Sturm auf Bagdad Blutige Kämpfe um den Flughafen

US-Streitkräften ist es offenbar gelungen, den internationalen Flughafen in Bagdad zu erstürmen. Die Iraker haben sich Meldungen zufolge komplett zurückgezogen. Korrespondenten berichten von "Haufen toter Körper".


Ziel der Alliierten: Der Flughafen in Bagdad
AP

Ziel der Alliierten: Der Flughafen in Bagdad

Bagdad/Camp Lejeune - Der Flughafen von Bagdad ist nach Meldungen der Nachrichtenagentur AP in der Hand der US-Streitkräfte. Irakische Truppen hätten sich zurückgezogen, heißt es unter Berufung auf Unteroffiziere der 3. Infanteriedivision. Diese hatte sich nach Angaben von Reuters am Flughafen einzelne Kämpfe mit wenigen Irakern geliefert. Der US-Fernsehsender ABC und der britische Sender SkyNews hatten zuvor berichtet, die 3. US-Infanteriedivision sei am späten Donnerstagabend am Saddam International Airport angekommen. Beide Sender sind mit den alliierten Truppen unterwegs.

Die irakischen Truppen hätten keinen nennenswerten Widerstand geleistet, hieß es. Der Flughafen sei mittlerweile durch Panzer und gepanzerte Fahrzeuge gesichert. Der Flughafen gilt als strategisch wichtig für die Alliierten: Von dort aus hätten sie die Lufthoheit über den gesamten Irak und könnten Versorgung und Nachschub der Truppen sichern.

Keine Bestätigung der Flughafen-Eroberung

Das Pentagon bestätigte Berichte von der gelungenen Eroberung des internationalen Flughafens zunächst nicht. Auch ein Sprecher des Zentralkommandos in Katar wollte die Angaben am frühen Freitag nicht bestätigen. Die Militäroperation dauere an.

Reuters zitiert Oberst-Leutnant Vincent Quarles mit der Aussage, es werde trotz geringen Widerstands durch irakische Truppen "einige Zeit dauern, den Flughafen zu sichern". Iraker hätten sich am Flughafen eingegraben.

Offenbar aus Richtung des Flughafens waren nach Angaben des Reuters-Korrespondenten gegen Mitternacht rund 20 laute Detonationen zu hören.

Ein Korrespondent des US-Senders CNN berichtete unterdessen, Autos mit Lautsprechern führen durch die Straßen Bagdads, um die Bevölkerung über die Kämpfe am Flughafen zu informieren. Die Menschen würden aufgerufen, sich dorthin zu begeben. Zahlreiche seien der Aufforderung gefolgt. Der Korrespondent sagte, der Grund für dieses Vorgehen sei bisher nicht zu erkennen.

Mehr als 120 Menschen verwundet

Der Saddam International Airport liegt rund 16 Kilometer vom Zentrum entfernt. Anwohner berichteten zuvor von einem Raketenangriff auf den Ort Furat. Mehr als 120 Menschen seien verwundet worden. Furat liegt zwischen dem Flughafen und der irakischen Hauptstadt.

In irakischen Regierungskreisen war von insgesamt 83 Toten die Rede, was allerdings von unabhängiger Seite nicht bestätigt wurde. "Wir haben einen Haufen toter Körper bei einem der vier Krankenhäuser gesehen, in das die Opfer gebracht worden waren. Die meisten schienen zum Militär zu gehören", sagte ein Reuters-Korrespondent. Die US-Division hatte den Flughafen nach vierstündigen Gefechten vom Westen aus erreicht. Dabei wurde mindestens ein Soldat durch Feuer aus den eigenen Reihen getötet.

Bagdad bei Nacht: Stromausfall in der irakischen Hauptstadt
AP

Bagdad bei Nacht: Stromausfall in der irakischen Hauptstadt

Zuvor hatte es in weiten Teilen Bagdads erstmals seit Beginn des Krieges einen totalen Stromausfall gegeben. Die Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole liege nahezu vollständig im Dunkeln, berichteten dpa-Korrespondenten. Die Ursache dafür war zunächst unklar. Die US-Streitkräfte hätten die Stromversorgung nicht angegriffen, sagte Generalstabschef Richard Myers in Washington. Der Stromausfall dauerte am frühen Freitagmorgen an.

