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03. Juli 2013, 22:35 Uhr

Reaktionen auf Morales' Zwangslandung

Die Angst der Abhängigen

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Im Eklat um die Zwangslandung in Wien solidarisieren sich nur wenige Spitzenpolitiker aus Süd- und Mittelamerika mit Evo Morales. Brasilien oder Mexiko schweigen lieber. Denn niemand will es sich mit der Übermacht USA verderben.

Für einen Moment scheint Lateinamerika einmal einer Meinung zu sein: vereint in der Empörung über den Fall Evo Morales. Kaum geistert die Nachricht der Zwangslandung durch die Welt, da solidarisieren sich Staatslenker aus Süd- und Mittelamerika reihenweise mit dem bolivianischen Präsidenten. "Wir sind alle Bolivien", twittert Ecuadors Staatschef Rafael Correa und verlangt die Einberufung einer außerordentlichen Sitzung der Union der südamerikanischen Staaten (Unasur). Seine argentinische Amtskollegin Cristina Kirchner twittert "Mutter Gottes! Was für eine Welt!" und deutet ein mögliches Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof an.

Kubas Regierung wettert, das Überflugverbot für Morales sei "ein unzulässiger, unbegründeter und parteiischer Akt, der ganz Lateinamerika beleidigt". Venezuelas Außenminister Elias Jaua spricht von einer "Agression" gegen sein eigenes Land, Nicaraguas First Lady Rosario Murillo von einer "kriminellen Handlung". Boliviens Vizepräsident Álvaro García Linera beklagt gar "eine Entführung des Präsidenten der Bolivianer durch imperialistische Mächte". Und der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, José Miguel Insulza, erklärt feierlich: "Nichts kann eine Handlung solcher Respektlosigkeit gegen das höchste Amt eines Landes rechtfertigen."

Aber dann wird es still, es kommt nichts mehr nach. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff schweigt. Mexicos Präsident Enrique Peña Nieto schweigt. Kolumbiens Juan Manuel Santos verweigert jeglichen Kommentar zu Morales - mit der Begründung, er kenne die Faktenlage nicht. Und so sind es am Ende doch nur wieder die üblichen Verdächtigen, die protestieren.

"Näher betrachtet fällt auf, dass diejenigen Regierungen, die reagiert haben, ohnehin angespannte Beziehungen zu den USA haben", sagt Claudia Zilla, Leiterin des Forschungsbereichs Amerika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Lateinamerika ist gespalten wie eh und je, in Links und Rechts, Amerika-Gegner und -Freunde. Und daran wird sich so schnell nichts ändern. "Wenn die Unasur eine gemeinsame Protestnote gegen die USA hinbekommt, ist das schon eine Menge", sagt Klaus Bodemer, langjähriger Leiter des GIGA-Instituts für Lateinamerika-Studien in Hamburg. "Chile, Kolumbien, Brasilien oder gar Mexiko werden sich kaum aus dem Fenster lehnen." Dazu stehen diese Regierungen Washington zu nahe, sind die wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu groß.

Seit vor 190 Jahren der damalige US-Präsident James Monroe Europas Kolonialmächte aufrief, sich von ganz Amerika fernzuhalten, dominieren die Vereinigten Staaten selbst den Kontinent. Immer wieder haben sie militärisch interveniert, ob in Chile, Nicaragua oder Panama. Vor allem aber sind sie der größte Exportmarkt für viele Mittel- und Südamerikanische Staaten. "Niemand möchte es sich mit den USA verderben", sagt Bodemer.

Selbst Venezuela nähert sich seit dem Tod Hugo Chávez' wieder Washington an. Wie erst neulich herauskam, verabredete sich Außenminister Elías Jaua heimlich mit seinem US-Amtskollegen John Kerry auf der Kabrikinsel Antigua, um Grundlagen einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit auszuloten. Auf die Frage, ob Venezuela Edward Snowden Asyl geben würde, hat die Regierung bislang keine klare Antwort gegeben. Und als Präsident Maduro am Dienstag beim Gipfeltreffen der erdgasexportierenden Staaten in Moskau gefragt wurde, ob er vorhabe, Edward Snowden mitzunehmen, erklärte der Venezolaner, er wolle erst einmal ein Handelsabkommen mitnehmen.

Evo Morales beantwortete dieselbe Frage mit einem lässigen "Warum nicht?" Ein paar Stunden später bekam der Bolivianer die Konsequenzen zu spüren.

"Jedes Land, das Snowden Asyl gewährt, riskiert eine Ohrfeige der USA", sagt Politologe Bodemer. Für Snowden sinkt auch in Lateinamerika die Hoffnung auf Zuflucht. Selbst Ecuador hat bislang nur erklärt, seinen Antrag zu prüfen. Brasilien lehnt Asyl für Snowden ab, die übrigen Regierungen sagen am liebsten gar nichts zu dem heiklen Thema. Da sind sie sich wirklich mal eins.

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