Amnesty-Bericht zum Sudan Chemiewaffen gegen das eigene Volk

Amnesty International erhebt schwere Vorwürfe gegen den Sudan. Demnach greift die Armee Menschen mit Chemikalien an. Bilder zeigen schwerste Verletzungen, 200 Zivilisten kamen offenbar ums Leben.
Opfer der Regierungsoffensive in Thur, Darfur-Region, Sudan

Opfer der Regierungsoffensive in Thur, Darfur-Region, Sudan

Foto: Amnesty International

Die sudanesische Armee hat in der Bürgerkriegsregion Darfur seit Jahresanfang in 32 Fällen Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Dafür legt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nun zahlreiche Belege vor. Laut Amnesty starben in der Folge mindestens 200 Menschen.

Die Chemieangriffe sind Teil einer Offensive der sudanesischen Armee, die im Januar 2016 begann und bis zuletzt andauerte. Im Sudan kämpfen Rebellen der Sudanesischen Befreiungsarmee (SLA) seit 13 Jahren gegen das Regime von Präsident Umar al-Baschir, dem sie die Unterdrückung der nichtarabischen Bevölkerung vorwerfen. Die Regierung antwortet mit brutaler Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im Westen des Landes.

Der Amnesty-Bericht zitiert zwei Chemiewaffen-Experten, denen zufolge es sich bei den eingesetzten Kampfstoffen um Senfgas oder eine Kombination von Chemikalien und hoch konzentriertes Reizgas handeln könnte. Um die genaue Zusammensetzung zu bestimmen, müssten "so schnell wie möglich" Gewebe- und Bodenproben genommen werden, da die Chemikalien sich schnell zersetzen.

Bilder von Opfern, die Amnesty aus der Region Jebel Mara erhalten hat, zeigen aufgeplatzte Haut, Blasen in der Leistengegend, in Arm- und Ellenbeugen, die auf einen Einsatz von sogenannten blasenziehenden Hautkampfstoffen hindeuten. Die so entstandenen Wunden heilten schlecht oder gar nicht.

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Amnesty-Bericht: Spurensuche im mörderischen Darfur-Konflikt

Foto: Amnesty International

In Interviews berichten Dutzende Zeugen von schlagartiger Übelkeit, kurz nachdem Bomben im Frühjahr 2016 in ihrer Nähe niedergingen. Ein "unnatürlicher", "scharfer" Gestank habe sich verbreitet, viele Opfer hätten unter Atemnot gelitten und sich erbrechen müssen. Außerdem belegen Satellitenbilder weitreichende Zerstörung ganzer Dörfer und eine neue Ansammlung von Tausenden Flüchtlingszelten rund um ein Uno-Camp nördlich des aktuellen Kampfgebiets. Bereits im April hatte die Uno von mehr als 100.000 neuen Flüchtlingen in der Darfur-Region berichtet.

Improvisiertes Flüchtlingslager nördlich von Jebel Mara

Improvisiertes Flüchtlingslager nördlich von Jebel Mara

Foto: Amnesty International

Amnesty-Direktorin Tirana Hassan sagte, die Brutalität der Angriffe sei schwer in Worte zu fassen: "Die Beweise, die wir zusammengetragen haben, sind glaubhaft und zeigen ein Regime, das mit voller Absicht Angriffe gegen die Bevölkerung in Darfur ohne jegliche Angst vor internationaler Bestrafung ausübt." Der Einsatz von Chemiewaffen sei ein Kriegsverbrechen, sagte Hassan. Sie seien seit Jahrzehnten geächtet; dass die sudanesische Regierung sie "wiederholt gegen das eigene Volk einsetzt", dürfe nicht ignoriert werden.

Im Sudan regiert Präsident Baschir seit mehr als 20 Jahren mit beinahe unbeschränkter Macht, seit 2003 führt er Krieg im eigenen Land. Dem Sudankonflikt sollen bereits 300.000 Menschen zum Opfer gefallen sein, rund 2,6 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die Unabhängigkeit des Südsudan vor fünf Jahren war eine Folge des andauernden Bürgerkriegs. Wegen früherer Massaker in der Region Darfur wird der Staatschef mit Haftbefehl vom Haager Strafgerichtshof gesucht, reist aber in der Region immer wieder unbehelligt zu Gipfeln und Staatsempfängen.

Baschir auf Staatsbesuch in Uganda, Mai 2016

Baschir auf Staatsbesuch in Uganda, Mai 2016

Foto: Stephen Wandera/ AP

Der Sudan ist nicht nur Kriegsschauplatz, sondern auch ein zentrales Transitland für afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Darum ist das Regime Baschirs auch ein strategischer Partner der Europäischen Union bei der Bekämpfung von Fluchtursachen. Wie der SPIEGEL berichtete, soll der Sudan im Rahmen der Flüchtlingspartnerschaft mit Sicherheitstechnik ausgerüstet werden, federführend dabei ist Deutschland.

Mit Material von dpa