Bagdad war auch in der Morgendämmerung wieder Ziel massiver Luftangriffe. Die irakische Hauptstadt wurde nach Angaben von AP von einer Serie von Explosionen erschüttert. Mehrere Gebäude standen in Flammen. Nach unbestätigten Berichten wurden auch Paläste von Saddam Hussein getroffen.

Bush: "Wir gehen nun die letzten 200 Meter"

Die alliierten Streitkräfte würden sich "durch nichts" davon abhalten lassen, den Krieg bis zum Fall des Regimes von Saddam Hussein weiterzuführen, sagte Bush bei einem Besuch auf dem Militärstützpunkt Camp Lejeune (North Carolina). "Wir werden erst stoppen, wenn der Irak frei ist", sagte der Präsident. "Was wir begonnen haben, werden wir zu Ende führen." Das Ende für das "brutale Regime sei nahe".

Zum Vormasch der alliierten Truppen auf Bagdad sagte Bush: "Nachdem wir hunderte Meilen zurückgelegt haben, gehen wir nun die letzten 200 Meter." Die USA würden nicht anderes akzeptieren als einen "vollständigen, endgültigen Sieg".

Es war bereits der dritte Besuch von Bush auf einer US-Militärbasis seit Beginn des Krieges vor zwei Wochen. Camp Lejeune ist der Heimatstützpunkt vieler im Irak-Krieg eingesetzter Marine-Infanteristen. Im Anschluss an seine Rede vor daheim zurück gebliebenen Truppen traf Bush mit Angehörigen von im Irak-Krieg getöteten Soldaten zusammen.

Gewohnt optimistisch gab sich auch der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Die US-Soldaten stünden "an der Türschwelle des irakischen Regimes". Die amerikanischen Truppen befänden sich in größerer Nähe zu Bagdad als manche Berufspendler zu ihren Büros im Stadtzentrum von Washington, sagte der Pentagon-Chef am Donnerstag vor Journalisten. Die Fortschritte der alliierten Truppen seien groß. Das irakische Regime verfüge kaum noch über reguläre Streitkräfte.

Rumsfeld warnte zugleich vor der Annahme, das Schlimmste sei überstanden. Die schwersten Kämpfe könnten sehr wohl noch bevorstehen. "Das Regime ist geschwächt, aber es ist nach wie vor tödlich", sagte der Minister. An die irakischen Soldaten gerichtet erklärte Rumsfeld, sie hätten weiter die Chance zu überleben, wenn sie das Richtige täten "und sich gegen einen Führer wenden, der verdammt ist".

Flüchtlingsstrom bremste US-Vormarsch

Irakische Deserteure und Zivilisten sind am Donnerstag einem US-Fernsehbericht zufolge massenweise aus Bagdad geflohen, um sich den vorrückenden US-Truppen zu ergeben. "Was uns jetzt aufhält, ist die Flut an Deserteuren und Zivilisten in Bussen, auf Lastwagen, mit Taxis und allem, was überhaupt nur fahrbar ist", berichtete ein Reporter des Fernsehsenders ABC. Es seien nun so viele Menschen in den Straßen auf dem Weg zu ihren Familien oder um sich zu ergeben, dass es unmöglich sei, militärisch weiter vorzugehen. Mehr als 60 Busse mit irakischen Flüchtlingen seien gezählt worden.

"Unsere Einheit hat nun angehalten, um rasch ein Kriegsgefangenenlager aufzubauen", sagte der Korrespondent, der eine Division von US-Marineinfanteristen begleitet. Diese hält sich derzeit südlich von Bagdad im Zentralirak auf.

"Eine Sache von Stunden, bis wir in Bagdad sind"

Zuvor war der Vormarsch der US-Truppen schneller verlaufen, als von den Militärs erwartet. "Unsere Leute können die Skyline von Bagdad sehen", sagte ein ranghoher Militärvertreter in Washington, "so nah sind wir herangekommen." US-Militärs sprachen von einer Entfernung von weniger als zehn Kilometern. "Wir kommen näher und näher", sagte der Sprecher des US-Oberkommandos, Frank Thorp, im alliierten Hauptquartier in Katar. "Sobald die Entscheidung dazu getroffen ist, wird es nur noch eine Sache von Stunden sein, bis wir in Bagdad sind." Da die irakische Regierung keine Anzeichen für eine Kapitulation zeigt, deutet alles auf eine Erstürmung der Hauptstadt hin.

