrer Zustimmung zu intoleranten Aussagen gefragt. Ein Drittel sieht eine natürliche Hierarchie zwischen Völkern, die Hälfte lehnt den Islam ab und eine Mehrheit ist sexistisch.
Niederländischer Islam-Kritiker Geert Wilders: Neue Studie warnt vor Diskriminierung

Niederländischer Islam-Kritiker Geert Wilders: Neue Studie warnt vor Diskriminierung

Foto: PETER DE JONG/ AFP

Hamburg - "Wir werden uns gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren - bis zur letzten Patrone", so donnerte CSU-Chef Horst Seehofer am Donnerstag in Passau vor seinen Parteifreunden. Bei vielen Menschen macht er sich damit nicht unmöglich, sondern beliebt. Mindestens Populismus muss sich Seehofer unterstellen lassen. In welchem Ausmaß übertriebener Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit bei den Deutschen auf Zustimmung stößt, hat im Oktober eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) gezeigt. Unter anderem stellten die Forscher eine erschreckend hohe Intoleranz gegenüber Muslimen fest.

Nun liegen erstmals vergleichbare Zahlen aus acht europäischen Ländern vor. Am Freitag stellte die FES die neue Studie "Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung" in Berlin vor. Die Bielefelder Wissenschaftler Andreas Zick, Beate Küpper und Andreas Hövermann stützen sich auf ausführliche, repräsentative Befragungen von jeweils 1000 Menschen in Deutschland, England, Frankreich, Niederlanden, Italien, Portugal, Polen und Ungarn.

"Zuwanderer, die hier leben, bedrohen meine persönliche Lebensweise und meine Werte", ist dann auch kein Spruch von Horst Seehofer zum politischen Aschermittwoch, sondern eine der Aussagen, zu denen die Befragten den Grad ihrer Zustimmung angeben sollten. Das Ergebnis der FES-Studie: Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, abwertende Einstellungen und Vorurteile gegenüber als "fremd" oder "anders" Empfundenen, ist in Europa weit verbreitet.

Große Einigkeit bei Islamfeindlichkeit

In den Niederlanden stießen die abwertenden Aussagen auf die geringste Zustimmung, in Polen und Ungarn auf die größte. Für Fremdenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Rassismus ermittelt die FES-Studie nur geringfügige Unterschiede zwischen den Ländern. Deutliche Unterschiede fanden die Forscher bei den Ausmaßen von Antisemitismus, Sexismus und Homophobie. Die Europäer vereint offenbar die Ablehnung von Fremden: "Rund die Hälfte aller europäischen Befragten ist der Ansicht, es gebe zu viele Zuwanderer in ihrem Land", heißt es in der Studie.

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Grafiken: Zustimmung zu intoleranten Aussagen in Europa

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Rund die Hälfte verurteile den Islam pauschal als Religion der Intoleranz - ein Ausmaß, bei dem auch die Niederlande keine Ausnahme bildet. "Hier zeigt sich deutlicher gesellschaftspolitischer Handlungsbedarf", so Andreas Zick. Selbst in den osteuropäischen Ländern, in denen der Anteil der Muslime an der Bevölkerung gering ist, herrschen Vorurteile und Ablehnung. Der Islam stehe unter Generalverdacht. Vor allem in Deutschland und Polen erklärt eine Mehrheit, dass der Islam nicht mit der eigenen Kultur kompatibel sei.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die abwertenden Einstellungen handfeste Folgen haben können. Wer bereit ist, Menschen aufgrund ihrer Herkunft abzuwerten, sei mit größerer Wahrscheinlichkeit ebenso bereit, sich gegen Integration auszusprechen, Einwanderern die politische Teilhabe zu verweigern, sie zu diskriminieren oder sogar mit Gewalt zu begegnen.

Mehrheit für klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau

Antisemitismus

Auf antisemitische Vorurteile reagierten die Befragten in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich, so ein Ergebnis der Studie. In Polen und Ungarn ist weit verbreitet. 69,2 Prozent der in Ungarn Befragten glauben, dass "Juden zu viel Einfluss ausüben", in Polen waren es 49,9 Prozent. In Italien und Frankreich sind antisemitische Einstellungen demnach weniger weit verbreitet als im Durchschnitt, in Großbritannien und den Niederlanden ist die Ausprägung am geringsten.

