Proteste im Sudan ungebrochen Die Wut auf den Straßen von Khartum

Die Demos in Sudans Hauptstadt gehen weiter, hinter den Kulissen liefert sich die Opposition einen Machtkampf mit dem Militär: Lenken die Vertreter des alten Regimes ein - oder schlagen sie doch noch los?

Umit Bektas/REUTERS

Von und , Khartum und Hamburg


Jeden Morgen um sechs Uhr steht Mariam Ameer auf, um die Revolution voranzubringen. Sie zieht eine orangefarbene Weste an und weckt jene Protestanten, die vor dem Verteidigungsministerium in Khartum übernachtet haben. Dann fegt sie die Straße, malt Slogans und feuert die Demonstrierenden an. "Wir werden unsere Mission erfüllen", sagt die 19-Jährige. "Wir haben noch nicht, was wir wollen."

Rund drei Wochen ist es her, dass der Langzeitdiktator Omar al-Baschir im Sudan aus dem Amt gejagt wurde. Er sitzt im Kobar-Gefängnis, dort, wo er einst seine Gegner foltern ließ.

Das Land regieren jetzt Militärs, sie verhandeln mit dem Volk, aber längst noch nicht ist klar, in welche Richtung der Sudan geht. Wird das Land demokratisch? Oder gewinnen die Kräfte aus Baschirs altem Machtapparat die Oberhand?

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Sudan: Auf den Straßen von Khartum

Die Massen auf den Straßen - und die internationale Aufmerksamkeit - sind die wichtigsten Druckmittel der Opposition. Unter Baschir war der Sudan abgeriegelt, aber jetzt sieht die Welt zu, wenn jeden Abend Tausende Menschen ins Zentrum Khartums strömen. Das Viertel um das Verteidigungsministerium hat sich zu einem riesigen Protestlager entwickelt, und das inzwischen einen Monat alte Camp ist gut organisiert. Sie stellen sich hier auf einen langen Kampf ein.

Hunderte Helfer wie Mariam sorgen für Ordnung, es gibt Küchen und Kliniken. Die sudanesische Gewerkschaft SPA, die als Initiatorin der Proteste gilt, organisiert Konzerte, Theateraufführungen und Diskussionen. Und es gibt nur ein Thema: Was für eine Vision vom Sudan haben wir? Niemand will, dass die Scharia Leitlinie der Gesetzgebung wird, so wie Teile des Militärs es fordern.

Staatsapparat existiert weiter

Über die Zukunft des Sudan wird hinter verschlossenen Türen verhandelt. Das Ringen der Opposition mit der provisorischen Militärregierung ist zäh und lang. Nach außen dringen oft widersprüchliche Nachrichten. Zwar scheinen sich Militärs und Bürger auf eine gemeinsame Regierung geeinigt zu haben, doch unklar ist offenbar, wie viele Männer in Uniform ihr angehören werden. Der größte Streitpunkt ist wohl der Termin für freie Wahlen: In sechs Monaten oder doch erst in vier Jahren?

Welches Arrangement Opposition und Militärs auch immer treffen - ob die Bürger gegen die Reste des alten Regimes bestehen können, ist offen. Analysten wie Ahmed Soliman vom Thinktank Chatham House warnen: Das Baschir-Regime hatte sich auf einen "Deep State" gestützt, ein tief reichendes Patronagesystem von Sicherheitsapparat, Ölindustrie, Ministerien und islamischer Geistlichkeit - und dieses existiert weiter.

Der ehrgeizigste Vertreter des Baschir-Apparates ist Mohamed Hamdan Daglo. Er ist nicht nur Vizechef der militärischen Übergangsregierung, sondern befehligt auch eine rund 30.000 Mann starke Sondertruppe, die Rapid Support Force. Derzeit gibt sich Daglo versöhnlich, als Friedensstifter und Mann des Volkes, aber ihm werden große Machtambitionen nachgesagt. Seine Truppe war bereits in der Unruheprovinz Darfur für ihre Brutalität berüchtigt. Und die Opposition fordert, Männer wie Daglo wegen ihrer Verbrechen vor Gericht zu stellen.

"Es werden nicht einmal unsere Grundbedürfnisse befriedigt"

Immer wieder gibt es Gerüchte, die Militärregierung könnte doch noch gegen Demonstranten losschlagen. 90 Menschen kamen seit Ausbruch der Proteste Anfang Dezember ums Leben. Doch das hat den Willen der Massen eher noch angeheizt. Selbst im Ramadan ziehen sie noch zu Tausenden durch die Hauptstadt.

So wie Sara Nasreldin Koko, 38. Sie ruht sich an einem heißen Abend in Khartum auf einem Plastikstuhl aus. Um sie herum rufen junge Männer und Frauen Slogans gegen das Militär. Kinder lassen sich die sudanesische Flagge ins Gesicht malen, ältere Frauen bieten Tee in kleinen Gläsern an.

Koko ist aus den Nuba-Bergen angereist. Ihre Heimat litt lange Zeit unter der Grausamkeit des Regimes von Baschir. Trotzdem hat sie es geschafft, Wirtschaft zu studieren. "Aber jetzt bin ich arbeitslos", erzählt sie. "Dabei habe ich jahrelang studiert." Die Menschen in ihrer Heimat litten Hunger, es gebe keine Schulen. Die Frau neben ihr nickt. "Es werden nicht einmal unsere Grundbedürfnisse befriedigt", sagt sie.

Aktivistin Sara Nasreldin Koko
Katrin Kuntz/ DER SPIEGEL

Aktivistin Sara Nasreldin Koko

Auch in Khartum kam es in den vergangenen Tagen zu Engpässen, Banken hatten nicht genug Geld verfügbar, Tankstellen blieben geschlossen, vor den Bäckereien bildeten sich lange Schlangen. Koko ist hier, weil sie hofft, dass eine neue demokratische Regierung auch die gigantischen Wirtschaftsprobleme des Landes löst: "Diese Revolution soll dem Sudan endlich Frieden bringen und ein besseres Leben für die Bürger."

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joernthein 09.05.2019
1. Es ist leicht gesagt,
von hier aus - dem reichen und satten (überfressenen) Europa - den nach Selbstbestimmung strebenden Schwestern und Brüdern im Sudan, Erfolg und Glück zu wünschen. Aber, die Hoffnung kommt von Herzen.
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