Die größten Geländegewinne meldeten am Donnerstag die Truppen der westlichen Stoßrichtung auf Bagdad. Einheiten der 3. Infanteriedivision nahmen den US-Angaben zufolge die Brücke von Musajib ein, 56 Kilometer südlich von Bagdad, und überquerten den Euphrat in Richtung Norden. Die Einheiten der östlichen Stoßrichtung bewegten sich den Tigris entlang von Südosten aus auf Bagdad zu. Die am Mittwoch eingenommene Stadt Kut war am Donnerstag aber nach Berichten von beiden Seiten Schauplatz heftiger Kämpfe.

"Eine Lage, aus der es kein Entkommen gibt"

Der britische Militärsprecher Al Lockwood erklärte, die Iraker seien in einer zunehmend ausweglosen Situation, "in einer Lage, aus der es kein Entkommen gibt". Die amerikanische Militärführung erwartet jedoch weiteren Widerstand der Republikanischen Garde. Truppen dieser Elite-Einheiten wurden nach Pentagon-Informationen von Bagdad aus nach Süden geschickt - offenbar um die dort von US-Streitkräften dezimierten Divisionen zu verstärken.

Angriff auf Bagdads Flughafen

In der Nacht zuvor waren US-Soldaten bereits kurzzeitig in einen Präsidentenpalast nahe des Flughafens eingedrungen, offenbar ohne dort auf Widerstand zu stoßen. Flugzeuge der Alliierten flogen unterdessen weitere Angriffe gegen Ziele im Süden Bagdads. Seit dem Mittag detonierten serienweise Bomben.

Die heftigsten Gefechte des Krieges dürften nun bevorstehen, warnte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums in Washington. Es werde ein Zangenangriff auf Bagdad vorbereitet. Die eine Stoßrichtung soll vom Süden der Hauptstadt aus über Kerbela erfolgen, die andere von Südosten dem Tigris folgend. "Der Kreis um Bagdad schließt sich", sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Washington. Aus Furcht vor Angriffen mit Chemiewaffen sollen die Frontsoldaten Schutzanzüge tragen.

Panzerraupen aus Israel

Nach einem AP-Bericht haben sich die US-Truppen zur Vorbereitung auf Straßenschlachten von israelischen Militärs über den Einsatz in Gazastreifen und Westjordanland informieren lassen. Sie hätten neun gepanzerte Spezialraupen des Typs D9 vom israelischen Heer erworben, mit denen Schneisen geschlagen werden könnten, in die Panzer nachrücken sollen.

Umstrittene Streubomben im Einsatz

Im Kampf gegen die irakischen Truppen setzen die amerikanischen und britischen Militärs inzwischen Streubomben ein. Diese werden aus der Luft in einem größeren Behälter abgeworfen, der sich über dem Zielgebiet öffnet. Ein Bombenbehälter des von den USA unter anderem verwandten Typs BLU 97 enthält rund 200 Streubomben in der Größe einer Cola-Dose, die Ziele in einem Gebiet von der Größe zweier Fußball-Felder vernichten können. Wegen der schweren Wunden, die diese Bomben reißen können, verlangen Menschenrechtsorganisationen seit langem deren Ächtung. B-52-Bomber haben nach den Berichten neuartige Streubomben auf Panzer der Republikanischen Garde vor Bagdad abgeworfen.

US-Panzer bei Kerbala
AP

US-Panzer bei Kerbala

Wie die BBC und die britische Agentur PA übereinstimmend berichteten, wurden sechs Ziel gesteuerte 454-Kilogramm-Bomben des Typs CBU-105 eingesetzt. Jede habe zehn panzerbrechende Kleinbomben getragen, die an Fallschirmen auf irakische Panzerkolonnen niedergegangen seien.

Britische Truppen setzten nach BBC-Angaben auch bei Basra Streubomben ein. Ein Militärsprecher habe bestätigt, dass die Bomben vom Typ L20 auf offene Gebieten geschossen wurden, wo eine große Anzahl irakischer Einheiten zusammengezogen worden seien.

Irak: 14 Tote durch Streubomben in Bagdad

Iraks Informationsminister Mohammed Sajjid al-Sahhaf sagte am Donnerstag vor der Presse in Bagdad, seit Mittwoch seien bei Luftangriffen in der Hauptstadt 19 Zivilisten getötet und rund 200 Menschen verletzt worden. Bei einem Streubomben-Angriff auf den Stadtteil al Durra seien am frühen Donnerstagmorgen allein 14 Menschen getötet worden. Auch im rund 30 Kilometer von Bagdad entfernten Angriff auf al-Mahmudija sei ein Wohnviertel getroffen worden. Laut al-Sahhaf starben dabei fünf Iraker. 59 Menschen seien verletzt worden.

