Rebellion im Sudan An der Schwelle zum Bürgerkrieg

Blutiger Sonntag: Ein demokratischer Massenprotest gegen das Militärregime im Sudan ist brutal niedergeschlagen worden. Doch auch innerhalb der Streitkräfte tobt ein Machtkampf.

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Nach dem Massaker von Khartum vor rund einem Monat schien der demokratische Protest im Sudan erstickt. Am Sonntag meldeten sich die Demonstranten jedoch zahlreich zurück.

Im ganzen Land waren Zehntausende dem Aufruf der Organisation "Kräfte für Freiheit und Wandel" (FFC) gefolgt, die eine Machtübergabe an eine zivile Regierung verlangt. Die Mobilisierung gelang, obwohl der militärische Übergangsrat (TMC) seit Wochen das Internet blockiert. Im April hatten die demokratischen Kräfte zum Sturz von Machthaber Omar al-Baschir geführt.

Der Protestmarsch sollte auch ein Gedenken für die mehr als hundert Toten vom 3. Juni sein. Damals hatten die Sicherheitskräfte ein Protestlager vor dem Armeehauptquartier überfallen und ein Massaker angerichtet. Bewaffnete hatten in den frühen Morgenstunden Zelte angezündet und scharf in die Menge geschossen, einige Menschen hatten die Angreifer im Schlaf überrascht und getötet.

Doch auch die Bilanz dieses Sonntags ist in mehrfacher Hinsicht traurig.

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Laut Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur wurden am Sonntag sieben Menschen erschossen und mehr als 180 verletzt, etliche durch scharfe Munition. Ein Oppositionsvertreter gab die Zahl der Getöteten jedoch mit zehn an. Er machte den Militärrat für die Gewalt verantwortlich. Dessen Sprecher hingegen erklärte, Schuld sei die Opposition, die zu den Protesten aufgerufen hatte.

Wie am 3. Juni seien auch am Sonntag wieder zahlreiche bewaffnete Kräfte der Miliz Rapid Support Force (RSF) mit Sturmgewehren und Pick-up-Trucks in der Stadt zu sehen gewesen, berichteten Augenzeugen. Schon unter Machthaber Baschir hatten die berüchtigten Einheiten Demonstranten verschleppt, verwundet oder getötet.

Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, der neue starke Mann des Sudan und skrupelloser Milizenchef
Hussein Malla/ AP

Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, der neue starke Mann des Sudan und skrupelloser Milizenchef

Kommandeur der Miliz ist Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti. Offiziell ist er nur Vizevorsitzender des TMC, gilt aber gemeinhin als der neue starke Mann im Sudan. Umso erstaunlicher war daher eine Wortmeldung Hemedtis am Sonntagabend: "Scharfschützen", so der General, hätten auf mindestens sechs Demonstranten, aber auch auf drei Männer seiner RSF-Truppe geschossen.

Sollte Hemedti die Wahrheit sagen, sind RSF-Milizionäre im Chaos der Proteste womöglich ins Schussfeld ihrer Kollegen vom regulären Militär geraten. Oder, und das wäre schlimmer: Der Machkampf im TMC, über den seit Wochen gesprochen wird, ist offen entbrannt. Das hieße: Armee und RSF greifen nicht mehr nur die Demonstranten an, sondern bekämpfen sich nun auch noch untereinander. Das brächte den Sudan näher an die Schwelle zum Bürgerkrieg.

Die Meldung über die verletzten RSF-Kämpfer wurde bisher allerdings nicht bestätigt, es könnte also, dritte Möglichkeit, auch ein Ablenkungsmanöver Hemedtis gewesen sein, um von der Rolle seiner eigenen Leute im Gewaltexzess am Sonntag abzulenken.

General Hemedti inszeniert sich als Machthaber

Der General gilt, ähnlich wie Ex-Machthaber Baschir, als Vertreter des politischen Islam im Sudan, er hat gute Verbindungen nach Ägypten und Saudi-Arabien. Für das blutige Niederschlagen der Proteste vom 3. Juni soll er sich dort das Plazet geholt haben. Gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützen die beiden Länder den Sudan auch finanziell.

Hemedti scheint fleißig in seine politische Zukunft zu investieren: Laut "Financial Times" soll er in Kanada für sechs Millionen Dollar Beratungsleistungen eingekauft haben, unter anderem, um bei der US-Regierung Gehör zu finden. Das Geschäft mit der Firma Dickens & Madson in Montreal wurde demnach im Mai geschlossen. Im Juni hatte das US-Justizministerium gemeldet, die Firma hätte sich als Interessenvertretung Sudans in Washington registriert. Das Ziel, vermutet die "Financial Times", sei ein persönlicher Termin bei Donald Trump, unter dessen Präsidentschaft es angeblich einfacher geworden sei, mit Lobbyistenhilfe Gehör bei der US-Regierung zu finden.

Dagalo bei einer Kundegebung in Aprag, 60 Kilometer außerhalb der Hauptstadt
Umit Bektas/ REUTERS

Dagalo bei einer Kundegebung in Aprag, 60 Kilometer außerhalb der Hauptstadt

Kurz vor den Protesten am Sonntag hatte der Militärrat die Sudanesen gewarnt, sie sollten nicht an weiteren Demonstrationen teilnehmen. Am Samstag allerdings hatte der TMC seinerseits eine Pro-Militär-Kundgebung organisiert. Und am Wochenende davor stand General Hemedti außerhalb der Hauptstadt bei einer Jubelveranstaltung selbst auf der Ladefläche eines Trucks und reckte einen Gehstock in die Höhe. Im Sudan ist das seit Diktator Baschir, der sich ähnlich inszenierte, ein Sinnbild für absoluten Machtanspruch.

Oppositionsführer Sadiq al-Mahdi, bis 1989 letzter demokratischer Regierungschef des Sudan, warnt nun vor einem Auseinanderbrechen der Streitkräfte. Hemedtis RSF müsse möglichst bald im regulären Militär aufgehen und sich der Armee unterordnen. Es sei wichtig, dass beide Seiten sich versöhnten. Wenn "sie es auskämpfen, dann wird das sehr schlecht für den Sudan", so Mahdi.

Am Montag begruben die friedlichen Kämpfer für einen demokratischen Sudan wieder einmal ihre Toten. In Omdurman, Schwesterstadt von Karthum auf der anderen Nilseite, kamen erneut Hunderte Demonstranten zusammen und riefen "Nieder mit der Militärherrschaft". Sie wollen sich Hemedti offenbar nicht beugen.

Mit Material von Reuters



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