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26. September 2011, 11:48 Uhr

Sturm auf Gaza-Flotte

Türkei fahndet auf Facebook nach israelischen Soldaten

Israelische Soldaten, die an dem Sturm auf die Gaza-Hilfsflotte im Mai 2010 beteiligt gewesen sein sollen, geraten ins Visier türkischer Ermittler: Einem Bericht zufolge nutzt der Geheimdienst Facebook und andere Netzwerke, um die Soldaten zu identifizieren - 174 Personen stehen unter Verdacht.

Ankara - Der türkische Geheimdienst greift bei der Untersuchung des tödlichen Militäreinsatzes auf eine Gaza-Hilfsflotte im Mai vergangenen Jahres offenbar auf soziale Netzwerke zurück. Einem Zeitungsbericht zufolge versuchten türkische Ermittler etwa per Facebook, jene israelischen Soldaten zu identifizieren, die an dem blutigen Einsatz gegen das Hilfsschiff beteiligt waren.

Der Geheimdienst habe Fotos aus israelischen und türkischen Zeitungen genutzt, um nach den Soldaten in Online-Netzwerken zu suchen, berichtete die türkische Tageszeitung "Sabah" am Montag. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dementierte allerdings gegenüber der israelischen Zeitung "Haaretz", die Zusammenstellung der Informationen angeordnet zu haben. Die Liste sei von einem Anwalt det türkischen Organisation IHH übergeben worden.

Der Streit um den Sturm auf die Hilfsflotte hat die einst guten Beziehungen zwischen der Türkei und Israel massiv gestört. Die Türkei verlangt eine Strafverfolgung der israelischen Soldaten und will dies vor internationalen und türkischen Gerichten durchsetzen.

174 Personen unter Verdacht

Der Geheimdienst habe dem zuständigen türkischen Staatsanwalt eine Liste mit den Namen von 174 verdächtigen Soldaten und ihrem Dienstgrad übergeben, schreibt die "Sabah" weiter. Die Türkei werde die Daten auch an die israelische Regierung weiterleiten.

Am 31. Mai 2010 hatte die "Mavi Marmara" zusammen mit anderen Schiffen Israels Seeblockade des Gaza-Streifens durchbrechen und 10.000 Tonnen Hilfsgüter zu den Palästinensern bringen wollen. Israelische Militär griffen die Flotte daraufhin von Kommandobooten und Hubschraubern aus an. Dabei wurden neun türkische Aktivisten getötet.

In einem Uno-Untersuchungsbericht war Israels Position in wesentlichen Punkten gerechtfertigt worden. Ankara kritisiert unter anderem, die Kommission habe ihre Zuständigkeit weit überschritten.

Die Fronten zwischen beiden Ländern sind nach wie vor verhärtet: Israel weigert sich, sich für den blutigen Militäreinsatz bei Ankara offiziell zu entschuldigen. Der Streit eskalierte, als die türkische Regierung Anfang September ranghohe israelische Diplomaten ausweisen ließ. Sowohl die militärische Zusammenarbeit als auch die Handelsbeziehungen zu Tel Aviv liegen auf Eis.

Zuletzt sorgte Recep Tayyip Erdogan mit Verbalattacken für Aufruhr - der türkische Premier beschuldigte Israel des "Staatsterrors" und bezeichnete den Sturm auf die Hilfsflotte als "Kriegsgrund".

amz/dpa

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