Nach irakischen Angaben schlug in Bagdad zuvor auch eine Rakete in einen Gebäudekomplex des irakischen Roten Halbmondes ein, zu dem eine Geburtsstation gehört. Dabei seien mindestens 15 Menschen verletzt worden, darunter mehrere Ärzte.

Basra von drei Seiten umstellt

Nach britischen Militärangaben ist die Millionenstadt Basra im Süden des Landes inzwischen von drei Seiten eingeschlossen. AP berichtet zudem, dass es britischen Einheiten zum ersten Mal gelungen sei, ein Lager innerhalb der Stadt zu errichten. Britische Soldaten hätten den Schatt al-Basra-Kanal am südlichen Stadtrand überquert. Der arabische TV-Sender al-Arabija berichtete, Hunderte von Zivilisten hätten nach dem Beschuss eines Wohnviertels die Stadt verlassen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) will an diesem Freitag erste Hilfslieferungen nach Basra bringen.

Weitere Ereignisse des Tages:

  • Innerhalb weniger Stunden verloren die US-Streitkräfte in der Nacht zum Donnerstag ein amerikanisches Kampfflugzeug und einen Hubschrauber. Dabei wurden sechs der elf US-Soldaten an Bord des Helikopters vom Typ Black Hawk getötet, wie das Pentagon mitteilte. Die US-Führung räumte zunächst ein, dass erstmals seit Kriegsbeginn ein US-Kampfflugzeug abgeschossen worden sei. Später wurde jedoch eingeschränkt, dass die Ursache des Absturzes noch untersucht werde.
  • Die jemenitischen Behörden haben am Donnerstag die Ausreise von 28 Jemeniten verhindert, die als freiwillige Kämpfer in den Irak ziehen wollten. Wie am Flughafen der Hauptstadt Sanaa zu erfahren war, wollten die Männer über Syrien in den Irak einreisen. Am Flughafen entbrannte eine wüste Prügelei, als die Sicherheitskräfte die selbst ernannten "Gotteskrieger" daran hinderten, in die Maschine nach Damaskus zu steigen.
  • Der jordanische König Abdullah II. hat nach Druck der Opposition den Krieg gegen das Nachbarland Irak verurteilt. Zugleich bezeichnete er zivile irakische Kriegsopfer als "Märtyrer". In Bagdad "hat niemand anderes als das irakische Volk das Recht, über seine Führung zu bestimmen", sagte er der nationalen jordanischen Nachrichtenagentur.
  • Saddam Hussein ließ die Kurden im Nordirak vor einer Zusammenarbeit mit den alliierten Streitkräften warnen. In einem von Informationsminister Mohammed Said al-Sahhaf im Fernsehen verlesenen Brief an den Chef der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), Dschalal Talabani, hieß es, eine Zusammenarbeit mit dem Feind oder eine "Kapitulation" werde von allen "ehrenhaften" Irakern als legitimes Recht zum Kampf gegen die Kurden verstanden werden. Kurdische Kämpfer ("Peschmerga") rückten derweil weiter mit US- Unterstützung in Stellungen vor, die irakische Truppen aufgegeben haben.
  • Die US-geführten Streitkräfte haben in der Nacht zum Donnerstag nach eigenen Angaben knapp 40 Satelliten gesteuerte Bomben auf Bagdad abgefeuert. Ziel seien Lagerstätten gewesen, in denen militärisches Gerät vermutet werde, teilte das US-Central Command in Katar mit.
  • Der britische Premier Blair distanzierte sich erstmals von der Position Washingtons im Irak-Krieg. Im Unterhaus stellte er klar, dass Großbritannien "absolut keine Pläne" für eine Invasion Irans oder Syriens habe. US-Verteidigungsminister Rumsfeld hatte Syrien vorgeworfen, dem Irak militärische Ausrüstung zu liefern und von einem "feindlichen Akt" gesprochen.
  • Die Uno-Kulturorganisation Unesco berichtete von ersten Kriegsschäden an irakischen Kulturgütern durch Bombenangriffe der Alliierten. Sie habe "alarmierende Informationen" über Schäden an Museen in Bagdad, Tikrit und Mossul. Der Irak nutzt nach Angaben australischer Militärs Kulturdenkmäler als Schutz gegen alliierte Angriffe.

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