Zustimmung zu ausgewählten Fragen

Frage D GB F NL I PT PL HU
Was ein Land am meisten braucht, ist ein starker Mann an der Spitze, der sich weder um das Parlament noch Wahlen schert. 32,3 41,8 43,2 23,1 38,2 62,4 60,8 56,5
Untergeordnete Gruppen sollten an ihrem Platz bleiben. 19,4 13,2 6,7 15,6 26,9 23,9 24,9 28,5
Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen. 52,7 53,2 57,0 36,4 63,2 67,9 87,2 88,4
Es gibt zu viele Muslime im jeweiligen Land. 46,1 44,7 36,2 41,5 49,7 27,1 47,1 60,7
Manche Kulturen sind anderen klar überlegen. 41,6 20,1 29,4 37,9 28,6 61,3 49,4 38,5
Zuwanderer, die hier leben, bedrohen meine persönliche Lebensweise und meine Werte. 9,9 18,6 14,7 12,2 17,3 15,4 5,8 28,6
Zustimmung zu der Frage in Prozent. Die Länder lassen sich untereinander nur eingeschränkt vergleichen. Quelle: FES 2011

Wer Ehen zwischen Menschen heller und dunkler Hautfarbe ablehnt und mit dem Unterschied der Hautfarbe eine "natürliche" Hierarchie begründet, den zählt die Studie als Rassisten. 30,5 Prozent der Menschen in Deutschland finden, dass es eine "natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Völkern" gibt - mit Ausnahme von Italien (18,7 Prozent) fällt dieser Wert in den anderen Ländern noch höher aus, in Portugal, Polen und Ungarn am höchsten. Auf die Heiratsfrage reagierten die Europäer weit weniger ablehnend.

"Frauen an den Herd" ist nicht nur eine sexistische Aussage, sondern Konsens in Ungarn, Polen und Portugal. Auch in Deutschland, Großbritannien und Frankreich sprach sich eine Mehrheit der Befragten dafür aus, dass Frauen ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen sollten - die Ausnahme bilden die Niederlande. Eine Mehrheit will die Ehe Mann und Frau vorbehalten und lehnt gleichgeschlechtliche Ehen ab - knapp 88,2 Prozent der Polen, rund zwei Drittel der Portugiesen, Italiener und Ungarn, zwischen 40 und 50 Prozent in den übrigen Ländern. Die Ausnahme ist - wieder einmal - die Niederlande mit 17 Prozent.

"Der Populismus beschimpft, der Extremismus bekämpft"

Ausdrücklich warnt die Studie vor einer Zunahme des Rechtspopulismus. Viele Menschen seien nicht grundsätzlich an Politik desinteressiert, fühlten sich aber von den Politikern alleingelassen. Die Klagen dieser Menschen richteten sich aber nicht gegen die etablierten Parteien, sondern gegen Zuwanderer, Muslime und schwache Gruppen in der Gesellschaft. Die vielfach geäußerte Ablehnung von Vielfalt müsse als Gefahr für die Demokratie ernst genommen werden, so die Autoren.

Rechtsextremismus

Die weit verbreiteten Vorurteile, die in allen Ländern der Europäischen Union zu beobachten seien, ermöglichen Rechtspopulismus und , so die Studie: "Der Populismus beschimpft, der Extremismus bekämpft." So seien Rechtspopulisten überall dort erfolgreich, wo sie ihre Gewaltneigung verbergen und an die Vorurteile und Ängste von Menschen anknüpfen können. Die Sarrazin-Debatte ist kein auf Deutschland beschränktes Problem, sondern Ausdruck einer in Europa verbreiteten Gemütslage, auf die Politiker eine Antwort finden müssen.

Die Abwertung und Ausgrenzung von Anderen sei vor allem kein Phänomen von politischen Randgruppen, sondern finde sich auch in der Mitte der Gesellschaft. Somit dokumentiere ihre Studie nicht nur bestehende Vorurteile, sondern nenne Ängste und Befürchtungen der europäischen Mehrheitsbevölkerung, schreiben die Autoren. Populisten würden damit die Diskriminierung und Ausgrenzung von Minderheiten rechtfertigen. Die Schlussfolgerung der Forscher: Gleichwertigkeit müssen zum zentralen Anliegen in Europa werden.

ore
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