Suche nach Taliban-Führer Wie Mullah Omar in der Rikscha floh

Es wäre ein Riesenerfolg für die Amerikaner, wenn sie Mullah Mohammed Omar endlich zu fassen bekämen. Doch der Taliban-Führer bleibt, genau wie Bin Laden, verschwunden. Sein Chauffeur erzählt jetzt, wie knapp US-Soldaten Omar verpasst haben.


Kabul - Auch nach Beginn der Luftangriffe markierte der oberste Taliban-Führer den starken Mann: "Selbst wenn Bush persönlich an meiner Tür auftaucht, ich werde bleiben", soll Mullah Omar gesagt haben. Das berichtet sein langjähriger Chauffeur Kari Sahib im Interview mit "Newsweek".

Sahib war bei seinem Chef am 7. Oktober, als die ersten Bomben auf Kandahar fielen. Damals habe Omar sich noch geweigert, sein Haus zu verlassen. Seine Berater hätten ihn gewarnt, die Amerikaner könnten chemische Waffen benutzen. Omar habe auf seine Gasmaske verwiesen. Die rette ihn nur eine Stunde, warnten die Berater. Daraufhin habe sich der Führer zur Flucht entschlossen.

Wohl wissend, dass die Amerikaner sein Auto ins Visier nahmen, sei der Mullah in eine Rikscha verfrachtet worden. Nach Angaben des Chauffeurs ist er ins Stadtzentrum und dort in einen getarnten Lkw gebracht worden - danach sei der Mullah verschwunden. Die nächsten Monate, so Sahib, flüchtete Omar von Haus zu Haus und schlief irgendwo bei irgendwem auf dem Boden.

Kurz darauf seien die Amerikaner gekommen, um Omars Haus zu durchsuchen. Sahib berichtet, wie die Taliban sich in der Nähe versteckten und Handgranaten warfen. Ein Kämpfer habe sechs Panzer in die Gegend geordert, doch US-Bomben hätten sie zerstört, bevor sie das Gebiet erreichten.

Die Stimme des Fahrers drückt Bewunderung aus: "Was für eine Armee haben diese Amerikaner. Es war verblüffend zu sehen, wie sie all unsere Panzer zerstörten." Doch den Mullah erwischten die Soldaten nicht. Der Chauffeur floh nach Pakistan.

Parfüm des Propheten und CDs im Auto

Viele Stunden habe er Mullah Omar in seinem Wagen gefahren, erzählt Sahib der "Newsweek". Nach einer Weile habe das Auto nach dem Parfüm des Taliban-Führers gerochen. Den gleichen Duft habe auch der Prophet Mohammed getragen, erklärte er seinem Chauffeur.

Mullah Omar wollte ein Symbol der Reinheit in einer schlechten Welt sein, sagt Sahib. In Afghanistan habe er vielen als Mann des Volkes gegolten, der Ruhe und Ordnung in das Land am Hindukusch gebracht hat.

Doch an die strengen Regeln der Taliban hielt sich der oberste Führer selbst nicht gerne. Musik und Gesang waren für das Volk verboten. Omar habe im Auto aber gerne CDs gehört. Bevorzugt eine von Saraji, einem Taliban, der mit patriotischen Kriegsliedern bekannt wurde. Dann habe Omar sogar mitgesungen, erzählt Sahib.

Vorbild Märchenkönig

Nachts habe sich der Mullah verkleidet unter das Volk geschlichen. "Er wollte von den Problemen des Volkes wissen. Sehen, ob sie von den Taliban gut behandelt werden", sagt der Chauffeur. Allzu genau kann der einäugige Führer nicht hingesehen haben. Jahrelang hat das Volk unter der Herrschaft gehungert, während der Mullah selbst komfortabel mit Klimaanlage und Tiefkühltruhen in seinem Haus lebte.

Jetzt befindet sich Omar seit Wochen auf der Flucht. Oder ist er bereits tot? Kari Sahib weiß es nicht. Er ist zurück in Afghanistan und sucht nach Arbeit. Wenn der neue Regierungschef Hamid Karzai einen Chauffeur bräuchte: Er wäre bereit, den Job zu machen.



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